SPIEGEL ONLINE - 07. Oktober 2003, 15:27 URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltraum/0,1518,268006,00.html Interview mit Mars-Visionär Zubrin "Wir müssen es nur tun" Ein bemannter Flug zum Mars gilt unter Forschern als eine der größten technischen Herausforderungen der Zukunft. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem amerikanischen Experten und Mars-Visionär Robert Zubrin über die Möglichkeiten einer Mission zum Roten Planeten. SPIEGEL ONLINE: Herr Zubrin, welches sind die wesentlichen Elemente einer bemannten Marsmission und wie weit sind sie entwickelt? Zubrin: Die erforderlichen Kerntechnologien für eine solche Mission sind bereits erfunden. Was noch fehlt, ist deren Umsetzung in Hardware. Wir brauchen eine Schwerlastrakete, eine Antriebstufe für den interplanetaren Flug, ein aerodynamisches Schild für das Bremsmanöver in der Marsatmosphäre, Energiesysteme und Treibstoffproduktionsanlagen auf der Marsoberfläche. Wir wissen, wie all das gebaut werden kann. Wir müssen es nur tun. SPIEGEL ONLINE: Gibt es nach dem Absturz der Raumfähre "Columbia" eine neue Diskussion über solche langfristigen Zielsetzungen? Zubrin: Ja, die gibt es. Die "Columbia"-Krise hat zu einem intensiven Nachdenken über die Ziele des Raumfahrtprogramms geführt. Wenn wir bei bemannten Raumflügen Menschenleben aufs Spiel setzen, müssen wir damit Ziele verfolgen, die diese Risiken wert sind. Die Mars Society und andere Befürworter einer Marsmission beteiligen sich an dieser Diskussion. Wir werden sehen, wie erfolgreich wir damit sind. SPIEGEL ONLINE: Sie haben das "Mars Direkt"-Konzept entwickelt, das den Start einer solchen Mission direkt von der Erdoberfläche vorsieht. Es wird aber auch darüber diskutiert, das Marsraumschiff im Erdorbit zusammenzubauen, oder erst zum Mond zurückzukehren und den Weg zum Mars Schritt für Schritt zu gehen. Was halten Sie davon? Zubrin: Im Lauf ihrer Geschichte hat die Nasa zwei unterschiedliche Ansätze verfolgt. Den einen nenne ich den Apollo-Modus, der im Wesentlichen von 1961 bis 1973 vorgeherrscht hat. Der andere ist der Shuttle-Modus, der seitdem das Handeln bestimmt. Der Apollo-Modus funktioniert folgendermaßen: Sie entscheiden, wohin Sie wollen. Sie entwickeln einen Plan, wie Sie dorthin kommen. Sie entwerfen die dafür erforderliche Hardware, bauen sie und fliegen die Mission. Im Shuttle-Modus gibt es dagegen verschiedene Interessengruppen, die Vorschläge zur Entwicklung von Technologien und Hardware machen. Je nachdem, wie durchsetzungsfähig sie sind, entsteht so eine Zufallsauswahl unterschiedlicher Technologien. SPIEGEL ONLINE: ... was für eine bemannte Marsmission von Nachteil wäre? Zubrin: Genau. Der Shuttle-Modus ist eine Ad-Hoc-Vorgehensweise, chaotisch und zufällig, die keinen Fortschritt bringt. Wenn Sie zum Mars wollen, entwickeln Sie den optimalen Plan, um dorthin zu kommen. Wenn dieser Plan eine Station auf dem Mond beinhaltet, ist das in Ordnung. Aber bauen Sie keine Mondbasis mit dem Argument, dass sie bei der Durchführung einer Marsmission vielleicht nützlich sein könnte. Denn wahrscheinlich wird sie das nicht sein. Wenn wir jemals den Mars erreichen wollen, müssen wir zum Apollo-Modus zurückkehren. SPIEGEL ONLINE: Der Apollo-Modus bedeutet aber nicht, dass wir zum Mars fliegen, um dort eine Flagge zu hissen und Fußspuren zu fotografieren. Diesmal würden wir dorthin fliegen, um zu bleiben, oder? Zubrin: Das denke ich auch. Das Problem des Apollo-Programms bestand darin, dass es als Wettbewerb zwischen den Kontrahenten im Kalten Krieg konzipiert war. Seine eigentliche historische Bedeutung besteht darin, den ersten Schritt der Menschheit in den Kosmos und auf eine andere Welt ermöglicht zu haben. In 500 Jahren wird außer einigen Historikern niemand mehr wissen, was die Sowjetunion war, und es wird niemanden interessieren, dass die USA sie im Wettrennen zum Mond geschlagen haben. Aber man wird sich an die ersten Schritte auf dem Mond erinnern, denn damit wurde ein neues Kapitel der Geschichte der Menschheit eröffnet, die damit zu einer multiplanetaren Spezies wurde. SPIEGEL ONLINE: Als Begründung für eine bemannte Mission zum Mars werden häufig die wissenschaftlichen Untersuchungen genannt, die dort durchgeführt werden können. Kann das wirklich das vorrangige Ziel sein? Zubrin: Wissenschaft rechtfertigt in unserer Gesellschaft die Erkundung des Mars, so wie Christoph Columbus seine Expedition mit der Suche nach einem billigeren Transportweg für Gewürze aus Indien rechtfertigte. Für uns hat es heute keine besondere Bedeutung mehr, dass er damit nicht erfolgreich war. Was ihn zu einer Persönlichkeit des Jahrtausends gemacht hat, ist die Tatsache, dass er der westlichen Zivilisation zwei neue Kontinente eröffnet hat. Ebenso wenig wird es in 500 Jahren die Menschen auf dem Mars interessieren, ob wir dort nach Spuren von Leben gesucht haben. Worauf es wirklich ankommt, ist, dass wir aufbrechen. SPIEGEL ONLINE: Die Befürworter wünschen sich eine bemannte Marsmission als internationales Projekt. Wenn es nicht zu Stande kommen sollte, würden Sie den Flug zum Mars dann lieber auf nationaler Ebene durchführen oder darauf verzichten? Zubrin: Ich denke, die Marsmission sollte ein internationales Vorhaben sein. Aber wenn Europa oder andere Länder sich nicht daran beteiligen wollen, dann ist das deren Entscheidung. Ich würde dann auch eine rein amerikanische Mission unterstützen. Die Nationen, die zum Mars aufbrechen, werden der Zukunft ihren Stempel aufdrücken. SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich ein Wettrennen zum Mars vorstellen? Zubrin: Es könnte passieren. Ein wenig Wettbewerb wäre nützlich, aber ich würde es bevorzugen, wenn er mehr den Olympischen Spielen statt dem Kalten Krieg ähnelte. Konkurrenz kann hilfreich sein, solange sie in zivilisierten Bahnen verläuft. Insofern wünsche ich mir, dass Europa noch mehr in einen Wettstreit mit den USA um die besten Weltraummissionen eintritt. Ich bin froh, dass Europa mit "Mars Express" seine erste interplanetare Sonde gestartet hat, und wäre erfreut, wenn sie sich als produktiver erwiese als die letzten amerikanischen Marssonden. Das würde die Nasa beschämen und zu größeren Leistungen anspornen. Ich denke, es gibt einen gesunden Mittelweg zwischen erbittertem Wettbewerb mit militärischen Implikationen und totaler Kooperation. Das Interview führte Hans-Arthur Marsiske ------------------------------------------------------------------------ © SPIEGEL ONLINE 2003 Alle Rechte vorbehalten Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH ------------------------------------------------------------------------ Zum Thema: In SPIEGEL ONLINE: · Planetenkolonie: Russen planen marsianischen Atommeiler (19.08.2003) http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltraum/0,1518,261827,00.html · Feuchter Nachbar: Neue Karte zeigt marsianische Wasserstellen (30.07.2003) http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltraum/0,1518,258954,00.html · Mars-Missionen: Landung bei Windstärke zwölf? 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