Weltraumwetter im Visier
Astronomie: Gewaltige Sonnenstürme gefährden die Erde. Zwei Sonden starten Ende August von Cape Canaveral ins All. Sie sollen erstmals den dreidimensionalen Blick auf Eruptionen ermöglichen.
Von Hans-Arthur Marsiske
Die Sonne ist etwa 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, und das ist gut so. Denn auf unserem Heimatstern ereignen sich alle paar Tage, manchmal auch mehrmals innerhalb weniger Stunden, gewaltige Explosionen, gegen die selbst Atombomben im Vergleich wie harmlose Knallplätzchen wirken können. Mehrere Millionen Tonnen schwere Materiewolken werden da mit Geschwindigkeiten bis zu 3000 Kilometern pro Sekunde ins All geschleudert.
Mithilfe zweier Raumsonden wollen Astronomen diese koronalen Massenausbrüche jetzt näher unter die Lupe nehmen. Eine Delta-II-Rakete soll die beiden nahezu baugleichen Stereo-Sonden am 31. August von der Cape Canaveral Air Force Station ins All schießen. Wenn alles gut geht, werden sie erstmals einen dreidimensionalen Blick auf die energiereichen Phänomene ermöglichen.
Denn trotz der großen Entfernung sind deren Wirkungen auch auf der Erde noch zu spüren. Koronale Massenausbrüche können Satelliten beschädigen und zu Störungen in der Telekommunikation oder in der Energieversorgung führen, mahnt Volker Bothmer von der Universitäts-Sternwarte Göttingen, der im vergangenen Jahr eine vorbereitende Stereo-Tagung im Planetarium Hamburg organisiert hat. Für Astronauten, insbesondere wenn sie sich jenseits eines erdnahen Orbits befinden, können die fernen Explosionen sogar lebensbedrohlich sein. Für die geplanten bemannten Missionen zu Mond und Mars ist eine genauere Kenntnis der Sonnenaktivität daher unerlässlich.
Gerade die auf die Erde zurasenden Materieausbrüche lassen sich bislang aber nicht direkt beobachten, weil sie durch das Licht der Sonne überstrahlt werden. Die beiden Stereo-Sonden sollen diese Beobachtungslücke schließen, indem sie vor und hinter der Erde auf Umlaufbahnen um die Sonne gebracht werden. So können sie die auf die Erde gerichteten Sonneneruptionen von der Seite beobachten. Eine zuverlässige Wettervorhersage fürs Sonnensystem dürfte eines Tages so selbstverständlich sein wie die Wetterkarte nach den Fernsehnachrichten. Insofern können Besucher des Hamburger Planetariums schon bald einen Blick in die mediale Zukunft werfen. Denn wenn die beiden Sonden etwa drei Monate nach dem Start ihre vorgesehenen Umlaufbahnen erreicht und den Betrieb aufgenommen haben, sollen ihre Bilder nahezu in Echtzeit auf der mit modernster Projektionstechnik ausgestatteten Sternenkuppel zu sehen sein. Etwa zehn Minuten, so die Schätzungen der Wissenschaftler, werden nötig sein, um die im Fünf-Minuten-Abstand aktualisierten Daten zu empfangen und aufzubereiten. Im Unterschied zu den nur einmal am Tag übermittelten hoch aufgelösten Bildern werden das recht grobkörnige Aufnahmen sein. Aber die exklusive Beobachtungsposition dürfte diesen ästhetischen Mangel mehr als kompensieren.
erschienen am 23. August 2006
|