URL: http://www.welt.de/wissenschaft/article1306932/Die_teuerste_Roboter-Rallye_der_Welt.html
Bei der Urban Challenge in Kalifornien fahren Fahrzeuge ohne Fahrer im
Kreis um die Wette. Das kostet 20,5 Millionen Dollar und hat dennoch
einen Sinn: Die "Fahrer" sollen einen fließenden Verkehr simulieren.
Oder sich an einer Kreuzung korrekt verhalten.

Foto: AP
Ein VW Passat, gekreuzt mit (menschlicher) Intelligenz der Stanford University, nimmt an der Roboter-Rallye teil
"Hupen zwecklos, Fahrer träumt gerade vom 1. FC XY" - so
oder ähnlich lautet die Warnung auf manchem Autoheck. Bei den Fahrzeugen,
die gegenwärtig auf dem Gelände der ehemaligen George Air Force Base bei
Victorville in Kalifornien ihre Runden drehen, müsste es heißen: Hupen
zwecklos, kein Fahrer an Bord. Denn hier ist gerade die Urban Challenge in
ihre Endphase getreten, der dritte Wettbewerb für autonome Fahrzeuge,
veranstaltet von der US-Militärforschungsbehörde Darpa (Defense Advancec
Research Projects Agency).
Wenn trotzdem gelegentlich gehupt wird,
dient das nicht als Warnung an das Fahrzeug, das vielleicht gerade einem
menschlichen Testfahrer die Vorfahrt genommen hat. Es ist vielmehr ein
Hinweis an die Juroren, die jeden Fehler akribisch notieren. Denn die zehn
Fahrer, die hier im Kreis um einen Parkplatz herumfahren und so einen
städtischen, fließenden Verkehr simulieren, merken es am ehesten, wenn das
fahrerlose Fahrzeug einen Fehler macht. Das korrekte Einfädeln in den
fließenden Verkehr ist eine von drei Aufgaben, mit denen die Veranstalter 20
Kandidaten für das Finale am 3. November ermitteln wollen. Bei den anderen
beiden Tests geht es um das korrekte Verhalten an einer Kreuzung sowie um
das Ansteuern vorgegebener Zielpunkte in einem komplexen Straßennetz in
möglichst kurzer Zeit.
100 Kilometer in sechs Stunden
Noch bis Mittwoch läuft diese Qualifikationsrunde. Die Finalisten müssen
dann am Samstag in einer städtischen Umgebung eine knapp 100 Kilometer lange
Strecke in weniger als sechs Stunden bewältigen. Den drei besten Teams,
denen das gelingt, winken Geldpreise in Höhe von zwei Millionen, einer und
einer halben Million Dollar.
Mit den Wettbewerben folgt die Darpa einer Vorgabe des US-Kongresses, wonach
bis zum Jahr 2015 ein Drittel der Fahrzeuge im Militäreinsatz unbemannt
fahren sollen. Bei den ersten beiden Grand Challenges in den Jahren 2004 und
2005 war es noch darum gegangen, eine Wüstenstrecke von etwa 200 Kilometern
innerhalb einer vorgegebenen Zeitspanne abzufahren. Auf andere
Verkehrsteilnehmer musste keine Rücksicht genommen, sondern lediglich die
Straße erkannt werden. Das allein erwies sich als schwierig genug: Bei der
ersten Grand Challenge kam das beste Fahrzeug gerade mal zwölf Kilometer
weit. Bei der zweiten schafften es dafür gleich sechs bis ins Ziel, wenn
auch nicht alle innerhalb des Zeitlimits von zehn Stunden.
Beobachtung der Umgebung
Um bei der Urban Challenge zu bestehen, reicht es jedoch nicht mehr aus, nur
nach vorn zu schauen. Die Fahrzeuge müssen ihre gesamte Umgebung beobachten
und über erheblich mehr Intelligenz verfügen, um das Verhalten der anderen
Verkehrsteilnehmer richtig einschätzen zu können.
Unter den 35 Teams, die es in die vorletzte Runde geschafft haben, sind auch
vier aus Deutschland, die lediglich aus formalen Gründen einen
US-Staatsbürger als Teamchef benennen mussten. Zusammen mit einem
israelisch-amerikanischen Team sind es die einzigen nicht amerikanischen
Teilnehmer. Von ihnen hat am ersten Tag insbesondere das Team AnnieWay,
hervorgegangen aus dem Sonderforschungsbereich Kognitive Automobile der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), eine gute Leistung gezeigt. Die
übrigen Teams von der Freien Universität Berlin, der Technischen Universität
Braunschweig und der Hamburger Firma Ibeo haben bis Mittwoch aber noch
reichlich Gelegenheit, aufzuholen.
Die Kombination ist das Intelligente
Mit einem solchen, offenen Wettbewerb hat die Darpa Neuland betreten. Die
Methode wird aber schon jetzt als Erfolg gewertet. Es sei darum gegangen,
das Labor zu verlassen und eine Gemeinschaft von Forschern zu schaffen, sagt
Darpa-Sprecherin Jan Walker. Dabei sollten insbesondere auch Forscher
gewonnen werden, die sonst nicht für das Militär arbeiten. Mehrere Gründe,
so Walker, hätten für einen Wettbewerb gesprochen: "Zum einen
handelt es sich um eine wichtige Technologie. Zum anderen ist das
Einstiegslevel niedrig: Die nötigen Komponenten wie Autos, Computer und
Sensoren sind bereits vorhanden. Was fehlt, sind die Ideen, sie intelligent
zu kombinieren."
Um diese Ideen auf breiter Ebene abzuschöpfen, lässt die Darpa einiges
springen. Auf 20,5 Millionen Dollar beziffert Walker das Budget des
diesjährigen Wettbewerbs, hinzukommen 3,5 Millionen an Preisgeldern für die
drei Bestplatzierten Teams. Damit ist die Urban Challenge mit Abstand der
teuerste Roboterwettbewerb der Welt. Zum Vergleich: Eine
RoboCup-Weltmeisterschaft kommt mit etwa einem Zehntel des Geldes aus, das
Budget der letzten Elrob (European Land-Robot Trial), dem europäischen
Gegenstück zum Darpa-Wettbewerb, belief sich sogar auf vergleichsweise
lächerlich wenige Tausend Euro.
Verglichen mit den Kosten für die Entwicklung
eines mittleren Waffensystems, die leicht Milliardenhöhe erreichen können,
nimmt sich das Budget der Urban Challenge allerdings ebenfalls schon fast
wieder bescheiden aus.