MUT ZUR ZUKUNFT
Science fiction aus Japan
Von Hans-Arthur Marsiske

(Erschienen in: Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 1998. München 1997, S. 265-269)

Alle reden von Asien. Der Bundeskanzler verweist auf die künftige Bedeutung der Wirtschaftsmacht China, wenn ihm mal wieder ein allzu schonender Umgang mit den dortigen Machthabern vorgeworfen wird. Sein derzeitiger Forschungsminister Jürgen Rüttgers sieht in unserer "Fähigkeit von Asien zu lernen" einen "Gradmesser für unsere Zukunftsfähigkeit". Und natürlich hat auch die Science fiction längst den Asien-Touch entdeckt.

Neal Stephenson etwa macht in seinem Roman "Diamond Age" den Kampf zwischen chinesischen Traditionalisten und westlich geprägtem Neo-Viktorianismus zur großen ideologischen Konfrontation der Zukunft. Maureen McHugh erzählt von einem ABC (American Born Chinese), der in einer von China geprägten Welt seine Homosexualität nur sehr vorsichtig ausleben kann ("ABC Zhang"). Bei David Wingrove geht die Weltherrschaft Chinas sogar schon wieder ihrem Ende entgegen: In "Das Reich der Mitte" planen am Ende des 23. Jahrhunderts kühne Revolutionäre den Sturz der chinesischen Kaiser. In anderen Erzählungen macht sich der Einfluss Asiens durch japanische Floskeln bemerkbar, die in die Alltagssprache eingeflossen sind. Ohne Asien geht kaum noch etwas in der Zukunft.

Science fiction aus Asien selbst müsste angesichts solch günstiger Prognosen eigentlich vor Optimismus strotzen. Doch sofern die wenigen Übersetzungen aus dem Japanischen, die bisher als Roman, Comic oder Film vorliegen, ein Urteil erlauben, scheint das Gegenteil der Fall. Auf den ersten Blick wirken die Zukunftsszenarien erstaunlich düster.

In Komatsu Sakyos berühmtem Roman "Wenn Japan versinkt" etwa erlebt der Inselstaat das ultimative Erdbeben und wird von den Fluten des Pazifik begraben. Abe Kobo lässt gar den Meeresspiegel um tausend Meter steigen ("Die vierte Zwischeneiszeit"). Ungezählte Male haben japanische Filmemacher, allen voran Honda Ishiro, die Metropolen der Erde von feuerspeienden Monstern zertrampeln lassen. "Akira", die bedeutendste japanische SF-Erzählung der letzten Jahre, zelebriert gleich zweimal die totale Zerstörung Tokios durch eine Superwaffe.

Massenvernichtungswaffen sind das beherrschende Thema der japanischen Science fiction. Honda Ishiro etablierte 1954 mit "Godzilla", einer visuellen Erinnerung an die nur neun Jahre zurückliegenden Atombombenangriffe, das dramaturgische Muster, mit dem sie zum Einsatz kommen: Monster oder Außerirdische greifen an. Nach und nach wird immer stärkeres Geschütz gegen sie aufgefahren, doch ohne Erfolg. Als die Lage aussichtslos erscheint, entschließt sich ein alter Mann schweren Herzens, eine Waffe zum Einsatz zu bringen, deren Entwicklung er gestoppt oder geheimgehalten hatte, nachdem er sich über ihre ungeheure Zerstörungskraft klar geworden war. Häufig geht der Erfinder der Superwaffe mit ihr und allen Konstruktionsplänen in den Tod.

Otomo Katsuhiros Monumental-Comic "Akira" weicht in wesentlichen Punkten von diesem Schema ab. So gibt es keine Bedrohung mehr, die den Einsatz der Geheimwaffe legitimiert. Die Waffe selbst ist die eigentliche Gefahr.

Auch der verantwortungsvolle Militärführer, der alles versucht, um die Katastrophe zu verhindern, ist widersprüchlicher gezeichnet als die edlen Charaktere Hondas. Der namenlose "Colonel" ist ein Mann zum Fürchten, der mit Gegnern wie Untergebenen gleichermaßen hart und unerbittlich umgeht. Erst spät im Verlauf der Geschichte, wenn seine Motivation deutlicher wird, darf er auch zärtliche Gefühle zeigen und entwickelt sich zum Sympathieträger.

Die Waffe, um die es geht, ist die pure Geisteskraft. Es sind psi-begabte Kinder, deren Fähigkeiten das Militär vergeblich zu kontrollieren versucht. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie eingeführt werden, zählt zu den irritierenden Elementen in Otomos Geschichte. Die Kinder mit den greisenhaften Gesichtern wirken zunächst ähnlich befremdlich, wie die von Schauspielern in Gummikostümen dargestellten Urweltmonster, die behäbig in Spielzeug-Landschaften herumtrampeln.

Die Irritationen verweisen auf eine grundlegend andere kulturelle Tradition: "Es hat in der japanischen Geschichte keine Aufklärung und damit auch keine Abqualifizierung des Mythischen gegeben", sagt Michael Morgenthal, Übersetzer mehrerer japanischer SF-Romane. "Daher können Götterglaube und primitive Vorstellungen problemlos mit der Faszination für Wissenschaft und Technik einhergehen."

Auch die Hemmungslosigkeit, mit der Otomo grandiose pubertäre Allmachtsphantasien entwirft, kann westliche Leser erst mal abschrecken. Es ist ein gänzlich anderes Verständnis von Jugend, das auch in vielen Cyborg-Geschichten mit ihren phantastischen Körperpanzerungen zum Ausdruck kommt. Die qualvollen körperlichen Veränderungen, die Tetsuo, eine der "Akira"-Hauptfiguren, erleidet, als er seine Kräfte entdeckt, lassen vielleicht etwas von dem Druck ahnen, dem Jugendliche in einer Kultur mit einer weitgehend ungebrochenen Hierarchie der Generationen ausgesetzt sein mögen.

"Akira" schildert jedoch nicht nur eine individuelle Adoleszenzkrise, sondern erzählt mit diesem Stilmittel auch vom Erwachsenwerden der Menschheit, vom Erschrecken über die ungeheuren Kräfte, die sie entwickelt hat, und von den verzweifelten Versuchen, sie zu kontrollieren. Damit bekommen auch die Figuren der psibegabten Kinder ihren Sinn: Letztlich ist es eben allein der menschliche Geist, der den Fortbestand der Zivilisation bedroht.

Ungemein intensiv zeichnet Otomo die Schmerzen und die Mühen, die mit diesem Prozess des Heranreifens verbunden sind, zeigt aber auch Sinn für die Schönheit, die in der Kraft steckt. Wie David Cronenberg in seinem Film "Scanners" gönnt Otomo seinen Protagonisten Momente des Friedens und der Harmonie, etwa wenn sie ihre Gehirne telepathisch zusammenschalten. Und er macht Hoffnung: "In die Zukunft gibt es nicht nur einen Weg", lässt er eines der Kinder einmal sagen. "Auch wir können die Zukunft beeinflussen."

Das eigentlich Faszinierende an "Akira" ist nicht die Düsternis, sondern diese Zuversicht: Wir können es trotz allem schaffen. Es lohnt sich, erwachsen zu werden.

Vielleicht ist eine Kultur, die seit Jahrtausenden mit der Bedrohung durch Erdbeben und Taifune lebt, besser auf die bevorstehenden, vom Menschen verursachten Katastrophen vorbereitet. "Kulturpessimismus", sagt jedenfalls Japan-Kenner Morgenthal, "ist in Japan nicht sehr populär, der Glaube an die Machbarkeit dagegen sehr stark. Es gibt keine Vorstellung von einem apokalyptischen Weltuntergang. Das Motto lautet: Nach der Katastrophe geht es weiter."

In der Tat: Weder von Flutkatastrophen, noch von Atomkriegen lassen die japanischen SF-Autoren sich unterkriegen – sie evakuieren die japanischen Inseln oder entwickeln Menschen mit Kiemen und erschaffen eine neue Zivilisation.

So war es wohl nicht zufällig ein Japaner, der es gewagt hat, an das großartigste, optimistischste Zukunftsbild dieses Jahrhunderts anzuknüpfen. "2001 Nights" nennt sich die Geschichtensammlung von Hoshino Yukinobu und bekennt sich damit schon im Titel zum groáen Vorbild "2001: Odyssee im Weltraum".

Hoshinos Erzählungen handeln von interstellaren Reisen, dramatischen Rettungsaktionen im Weltall und großartigen wissenschaftlichen Entdeckungen. Sie sind ein einziges Staunen angesichts der Wunder des Kosmos, von unerschütterlichem Optimismus geprägt und müssten all jene Zeitgenossen beschämen, die zur Verteidigung ihrer Weltuntergangsszenarien unermüdlich behaupten, positive Utopien seien schlicht langweilig.

Gleich in der ersten Geschichte stellt Hoshino klar, wo er die dunkle und die helle Seite der Macht verortet: Da schickt er die Führer der nuklearen Supermächte zum Gipfeltreffen auf eine Raumstation, wo sie gemeinsam versuchen, den drohenden Atomkrieg abzuwenden. Den Heimatplaneten zerstören oder ihn verlassen und neue Welten entdecken – so stellt sich für Hoshino die Alternative. Aber er lässt keinen Zweifel daran, dass die helle Seite, die Verlockungen des Weltalls letztlich siegen werden.

Wenn es irgendwo Menschen gibt, die den Herausforderungen der Zukunft mutig begegnen, dann in Asien. Manchmal hat der Kanzler eben recht.


HINWEISE:

Hoshino Yukinobu: 2001 Nights (Carlsen)
Otomo Katsuhiro: Akira (Carlsen)
Komatsu Sakyo: Wenn Japan versinkt (Verlag Volk und Welt)
Abe Kobo: Die vierte Zwischeneiszeit (Suhrkamp)

Westliche Science fiction, die eine von Asien beherrschte Welt zeichnet:
David Wingrove: Das Reich der Mitte (Heyne)
Maureen F. McHugh: ABC Zhang (Heyne)
Neal Stephenson: Diamond Age (Goldmann)