SonnenwendeEs geht nicht nur um neue Energiequellen: Höchste Zeit, den Weltraum zu erobern
Der Start einer europäischen Ariane-Rakete zieht regelmäßig mehrere tausend Menschen an. Auf den Aussichtsplätzen rund um den Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana verfolgen sie fasziniert, wie der 750 Tonnen schwere Koloß auf gigantischen Flammenzungen in die Höhe steigt. Noch in über zehn Kilometer Entfernung ist das Beben der Erde zu spüren. Es ist wie ein modernes Flammenritual, mit dem die Zuschauer auf den Hügeln und Tribünen rund um die südamerikanische Stadt Kourou die höchste Kunst der Feuerbeherrschung feiern.
Denn viel höher geht es nicht mehr. Mit der Überwindung der Erdschwerkraft hat das Zeitalter des Feuers seinen Gipfel erreicht. Die Grenzen des Machbaren sind in Sicht. Das erste Kapitel der Menschheitsgeschichte geht zu Ende.
Begonnen hat es ungefähr vor einer Million Jahren, genau weiß das niemand. Mit der Zähmung der Flammen profilierte sich der Mensch am klarsten als eigenständige Gattung. Auch andere Lebewesen verwenden Werkzeuge und verfügen über komplexe Kommunikationsformen, die unserer Sprache nahe kommen mögen. Aber keine Spezies außer uns nutzt das Feuer.
Die Flammen boten den Menschen nicht nur Schutz und erweiterten ihr Nahrungsspektrum. Lagerfeuer bildeten auch die Knotenpunkte der ersten großräumigen Kommunikationsnetzwerke. Bei Nacht zeigten ihre Lichter, tagsüber signalisierte der Rauch die Gegenwart anderer Menschen.
Der US-amerikanische Astronom und Autor Carl Sagan (1934-1996) hat einmal darüber spekuliert, ob unsere Vorfahren die Lichter am Himmel auch als Lagerplätze gedeutet haben könnten. Auf jeden Fall werden die Menschen spätestens an den Lagerfeuern begonnen haben, miteinander zu sprechen. Denn die dauerhafte Nutzung des Feuers und Weitergabe der dazu erforderlichen Kenntnisse ist ohne Sprache schwer vorstellbar. Vielleicht haben die rätselhaft tanzenden Flammen das Bedürfnis, sich über deren Natur zu verständigen, regelrecht entzündet.
Die meiste Zeit entfachten die Menschen ihre Feuer an immer wieder wechselnden Lagerplätzen. Doch vor etwa 10 000 Jahren begannen sie vermehrt, feste Ansiedlungen zu errichten. Sie folgten nun nicht mehr den Nahrungsquellen, sondern lernten, natürliche Prozesse zu optimieren, so daß diese immer besser den menschlichen Bedürfnissen folgten.
Während Jäger und Sammler sich eher an den Mondphasen orientierten, die regelmäßig für helle Nächte sorgen, gewann nun der Sonnenkalender an Bedeutung, mit dessen Hilfe die Zeitpunkte für Aussaat und Ernte genauer bestimmt werden konnten. Beobachtungsanlagen wie das erst kürzlich rekonstruierte 7000 Jahre alte Sonnenobservatorium bei Goseck in Sachsen-Anhalt wurden zu Siedlungszentren.
In festen Siedlungen ließen sich Öfen bauen, in denen das Feuer heiß genug wurde, um Metall zu schmelzen und zu bearbeiten. Langfristig verbesserte sich die Versorgungslage, sanken die Sterblichkeitsraten - und erhöhten dadurch den Bedarf nach weiterer Optimierung. Die Geschichte begann sich zu beschleunigen.
Um in immer größeren Siedlungen den Überblick zu behalten, begannen die Menschen, wichtige Dinge aufzuschreiben. Mit diesen Schriftsystemen schufen sie die ersten dauerhaften Datenspeicher und die Grundlage der modernen Wissenschaft, die das komplizierte Zusammenspiel der Flammen bald mit immer raffinierteren Methoden erforschte.
Die Mechanisierung der schriftlichen Kommunikation durch die Erfindung der Druckerpresse sorgte für zusätzliche Beschleunigung, bis die Schriftkultur schließlich Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Im Abstand von wenigen Jahren gelang der bis dahin unmöglich scheinende Griff nach den Sternen gleich auf zweifache Weise. Atombomben und Kernreaktoren entfachten das Sternenfeuer auf der Erde und mit Feuerkraft betriebene Raketen ermöglichten es den ersten Menschen, einen anderen Himmelskörper zu berühren. Beide Technologien waren noch mit Hilfe der schriftlichen Datenverarbeitung konzipiert worden. Für ihren dauerhaften, zuverlässigen Betrieb und vor allem für ihre Weiterentwicklung war aber ein neues Medium erforderlich. In Gestalt digitaler Computer entstand es fast zur gleichen Zeit.
Die Situation ähnelt der bei der Zähmung des Feuers. Einen brennenden Ast konnten die ersten wagemutigen Entdecker auch ohne Sprache aufheben und transportieren. Um das Lagerfeuer dauerhaft am Brennen zu halten, mußten die Menschen aber lernen, miteinander zu reden. Ebenso konnten Raumfahrtpioniere wie Konstantin Ziolkowski oder Hermann Oberth das Transportmittel zu den Sternen auch ohne Computer detailliert beschreiben. Raumschiffe oder Interkontinentalraketen ohne die Hilfe digitaler Rechner präzise ins Ziel zu steuern, ist dagegen undenkbar.
Feuerkraft hat uns den Schritt ins All ermöglicht. Doch damit sind ihre Möglichkeiten an Grenzen gestoßen. Wenn wir dort oben weitere Schritte unternehmen und uns dem Raum wirklich öffnen wollen, brauchen wir etwas Neues.
Worin dieses Neue bestehen könnte, hat vielleicht am klarsten Nikolai S. Kardaschew erfaßt. Der 1932 geborene russische Astrophysiker beschäftigte sich Anfang der sechziger Jahre mit der Frage, ob die Kommunikation mit außerirdischen Zivilisationen technisch möglich wäre. Dabei spielte die der jeweiligen Zivilisation zur Verfügung stehende Energie eine entscheidende Rolle. Kardaschew schlug vor, drei Zivilisationsstufen zu unterscheiden:
Stufe I - Zivilisationen, die die Ressourcen ihres Heimatplaneten nutzen; Stufe II - Zivilisationen, die die Ressourcen ihres Heimatsterns nutzen; Stufe III - Zivilisationen, die die Ressourcen ihrer Heimatgalaxis nutzen.
Befinden wir uns demnach auf der Schwelle von Stufe I zu Stufe II? Immer deutlicher tritt die Begrenztheit der irdischen Ressourcen zutage. Die fossilen Brennstoffvorräte gehen zur Neige, und die Abfallstoffe der in unzähligen Automotoren und Kraftwerken lodernden Feuer stellen das irdische Ökosystem auf eine gefährliche Belastungsprobe. Mehr und mehr orientieren wir uns daher auf unseren Heimatstern, um unseren Energiebedarf direkt von dort zu decken. Das chemische Feuer macht nach und nach dem in der Sonne brodelnden nuklearen Feuer Platz.
Als unsere Vorfahren die Sterne am Himmel als Lichter ferner Lagerfeuer gedeutet haben, lagen sie daher gar nicht so falsch. Aus heutiger Sicht erscheint es durchaus plausibel, daß sich kosmische Zivilisationen um ihren Heimatstern wie um ein Lagerfeuer scharen. Auch wir könnten jetzt, am Ende des Feuerzeitalters, zu einer solchen Zivilisation heranreifen. Die Sonne wäre das Zentrum, um das herum wir uns nach und nach auf Planeten, Monden, Asteroiden oder in frei schwebenden Weltraumstädten verteilen.
Es könnte der Auftakt sein zu einer beispiellosen Blüteperiode der Kultur. Wie mag sich etwa der Tanz unter verschiedenen Schwerkraftbedingungen entwickeln? Zu welchen Klängen werden sich Musiker in der Schwerelosigkeit oder in extremer Einsamkeit auf der Rückseite des Mondes inspirieren lassen? Künstler aller Gattungen haben längst begonnen, sich mit diesen Perspektiven auseinander zu setzen. Architekten denken über den Neigungswinkel von Treppen und die Gestaltung von Fußböden in Mond- und Marssiedlungen nach. Aber es geht um viel mehr. Im Weltraum steht die Gesamtheit der Regeln zur Disposition, nach denen die Menschen ihr Zusammenleben untereinander und mit der Natur gestalten.
Die bis heute umfangreichste Studie zu Weltraumsiedlungen, im Sommer 1975 von der Stanford University und vom Ames Research Center der Nasa erarbeitet, betont ausdrücklich die vielfältigen Möglichkeiten, die sich im All für soziale Experimente bieten. Völlig unterschiedliche Vergesellschaftungsformen sind denkbar: Hierarchisch-homogene Weltraumgemeinden etwa, die in Begriffen von Maximierung und Optimierung denken und Konkurrenz und Wettbewerb als Basis allen Fortschritts betrachten; individualistisch-isolationistische Gemeinden, die dem Schutz der Privatsphäre größte Bedeutung beimessen; oder heterogen-genossenschaftliche Siedlungen, die Verschiedenheit als Quelle der Bereicherung ansehen und Konkurrenz als nutzlos ablehnen. Und damit ist die Liste längst nicht komplett.
Viele Menschen befürchten, daß wir im Weltraum unseren ausbeuterischen Lebensstil in noch größerem Maßstab fortsetzen könnten. In dieser Horrorvision fallen irdische Raumschiffe wie Heuschrecken über andere Planeten her, nehmen sich, was sie irgendwie verwerten können, und ziehen weiter, wenn es nichts mehr zu holen gibt. Tatsächlich mehren sich insbesondere in den USA die Stimmen, die darauf drängen, den Kapitalismus ins All zu exportieren. Der Handel mit Grundstücken auf anderen Himmelskörpern soll freigegeben und die entgegenstehenden UNO-Beschlüsse notfalls einfach ignoriert werden.
Aber vielleicht haben mit dem Beginn des Weltraumzeitalters nicht nur das Feuer und die Schriftkultur ihre Daseinszyklen vollendet, sondern auch unsere bisherigen Formen des Wirtschaftens. Die historische Leistung des Kapitalismus bestand darin, immer größere kollektive Kräfte zu bündeln und die kulturelle Beschleunigung auf die Spitze zu treiben - bis zum Sprung ins All. Damit könnte die kapitalistische Mission aber auch erfüllt sein.
Bei Weltraumflügen muß immer sehr genau überlegt werden, was mitgenommen werden kann. Das sollte um so mehr für das immaterielle Gepäck aus Gewohnheiten und Traditionen gelten. Im All bieten sich einzigartige Chancen, völlig neue Formen des Zusammenlebens zu erproben. Bislang brauchen Astronauten dort weder Geld noch Waffen. Uns sollte daran gelegen sein, diesen Zustand so lange wie möglich zu erhalten.
Über eine Million Jahre Menschheitsgeschichte liegen hinter uns. Wie lange das kommende solare Zeitalter dauern wird, steht in den Sternen. Auch ist keinesfalls sicher, daß uns der Übergang dorthin gelingen wird. Aber gibt es eine Alternative? Artikel erschienen am Do, 5. Januar 2006 |
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