Roboter werden noch eine Weile Werkzeuge bleiben Hans-Arthur Marsiske 06.08.2004 Patrick Tatopoulos, Produktionsdesigner für den Film "I, Robot", über die Gestalt und Technologie zukünftiger Roboter Der Film "I, Robot" spielt im Jahr 2035. Dann, so das Szenario, haben sich Roboter bereits in der ganzen Gesellschaft ausgebreitet. Fleißig verrichten die menschenähnlichen Roboter für die Menschen viele Aufgaben und helfen im Haushalt mit. Wert wurde darauf gelegt, dass die Roboter durch besondere Sicherheitsvorkehrungen die braven Sklaven bleiben und den Menschen nichts antun. Aber das bleibt nicht so und die Sklaven proben den Aufstand ( Spartacus im Maschinenpark). Hans-Arthur Marsiske unterhielt sich mit Patrick Tatopoulos [1], der das Design der Roboter entworfen hat, über die Zukunft der Robotik und die Anforderungen an die Gestaltung, die ein Film stellt. Ein transparenter Macintosh-Computer hatte Tatopoulos den entscheidenden Anstoß für seine Roboter gegeben. [Image] Der Roboter Sonny. Foto: 20th Century Fox Herr Tatopoulos, was war Ihr Ausgangspunkt beim Entwurf der Roboter in "I, Robot"? Hatten Sie vorher schon Erfahrungen mit Robotern sammeln können? Patrick Tatopoulos: Ich habe eine Firma für Spezialeffekte in Los Angeles, in der wir auch steuerbare Figuren bauen, so genannte "Animatronics". Die haben entfernt Ähnlichkeit mit Robotern. Ich habe auch mit Experten gesprochen, um zu erfahren, was der heutige Stand der Technologie ist. Aber mein eigentlicher Ausgangspunkt bestand darin, im Roboter eher den Computer der Zukunft zu sehen, weniger die mechanische Hardware. Dann stand ich eines Tages vor dem Schreibtisch eines Mitarbeiters, sah einen transparenten Macintosh-Computer und dachte: Das ist es. Vergleichen Sie das mit den Computern, die es vor 30 Jahren gab. Dann nehmen Sie den Roboter Asimo von Honda, gegenwärtig eins der am weitesten entwickelten Modelle, und stellen sich eine ähnliche Entwicklung vor. Wir haben uns gedacht, dass er ansprechender, modischer aussehen wird. Vor allem aber wollten wir ihm die Gestalt eines kommerziellen Produkts geben. Das heißt, er muss so aussehen, dass die Menschen ihn haben möchten. Ich stelle mir vor, dass bei Ihrer Arbeit sehr verschiedene Aspekte eine Rolle spielen: Sie müssen die Erwartungen der Zuschauer berücksichtigen, die etwas Neues sehen wollen. Die Geschichte und die Charaktere stellen ebenfalls bestimmte Anforderungen an das Design. Und bei all dem sollen die Roboter glaubwürdig bleiben, müssen also bis zu einem gewissen Grad in der realen Technologie der Gegenwart verwurzelt sein. Kommt das so ungefähr hin? Patrick Tatopoulos: Absolut. Sie dürfen auch den Regisseur nicht vergessen, der ebenfalls eigene Vorstellungen hat. Wir wollten auf jeden Fall etwas Überraschendes kreieren. Der Roboter im Film hat aber auch viel Elemente, die für mich technologisch Sinn machen. Dazu zählen das Titan-Skelett und die künstlichen Muskeln. Solche Muskeln werden heute schon kommerziell hergestellt, um Prothesen für fehlende Gliedmaßen damit auszustatten. Die Hülle der Roboter besteht aus transparenten Glasfasern, auf denen eine Schicht aus Silikon als künstliche Haut aufgetragen ist. Abgesehen von der Batterie, deren nähere Beschaffenheit wir in der Geschichte glücklicherweise nicht näher beschreiben müssen, ist diese Haut das futuristischste Element. Wir haben uns ein Silikon der Zukunft vorgestellt, das auf elektrische Impulse reagiert. In die Haut der Roboter ist ein sehr feinmaschiges Leitungsnetz eingewoben, das zum Beispiel die Mimik steuert. [Image] Foto: 20th Century Fox Sie haben mehrere Aspekte angesprochen, auf die ich gern ausführlicher eingehen würde. Die künstlichen Muskeln der Roboter sind mir zum Beispiel sofort aufgefallen. Robotik-Experten sind sich weitgehend einig, dass die Entwicklung solcher Muskeln erforderlich ist, um leistungsfähige humanoide Roboter bauen zu können. Wie sind Sie darauf gekommen? Patrick Tatopoulos: Ich habe sie gesehen, allerdings nicht bei Robotern, sondern bei Prothesen. Aber künstliche Gliedmaßen für Menschen und Robotik liegen nicht so weit auseinander. Interessant ist die Frage, ob solche Gliedmaßen mit dem Nervensystem verbunden werden können. Ich glaube eher nicht, dass das in 30 Jahren möglich sein wird. Aber ursprünglich sollte der Film 80 Jahre in der Zukunft spielen. Der Roboter, den wir dafür entworfen hatten, hat uns so gut gefallen, dass wir ihn behalten haben, auch als wir die Geschichte näher an die Gegenwart heranrücken mussten. Ich gebe Ihnen völlig Recht, dass die Filmroboter in der heutigen Technologie verwurzelt sein müssen. Wir haben uns daher über den Stand der Technik informiert, aber auch darauf geachtet, uns von diesen Vorgaben nicht zu sehr einschränken zu lassen. Schließlich soll der Film über diesen heutigen Stand hinausweisen. Sie haben wahrscheinlich von dem Projekt "RoboCup" gehört, das sich vorgenommen hat, bis zum Jahr 2050 humanoide Roboter zu bauen, die die Fußballweltmeisterschaft gegen Menschen gewinnen können? Patrick Tatopoulos: Ja. Die Wissenschaftler, die dabei mitmachen, sagen fast einstimmig, dass die Energieversorgung der Roboter auf dem Weg zu diesem Ziel die schwierigste Hürde sein wird. Patrick Tatopoulos: Ganz genau. Ich bin zwar kein Experte in diesem Gebiet, aber ich kann mir derzeit nur schwer vorstellen, dass es in 30 Jahren Batterien geben wird, die wie in "I, Robot" Roboter über lange Zeit mit Energie versorgen können. Aber, wie gesagt, für den Film durften wir uns davon nicht irritieren lassen. Nachdem der Film angelaufen war, war ich in Pittsburgh auf einer Robotik-Konferenz an der Carnegie Mellon University. Die dort versammelten Fachleute sagten mir, dass die Roboter in Zukunft nicht unbedingt menschenähnlich sein müssen. Ich stimme damit völlig überein. Roboter werden wahrscheinlich viel stärker ihren jeweiligen spezifischen Aufgaben angepasst sein. Es wird aber auch immer die Faszination geben, künstliches Leben zu schaffen. Zumindest ein kleiner Teil der Wissenschaftler wird damit experimentieren und versuchen, menschenähnliche Kreaturen zu schaffen. Ob es allerdings in jedem Haushalt so einen Roboter gibt, der auf die Kinder aufpasst, kann ich mir nicht so recht vorstellen, selbst in 80 Jahren nicht. Neben der rein technischen Herausforderung wird als Motivation für den Bau humanoider Roboter zumeist gesagt, dass sie am besten der menschlichen Umgebung angepasst seien. Patrick Tatopoulos: Ja, humanoide Roboter werden vor allem im direkten Kontakt mit Menschen eingesetzt werden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es die Menschen nicht eher abschreckt, wenn sie ihr Geld auf der Bank von einem Roboter ausgezahlt bekommen. Mich würde das jedenfalls sehr verstören. Die Anzahl humanoider Roboter, die im Film auf der Straße zu sehen sind, kam mir unglaubwürdig hoch vor. In 30 Jahren werden sie kaum so verbreitet sein. Patrick Tatopoulos: Ich stimme Ihnen zu. Aber wenn wir in den Straßenszenen nur ein oder zwei Roboter zeigen würden, wären die Zuschauer enttäuscht. Es spielt auch eine Rolle, dass das Studio die Geschichte in eine nähere Zukunft legen wollte, damit das Publikum eher eine Beziehung dazu herstellen kann. Es sollte klar sein, dass es nicht um "Star Trek" geht, sondern um Orte, die man kennt. 80 Jahre in der Zukunft kann man sich dagegen schon eher vorstellen, dass das Straßenbild von humanoiden Robotern geprägt ist. [Image] Foto: 20th Century Fox Einen richtigen Roboter haben Sie für den Film aber nicht gebaut, oder? Patrick Tatopoulos: Ich habe zwei Modelle mit beweglichen, aber nicht fernsteuerbaren Teilen gebaut. Der Regisseur hatte sich bereits frühzeitig entschieden, die Roboter komplett mithilfe von Computergrafik zu animieren. Aber ich habe ihm gesagt, dass wir trotzdem diese Modelle brauchen, damit sie den Computergrafikern als Referenz dienen können. Diese Modelle wurden dann eingescannt. Wir waren dadurch gezwungen, Roboter zu bauen, die Sinn machen, bei denen die Proportionen stimmen und sich die Gliedmaßen in realistischer Weise bewegen. Die Modelle wurden auch bei Probeaufnahmen eingesetzt, um die Lichtverhältnisse zu testen und den Tricktechnikern auch hierfür Anhaltspunkte zu geben. Außerdem habe ich eine über Kabel steuerbare, mechanische Hand gebaut, die im Film mehrere Male zu sehen ist, etwa wenn Sonny auf den Tisch haut oder jemanden berührt. Was wir nicht herstellen konnten, ist die bewegliche Silikonhaut, die ist ausschließlich im Computer entstanden. Kennen Sie die technischen Daten der Roboter, wie Größe, Gewicht, maximale Geschwindigkeit und so weiter? Patrick Tatopoulos: Ja, wir haben diese Daten benutzt, um die Roboter im Computer zu modellieren. Die Software hat diese Daten dann in dreidimensionale Darstellungen umgesetzt. Das ähnelt der Vorgehensweise beim Bau realer Roboter, die werden ebenfalls zunächst am Computer simuliert. Ja, allerdings haben wir uns auf die Mechanik beschränkt, das Innenleben der Roboter spielte keine Rolle. Wir wollten sicherstellen, dass die Bewegungen realistisch sind und konnten zum Beispiel mithilfe der Simulationen am Computer frühzeitig ein Problem bei der Konstruktion der Schultern erkennen und beheben. Glauben Sie, dass Roboter immer ein Werkzeug unter menschlicher Kontrolle bleiben werden, oder könnten sie sich eines Tages zu einer eigenständigen Lebensform entwickeln? Patrick Tatopoulos: Ich glaube eher an den Werkzeugaspekt. Aber in Pittsburgh habe ich mit Manuela Veloso gesprochen, die die Aibo-Roboterhunde fürs Fußballspielen programmiert. Sie hat mir beschrieben, wie durch das Zusammenspiel mehrerer solcher Roboter ganz neue Aktionen entstehen, die niemand vorhergesehen hat. Gut möglich, dass Roboter eines Tages auf solche Weise völlig neue Gedanken entwickeln. Aber für die nähere Zukunft denke ich, dass Roboter Werkzeuge bleiben werden. Sie werden in 30 Jahren erheblich weiter entwickelt sein als heute, aber es werden immer noch Werkzeuge sein. Links [1] http://www.tatopoulosstudios.net Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/deutsch/special/robo/18050/1.html ------------------------------------------------------------------------ Copyright © 1996-2004. All Rights Reserved. Alle Rechte vorbehalten Heise Zeitschriften Verlag, Hannover