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27. Dezember 2006, 00:00 Uhr
Von Hans-Arthur Marsiske
Vor dem großen Sprung
Raumfahrt braucht Begeisterungsfähigkeit und Visionen. Im Weltall könnte der Mensch über sich hinauswachsen. Politiker aber denken nur an die Kosten.
Von einem kleinen Schritt für einen Menschen, aber einem Riesensprung für die Menschheit sprach Neil Armstrong, als er am 20. Juli 1969 als erster Mensch seinen Fuß auf die Mondoberfläche setzte. Inzwischen hat sich das Verhältnis umgekehrt. 34 Jahre nach der letzten Mondlandung ist der Flug ins All vor allem für den einzelnen Menschen ein Riesenerlebnis. Die Menschheit dagegen trippelt dort oben auf der Stelle.
Zaghaftigkeit und Orientierungslosigkeit prägen unser Verhältnis zum Weltall, insbesondere in Deutschland. Während das Wettrennen zum Mond und die Landung von "Apollo 11" in den Sechzigerjahren nahezu überall in der Welt an den Fernsehschirmen, Radios und in den Zeitungen mitverfolgt wurde, sind die Erdenbürger heute nur noch sehr abstrakt an den Aktivitäten im erdnahen Orbit beteiligt. Raumfahrt, so die Forderung der Politik, soll möglichst schnell zu verwertbaren Erkenntnissen führen. Aus den Forschungen in der Schwerelosigkeit sollen Produkte und Dienstleistungen hervorgehen, die die Menschen auf der Erde kaufen können, neue Baustoffe etwa oder effizientere Verbrennungsmotoren. Mit anderen Worten: Wir schicken Menschen ins All, damit wir auf der Erde besser Auto fahren können.
Bemannte Raumfahrt sei zu teuer, heißt es oft. Das Geld werde woanders dringender benötigt. So etwas sagen Leute, die, ohne mit der Wimper zu zucken, Milliarden Euro für neue Autobahnen oder Alpentunnel ausgeben, um den wachsenden Verkehr fließen zu lassen. Die Fortsetzung unseres selbstzerstörerischen, auf fortwährende Beschleunigung setzenden Lebensstils erscheint allemal förderungswürdiger als Expeditionen ins Ungewisse, die uns womöglich grundlegend neue Einsichten über unser Dasein bescheren könnten.
Dabei hat "Apollo" die verändernde Kraft der Weltraumperspektive nachdrücklich demonstriert. Wie ein gewaltiger Meteorit sind die Bilder der Erdkugel, die die "Apollo"-Astronauten mitbrachten, ins kollektive Bewusstsein eingeschlagen. Ohne diese Fotos gäbe es Organisationen wie Greenpeace nicht. Das Bewusstsein der Gefährdung unserer Lebensgrundlagen wäre deutlich geringer ausgeprägt, hätten wir nicht diese sinnliche Erfahrung der Begrenztheit und Verletzlichkeit der irdischen Ökosphäre gemacht.
Die bemannten Mondflüge haben uns gutgetan. Ihr Nutzen lässt sich nicht wie eine Umsatzrendite quantifizieren, aber er ist unzweifelhaft vorhanden. Eine ungeheure kollektive Anstrengung wurde mit einer einzigartigen ästhetischen Erfahrung belohnt. Doch seltsamerweise ist gerade dieser Aspekt seitdem mehr und mehr in den Hintergrund getreten.
David M. Brown, einer der sieben Astronauten, die beim Absturz der Raumfähre "Columbia" am 1. Februar 2003 ums Leben kamen, hatte vor dem Flug gesagt: "Ich glaube, der beste Rat, den ich gehört habe, seit ich Astronaut bin, war etwas, was John Glenn gesagt hat. Er sagte: "Wenn du da oben bist, dann sieh zu, dass du aus dem Fenster schaust." Als ich darüber nachdachte, stellte ich fest, dass das eigentlich alle Astronauten sagen." Es sind nicht die Forschungen zu Verbrennungsvorgängen, Proteinkristallen oder Zellwachstum, die die Menschen ins All locken. Es ist der veränderte Blick auf die Erde und das menschliche Leben. Es ist das Gefühl von Zukunft.
Trotz der "Apollo"-Erfahrung gilt dieses sinnliche Erlebnis aber immer noch als eher nebensächliche Privatangelegenheit. Bei der Auswahl von Kosmonauten spielt deren Fähigkeit, es zu verarbeiten und zu vermitteln, nur eine untergeordnete Rolle. Es ist daher höchste Zeit, Künstler, Poeten und Priester zur Raumstation zu schicken, um endlich den wirtschaftlich-wissenschaftlich verengten Zugang zum All aufzubrechen und Raumfahrt wieder zu einem Abenteuer zu machen, an dem alle Menschen teilhaben können. Es ist das Abenteuer vom Aufbruch zu neuen, womöglich besseren Welten. Die Reise in den Kosmos befördert nicht nur einzelne Menschen zu anderen Planeten. Sie kann auch die Menschheit insgesamt zu einem neuen Bild ihrer selbst führen und die menschliche Zivilisation auf eine höhere Stufe heben.
Vor etwa 10 000 Jahren haben wir begonnen, Anlauf zu nehmen. Mit der Entstehung der ersten dauerhaften Siedlungen und der damit verbundenen Kontrolle natürlicher Prozesse durch den menschlichen Willen haben wir einen kulturellen Beschleunigungsprozess in Gang gesetzt, der heute ein kritisches Stadium erreicht hat. Die akkumulierte soziale Energie muss irgendwohin gerichtet werden, wenn sie nicht selbstzerstörerisch wirken soll. Der große Sprung, von dem Neil Armstrong schwärmte, steht noch aus. "Apollo" war nur ein erster Test, der gezeigt hat, dass es geht.
Der israelische Astronaut Ilan Ramon, der ebenfalls mit der Raumfähre "Columbia" verunglückte, sagte kurz vor dem tödlichen Flug: "Ich habe mit vielen Überlebenden des Holocaust gesprochen. Wenn du mit diesen Menschen sprichst, die heute schon ziemlich alt sind, und ihnen erzählst, dass du als israelischer Astronaut ins Weltall fliegen wirst, sehen sie dich an wie einen Traum, den sie sich nie hätten träumen lassen. Es ist sehr aufregend für mich, ihren Traum, den sie nie zu träumen gewagt hätten, zu erfüllen."
Ähnlich äußerte sich der Franzose Ferdinand Gilson, einer der letzten überlebenden Veteranen des Ersten Weltkriegs, der im Februar 2006 im Alter von 107 Jahren starb. Dieser Zeitzeuge, der die dunkelsten Abschnitte des 20. Jahrhunderts hautnah miterlebt und zweimal gegen die Deutschen gekämpft hatte, sagte: "Europa und die Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern waren das Schönste im zwanzigsten Jahrhundert. Und der Tag, an dem der Mensch auf dem Mond spazierte."
Schon immer haben Menschen beim Anblick der Sterne und des Himmels Hoffnung und Kraft geschöpft. Für die Christen verkündete der Stern von Bethlehem vor 2000 Jahren den Beginn einer neuen Zeit. Muslime berühren und küssen in Mekka einen schwarzen Stein, der einst vom Himmel gefallen sein soll.
Heute müssen wir nicht mehr warten, dass der Himmel uns Botschaften sendet. Wir können selbst dorthin aufbrechen. Die friedliche Erkundung und Besiedelung des Alls zählt zu den stärksten Gegenentwürfen gegen die Grausamkeiten und Zerstörungen auf der Erde. Es ist keineswegs zu früh für dieses Projekt. Im Gegenteil, wir haben nicht mehr lange Zeit.
Der Autor ist Journalist in Hamburg. Zuletzt erschien von ihm "Heimat Weltall. Wohin soll die Raumfahrt führen?" (Suhrkamp)
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