[Hamburger Abendblatt] [Image] [Image] [Image] [Image] [Image] [Image] [Image] [Image] Aus aller Welt [Image] Die Kraft, die alles wirbeln lässt Gravitation: Galaxien und Wirbelstürme sehen sich erstaunlich ähnlich. Von Hans-Arthur Marsiske [Der Hurrikan “Fabian³ auf einem Satellitenbild über den Bermuda-Inseln.] Hamburg Der Hurrikan “Fabian³ auf einem Satellitenbild über den Bermuda-Inseln. - Foto: ap Es ist wie die Momentaufnahme eines kosmischen Feuerwerks: Eine Flammenspirale, gesprenkelt mit strahlend blauen Punkten, rotiert um einen weiß glühenden Kern. Die harmonische Formgebung scheint auf einen erfahrenen Pyrotechniker hinzudeuten, einen wahren Künstler des Lichts. NGC 3370 nennen die Astronomen diese Feuerschnecke, die vor kurzem vom Hubble-Weltraumteleskop fotografiert wurde. Unvorstellbare 98 Millionen Lichtjahre ist sie entfernt, in kosmischen Maßstäben gerechnet liegt sie damit gleichwohl noch in unserer Nachbarschaft. Die Wissenschaftler interessieren sich jedoch nicht in erster Linie für ihre Schönheit, sondern beobachten einzelne Sterne, so genannte Cepheiden, mit deren Hilfe Entfernungen im Weltall genau bestimmt werden können. Was aber wäre, wenn wir noch weiter heranzoomen könnten, bis nicht nur einzelne Sterne, sondern auch deren Planeten formatfüllend sichtbar würden? Vielleicht würden wir auf eine blaue Kugel stoßen, auf der weiße Pünktchen und Streifen vielfältige Muster bilden - und würden uns verblüfft vorbeugen, wenn plötzlich ein weißer Wirbel auftaucht, der im Kleinen das getreue Abbild der gesamten Galaxie zu sein scheint. Hurrikan "Fabian" und NGC 3370 - wie sich die Bilder gleichen. Zufall oder gemeinsame Gesetzmäßigkeit? Zunächst deutet alles auf eine zufällige Ähnlichkeit hin, zu verschieden sind die Wirkungsmechanismen, die diese beiden Spiralen erzeugt haben. Im Falle der Galaxie ist es deren massereiches Zentrum, das mit seiner Schwerkraft Milliarden leuchtender Sterne wie auch dunkle Materie auf spiralförmige Bahnen gezwungen hat. Solche Sterneninseln drehen sich in mehreren Hundert Millionen Jahren einmal um sich selbst. In ihren Kernen vermuten Astronomen so genannte supermassive schwarze Löcher, das sind extrem konzentrierte Materieansammlungen, die mehrere Millionen Sonnenmassen auf unvorstellbar kleinem Raum vereinigen. Ihre Schwerkraft ist so groß, dass nicht einmal Licht ihr entkommen kann. Dass das Zentrum von NGC 3370 trotzdem so hell erscheint, liegt daran, dass Materie beim Sturz ins schwarze Loch noch einmal Energie in Form elektromagnetischer Strahlung abgibt. Der Hurrikan dagegen bezieht seine Energie aus dem warmen Ozeanwasser. Die feuchtwarme Luft steigt nach oben und bildet Wolken, bei deren Kondensation die Wärmeenergie freigesetzt wird. In das unten entstehende Tiefdruckgebiet strömt unterdessen kühle Luft nach. Diese Luft wird auf Grund des durch die Erdrotation verursachten Coriolis-Effekts spiralförmig eingesaugt, auf der Nordhalbkugel entgegen dem Uhrzeigersinn, im Süden anders herum. Auf diese Weise wird die Wärme des Wassers in einen sich selbst verstärkenden Luftwirbel umgewandelt - bis dieser entweder auf kühlere Meeresgebiete oder aufs Festland gerät. Einmal entsteht die Spiralform also durch Gravitation, im anderen Fall durch die Übertragung der Erddrehung, die so genannte Coriolis-Kraft - zwei grundlegend verschiedene Mechanismen, wie es scheint. Aber halt: Warum dreht sich die Erde überhaupt? Vor 4,5 Milliarden Jahren mag es am Ort unseres Sonnensystems so ähnlich ausgesehen haben wie bei NGC 3370: Eine große Materiewolke begann sich unter ihrer eigenen Schwerkraft langsam zusammenzuziehen und geriet dabei in eine Rotationsbewegung. Im Zentrum dieser Wolke entstand als größte Zusammenballung die Sonne, um sie herum bildeten sich die Planeten, die sie alle in gleicher Richtung umkreisen. In ebendieser Richtung rotieren auch die meisten Planeten um die eigene Achse. Diese Drehbewegung ist demnach ein Überbleibsel der Entstehung des Sonnensystems, die wesentlich durch die Schwerkraft gesteuert wurde. So weit auseinander sind NGC 3370 und Hurrikan "Fabian" also wohl doch nicht. Ihre Ähnlichkeit in der Gestalt geht letztlich auf die gleichen Ursprünge zurück. Wer will, kann das zum Anlass nehmen, über die Bedeutung des Kreises in unserem Universum zu philosophieren. So wie der amerikanische Filmemacher Darren Aronofsky anlässlich seines gefeierten Debütfilms "Pi": "Denken Sie nur an die perfekte Gestalt des Kreises. Sie finden sie überall: die Sonne, der Mond, die Augen Ihres besten Freundes - überall Kreise. Ein Tropfen, der in einen See fällt, verursacht Kreise. Es ist eine perfekte, einfache Form. Nun nehmen Sie eine ebenso einfache Formel: Umfang geteilt durch den Durchmesser - und plötzlich haben Sie diese unendliche, chaotische Zahlenfolge: 3,14 . . . Unendlich bedeutet: Sie enthält alles, jede denkbare Zahlensequenz. Das ist der genetische Code des Universums." Oder auch einfach nur ein verheerender Sturm, vor dem man schleunigst in Deckung gehen sollte. erschienen am 11. Sep 2003 in Aus aller Welt [Image] zurück weitere Artikel zum Thema: Gravitation und Coriolis-Kraft vom 11. Sep 2003 (Aus aller Welt)