URL: http://www.welt.de/wissenschaft/article1439767/Welche_Sprache_sprechen_Ausserirdische.html
Seitdem es Science-Fiction gibt, warten Menschen auf den ersten Kontakt
mit Aliens. In den USA versuchen Wissenschaftler, diesen Traum
Wirklichkeit werden zu lassen. WELT ONLINE traf Douglas Vakoch vom
Seti-Institut, um mit ihm über die Kommunikation quer durchs All zu
sprechen.

Foto: PA
So einfach ist die Kommunikation mit Aliens leider nicht. Zumindest noch nicht.
Der amerikanische Forscher Douglas Vakoch
beschreibt Methoden zur Kommunikation mit Außerirdischen. Sollte es im All
intelligentes Leben gibt, macht es sich durch elektromagnetische Signale
bemerkbar: Unter dieser Prämisse wurde 1984 das Seti-Institut („Search for
Extraterrestrial Intelligence“) in Mountain View bei San Francisco
gegründet. Seit wenigen Wochen ist auch das hauseigene „Allen Telescope
Array“ in Betrieb. Es ist das erste Observatorium, das einzig dafür gebaut
wurde, um Signale extraterrestrischer Intelligenzen zu finden.
Hier ist Douglas Vakoch als Religionswissenschaftler, Historiker,
Wissenschaftsphilosoph und Psychologe ein Exot. Die Sichtweise seiner
naturwissenschaftlich orientierten Kollegen ergänzt er um philosophische und
kommunikationstheoretische Aspekte.
WELT ONLINE: Herr Vakoch, Ihnen fehlt bislang ein klarer Adressat
für Ihre Botschaften. Wie sieht da Ihr Arbeitsalltag aus?
Douglas Vakoch: Der größte Teil meiner Aktivitäten besteht darin,
andere Menschen einzubeziehen. Ich möchte, dass wir ernsthafter darüber
nachdenken, was passiert, wenn wir Leben außerhalb der Erde entdecken. Was
sollen wir tun, wenn wir ein Signal einer intelligenten Spezies empfangen?
Sollen wir antworten? Wer soll über den Inhalt der Antwort entscheiden? Um
Hypothesen formulieren zu können, ist auch die Suche nach geeigneten
Analogien zu interstellarer Kommunikation wichtig.
WELT ONLINE: Was wäre eine Analogie?
Vakoch: Die Übermittlung von Informationen über mehrere
Generationen. Im interstellaren Dialog können zwischen Frage und Antwort
mehrere hundert oder tausend Jahre liegen. Wenn wir Schriften Platons lesen,
empfangen wir Botschaften, die ähnlich lang zu uns unterwegs waren. Diese
Erfahrungen könnten sich als hilfreich erweisen. Oder nehmen Sie die
Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen: Es schien offensichtlich, dass
jedes dieser Zeichen für ein Konzept stand. Erst nachdem Jean-François
Champollion nachwies, dass es phonetische Zeichen gibt, die für Laute
stehen, gelang der Durchbruch. Das mahnt uns, bei der Entschlüsselung einer
Botschaft aus dem All genau auf unsere ersten, spontanen Annahmen zu achten
und sie immer wieder in Frage zu stellen. Gerade die frühen Interpretationen
werden mehr über uns aussagen als über die Sender der Nachricht. Es ist wie
ein kosmischer Rorschach-Test.
WELT ONLINE: Wie kann man mit Zivilisationen kommunizieren, die sich
vermutlich komplett anders entwickelt haben?
Vakoch: Für die Entwicklung einer interstellaren Sprache müssen wir
etwas finden, das wir mit unseren potenziellen Gesprächspartnern gemeinsam
haben. Das ist auf jeden Fall die Kommunikationstechnologie. Damit zwei
Zivilisationen überhaupt in Kontakt treten können, müssen beide die
Modulation von Radiosignalen beherrschen. Die Entwicklung einer solchen
Technologie ohne Mathematik und Wissenschaft ist kaum vorstellbar. Hier
liegen die Ansatzpunkte für die Kodierung einer interstellaren Botschaft.
Welt Online: Ist die Mathematik universell?
Vakoch: Selbst wenn die grundlegende Idee von Mathematik im gesamten
Universum verbreitet sein sollte, könnten sich daraus unterschiedliche
Systeme entwickelt haben, die nicht ohne weiteres ineinander übersetzbar
sind. Damit stellt sich die Frage nach den universellen Grundlagen der
Mathematik. Falls die Vorliebe fürs Rechnen eine menschliche Eigenart sein
sollte, könnte sie aber trotzdem als Grundlage der Verständigung dienen,
sofern wir einer fremden Zivilisation unsere Mathematik beibringen können.
Möglicherweise ist das Zählen bei allen intelligenten Spezies üblich, dann
könnten wir daran anknüpfen.
WELT ONLINE: Rhythmus könnte eine noch grundlegendere Form sein, in
der Zahlenverhältnisse erfahren werden. In Gestalt von kreisenden Planeten
sind Rhythmen verbreitet.
Vakoch: Rhythmus ist ein großartiges Beispiel für Muster, von denen
wir annehmen können, dass sie universell sind. Das Schöne am Rhythmus oder
an Musik allgemein ist zudem, dass sich damit nicht nur Zahlenverhältnisse
ausdrücken lassen, sondern auch unser ästhetisches Empfinden. Ich wäre
dafür, Nachrichten zu senden, die nach dem Beispiel der Musik modelliert
sind. Wenn wir Bilder übermitteln wollten, müssten die Empfänger wissen, wie
sie diese Bilder aus den Signalen rekonstruieren sollen.
WELT ONLINE: Dafür wurden Primzahlkodierungen vorgeschlagen. Eine
hoch entwickelte Zivilisation könnte eine wiederholte Zahl von Signalen als
Primzahlprodukt erkennen und die Signalfolge grafisch abbilden.
Vakoch: Es ist ein vernünftiger Ansatz, aber ohne Garantie, dass er
von den Adressaten tatsächlich mühelos verstanden würde. Andere frühere
Botschaften haben ein Konzept von Unendlichkeit zugrunde gelegt. Dagegen
wurde eingewandt, dass außerirdische Mathematik möglicherweise mit einem
endlichen Vorrat an Zahlen die für die Übermittlung von Radiobotschaften
erforderliche Technologie schaffen könnte. Die Idee der Unendlichkeit, die
ein so offensichtlicher Bestandteil unserer Mathematik ist, muss diese
Bedeutung nicht überall im Universum haben.
WELT ONLINE: Es gibt Versuche, mit Walen musikalisch zu
kommunizieren, um deren Gefühlswelt zu verstehen. Lässt sich daraus etwas
lernen?
Vakoch: In gewisser Weise sind Wale Außerirdische, denn sie leben im
Ozean. Sie bieten einen Ausgangspunkt, um über unsere menschlichen Konzepte
von Kommunikation hinaus zu denken. Nehmen Sie unsere Vorstellung von Zeit
und Raum: In unserem Alltag haben beide für uns eine klar definierte
Bedeutung. Das hängt wesentlich mit unseren Sinnen zusammen. Wir orientieren
uns vornehmlich über unsere Augen und Ohren, die es erlauben, Objekte
räumlich und zeitlich zu lokalisieren. Würden wir uns stärker auf andere
Sinne stützen, etwa den Geruch, wäre unser Verständnis von Zeit und Raum
wahrscheinlich völlig anders. Wir könnten auch eine ganz andere Mathematik
entwickelt haben, die stärker mit Wahrscheinlichkeiten als exakten
Zahlenwerten arbeitet.
WELT ONLINE: Wird der intelligente Ursprung von Signalen aus dem All
ohne jeden Zweifel erkannt werden?
Vakoch: Ich wäre schockiert, wenn wir eine Nachricht empfangen
würden, die als Serie von Primzahlen oder als einfach zu dekodierendes Bild
zu uns käme. Wonach wir bei Seti suchen ist ein extrem schmalbandiges
Signal, das nur auf einem Punkt der Radioskala zu empfangen ist. Das könnte
ein Hinweis auf einen künstlichen Ursprung sein.
WELT ONLINE: Welches war für Sie das bislang vielversprechendste
Signal?
Vakoch: Ich glaube, es hat noch keins gegeben. Manche verweisen auf
das „Wow!-Signal“, ein wirklich ungewöhnliches Signal. Ein Wissenschaftler
markierte die Stelle auf dem Ausdruck mit „WOW!“, es wurde aber eben nur
einmal beobachtet. Wir empfangen ständig interessante Signale, die sich bei
näherer Prüfung als irdisch erweisen. Ein einmaliges Signal sagt daher
nichts aus. Wir müssen auch ausschließen, dass sich jemand in unser
Computersystem gehackt hat.
WELT ONLINE: Können wir Aliens eine freundliche Gesinnung
unterstellen?
Vakoch: Wenn wir uns die Evolution von Intelligenz auf der Erde
ansehen, so hat sie sich zu weiten Teilen in Jäger-Beute-Beziehungen
entwickelt. Es mag evolutionäre Prozesse geben, bei denen die Entwicklung
von Intelligenz an Aggression geknüpft ist. In meinen eigenen Forschungen
habe ich mich mit der Frage beschäftigt, ob Altruismus universell ist. Es
gibt biologische Modelle, die zeigen, dass Altruismus innerhalb der
Evolution konkurrenzfähig ist. Aber wir können keinen auf
Verwandtschaftsbeziehungen beruhenden Altruismus erwarten.
WELT ONLINE: Könnten uns Außerirdische gefährlich werden, wenn wir
lediglich Radiokontakt haben?
Vakoch: Eine mögliche Gefahr hat der australische Astronom Ray
Norris beschrieben: Die Entdeckung einer weit fortgeschrittenen Zivilisation
könnte auch ohne negative Intentionen demoralisierend auf uns wirken, weil
alle wissenschaftlichen Rätsel von den anderen schon gelöst worden wären.
Ich mache mir aber deswegen keine großen Sorgen, weil ich davon ausgehe,
dass jede Spezies ihren speziellen Zugang zur Realität hat, der den
kulturellen Austausch immer interessant machen wird.
WELT ONLINE: Können wir uns auf Kontakte mit Außerirdischen
vorbereiten?
Vakoch: Das Wichtigste wäre, sich sehr genau zu überlegen, was wir
über uns selbst mitteilen wollen. Und es ist ratsam, das zu tun, bevor ein
Kontakt zustande gekommen ist. Denn jetzt können wir uns noch auf eine
breite Diskussion einlassen. Die Botschaften, die den Pioneer-Sonden
mitgegeben wurden, hatten den positiven Effekt, uns zum Nachdenken darüber
zu zwingen, wie wir uns darstellen. Es gab Diskussionen, ob wir die
Abbildung eines Atompilzes hinzufügen sollten, um zu zeigen, dass wir fähig
sind, uns selbst zu vernichten. Aber wir wollten nicht riskieren, dass dies
als Bedrohung verstanden wird.
WELT ONLINE: Hoffen Sie auf einen Rat
für eine bessere Gesellschaft aus dem All?
Vakoch: Nein. Wir verfügen bereits über viel Weisheit hier auf der
Erde. Wenn wir unsere Welt verbessern wollen, müssen wir besser auf uns
selbst hören. Gleichwohl denke ich, dass wir durch den Versuch, mit anderen
Zivilisationen zu kommunizieren, bessere Menschen werden können, weil wir
uns mit unseren tiefsten Werten auseinandersetzen müssen. Es ist manchmal
die Rede von der Angst, nicht mehr die einzige intelligente Spezies im All
zu sein, aber die teile ich nicht. Das Gefühl für unsere Einzigartigkeit
kann sich gerade im Austausch mit anderen Zivilisationen entwickeln.
"Eigentlich noch Primaten"
Wieso "noch"?
Primaten=Herrentiere, von lat. Primus=der Erste.
Also stellen Primaten die höchste Stufe dar.
Und wieso "Eigentlich"? Laut Biologie sind Menschen und (andere) Menschenaffen Primaten, nicht nur eigentlich.