eae
URL: http://www.welt.de/welt_print/article1179647/Sklave_oder_Spielgefaehrte.html
13. September 2007, 00:00 Uhr
Von Hans-arthur Marsiske
Essay

Sklave oder Spielgefährte

Von Hans-Arthur Marsiske
Dies wird das Jahrhundert der Roboter. Sprechende Fahrkartenautomaten, mechanische Nachtwächter und Puppen mit programmierbaren Persönlichkeiten werden in den kommenden Jahrzehnten mehr und mehr unseren Alltag prägen. Ob das ein Fluch oder ein Segen ist, entscheidet sich aber bereits jetzt. Wie beim Menschen bilden sich auch bei künstlichen Intelligenzen die grundlegendsten Charakterzüge in einem frühen Lebensstadium aus.
Um die Federführung beim Roboterdesign streiten sich, von der allgemeinen Öffentlichkeit bislang weitgehend unbemerkt, im Wesentlichen drei Hauptakteure: die Industrie, das Militär und die Wissenschaft. Deren Wettstreit um Forschungsgelder und die besten Nachwuchswissenschaftler ist gerade dabei, sich zu verschärfen. Man spürt es an der gewachsenen Nervosität der Teilnehmer von Roboterturnieren, an den Empfindlichkeiten gegenüber vermeintlichen Fehlentscheidungen, an der Art, wie über konkurrierende Teams gesprochen wird.
Zum Beispiel der RoboCup, der seit zehn Jahren veranstaltete Fußball-Wettbewerb für Roboter: Natürlich gibt es immer noch Teams, die in erster Linie die Begegnung und den Gedankenaustausch mit anderen Wissenschaftlern aus aller Welt genießen. Die Pioneros Mexico etwa sorgten bei der letzten RoboCup-WM Anfang Juli in Atlanta auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Turnier noch für gute Stimmung und jubelten nun ihren vorherigen Gegnern zu, denen sie kleine Sombreros für die Roboter geschenkt hatten. Auch ohne sportlichen Erfolg profitierten sie offensichtlich von der Veranstaltung.
Es gibt aber auch immer mehr Teilnehmer, die im Wettbewerb unbedingt einen der vorderen Plätze erreichen müssen, weil der Turniererfolg zu einem gewichtigen Argument bei der Einwerbung von Forschungsmitteln geworden ist. Die versteinerten Gesichter mancher Teammitglieder nach einer Niederlage lassen die Konsequenzen erahnen, die ihnen zu Hause bevorstehen.
Die unbeschwerte Zeit, so scheint es, ist vorüber. Aus dem Spiel ist Ernst geworden. Waren Roboterwettbewerbe bis Mitte der Neunzigerjahre noch vornehmlich Anhängsel wissenschaftlicher Konferenzen und nur für das beteiligte Fachpublikum von Interesse, so haben die seit 1996 von den konkurrierenden Verbänden Fira und International RoboCup Federation veranstalteten Fußballturniere eine Bresche zur breiteren Öffentlichkeit geschlagen. Auf dem Sportplatz können auch Laien die Entwicklung der künstlichen Intelligenz mitverfolgen.
In den Roboterwettkämpfen setzen Ingenieure und Informatiker ihre Konzepte einem darwinschen Kampf ums Dasein aus, den nur die Besten überleben. Sie reproduzieren bewusst Muster der natürlichen Evolution. Dabei ergibt sich am gegenwärtigen Übergang von der natürlichen zur technischen Evolution eine ähnliche Situation wie zur Frühzeit des irdischen Lebens.
Einer weithin akzeptierten Theorie des US-amerikanischen Mikrobiologen Carl R. Woese zufolge lässt sich das irdische Leben nicht auf eine Urzelle zurückführen, sondern auf drei verschiedene Zelltypen: die Bakterien, Archaeen und Eukaryoten. Sie repräsentieren die frühesten Verzweigungen im Stammbaum des Lebens auf unserem Heimatplaneten. Aber nur die Eukaryoten haben sich zu vielzelligen Lebewesen entwickelt, Pflanzen, Tiere und Menschen eingeschlossen.
Auch beim künstlichen Leben, dessen erste Zuckungen wir bei Roboterturnieren beobachten können, gibt es drei Entwicklungsstränge. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihres Designkonzepts und ihres zeitlichen Rahmen. Welcher sich durchsetzen wird, ist derzeit noch offen.
Am kurzfristigsten orientiert ist die Industrie. Ihre Forschungsprojekte laufen in der Regel nur über wenige Jahre und zielen auf möglichst rasch kommerziell verwertbare Produkte. Das Leitbild hat die industrienahe Fraunhofer-Gesellschaft in ihrer Hauszeitschrift in dankenswerter Klarheit formuliert. Die Fraunhofer-Experten arbeiten demnach "am uralten Menschheitstraum vom künstlichen Sklaven, der auf Befehl aufräumt, staubsaugt, die Zeitung bringt und die Nudeln kocht".
Das Militär schaut etwas weiter in die Zukunft. Die US-Militärforschungsbehörde Darpa versucht gerade, eine Vorgabe des US-Kongresses aus dem Jahr 2001 zu erfüllen, wonach bis zum Jahr 2015 ein Drittel aller Bodenfahrzeuge im Kampfeinsatz unbemannt fahren soll. Grundsätzlich sind Roboter beim Militär die Kameraden fürs Grobe, zuständig für die drei "D": Dirty, Dull und Dangerous. Sie sollen vor allem dort zum Einsatz kommen, wo es für Menschen zu schmutzig, zu langweilig oder zu gefährlich ist.
Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, nutzt die Darpa die Kraft des sportlichen Wettstreits und lockt mit Preisgeldern in Millionenhöhe. Im kommenden Oktober veranstaltet sie zum dritten Mal seit 2004 ihre Grand Challenge für autonome Fahrzeuge, die sich diesmal im Stadtverkehr bewähren und die Verkehrsregeln beachten müssen. Elf ausgewählte Teams wurden im Vorfeld mit bis zu einer Million Dollar pro Team gefördert.
Auch in anderen Ländern organisiert das Militär vermehrt Roboterturniere. Im Tessin hat gerade die zweite Europäische Leistungsschau Robotik (Elrob) stattgefunden, die jährlich abwechselnd unter militärischem und zivilem Vorzeichen veranstaltet wird. Für die TechX Challenge des militärischen Forschungsinstituts DSTA in Singapur ist die Anmeldefrist gerade abgelaufen.
Den ganzheitlichsten und langfristigsten Ansatz verfolgt der wissenschaftlich ausgerichtete RoboCup mit seinem Ziel, bis zum Jahr 2050 Roboter zu bauen, die gegen Menschen die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen können. Dabei ist klar: Eine Maschine, die Fußball spielen kann, und sei es auch nur auf Bezirksliganiveau, wird wenig Probleme haben, bei Bedarf auch viele andere Aufgaben zu übernehmen, etwa die Wohnung zu putzen oder Munition zu transportieren.
Sklave, Kanonenfutter oder Spielgefährte - das sind die Entwicklungslinien der Robotik, die sich gegenwärtig abzeichnen. Welches dieser Konzepte sich durchsetzt, wird gravierende Konsequenzen für nachfolgende Generationen haben. Dennoch wird noch erstaunlich wenig darüber diskutiert. Roboter sind das Ergebnis höchster intellektueller Leistungen, aber die Entscheidungen über ihr grundlegendes Design, ihren Status im Verhältnis zum Menschen erfolgen paradoxerweise bislang weitgehend unbewusst.
Viele Menschen haben kein Problem damit, sich Roboter als Sklaven oder Rekruten vorzustellen, die nichts weiter tun sollen, als Befehle auszuführen und die Aufgaben zu erfüllen, für die sie konstruiert wurden. Es handelt sich ja nur um Maschinen, letztlich um Werkzeuge. Notfalls, so ein beliebtes Argument, gebe es ja immer noch den Knopf zum Ausschalten.
Ja, es sind Werkzeuge. Aber es sind die komplexesten und vielseitigsten Werkzeuge, die es je gab. Und sie werden immer intelligenter. Ob es einen Grad der Intelligenz gibt, von dem an Roboter so etwas wie einen eigenen Willen und Leidensfähigkeit entwickeln, kann heute niemand mit Gewissheit sagen. Was vergeben wir uns, wenn wir den Roboter von vornherein als einen empfindsamen Partner statt als seelenlose Maschine konzipieren? Roboter sind letztlich Spiegelbilder des Menschen, die uns viel über uns selbst lehren können. Dafür haben sie allemal Dank und Respekt verdient.
Der Umgang mit Sklaven und Kampfmaschinen wird hingegen immer von Angst überschattet sein. Gegen wirklich intelligente Roboter hilft auch kein Notausknopf. Sie werden Wege finden, ihn zu deaktivieren.
Die Evolution der Roboter wiederholt Muster der natürlichen Evolution, aber diesmal gibt es tatsächlich einen intelligenten Designer, der die Richtung beeinflussen könnte. Wir sollten von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Die Schaffung künstlichen Lebens darf nicht von kurzfristigen kommerziellen oder sicherheitspolitischen Interessen geleitet sein. Sie muss von einer umfassenden Vision getragen werden.
Der japanische Wissenschaftler Hiroaki Kitano, Hauptinitiator des RoboCup, hat es sehr schön ausgedrückt. Im Unterschied zu Europa und Amerika seien Japan und Asien, so Kitano, eher von einem Traum geleitet, von "dem Wunsch, etwas Wundervolles zu tun".
Mit weniger sollten auch wir uns nicht zufriedengeben.
Der Autor ist Sozial- und Wirtschaftshistoriker und lebt in Hamburg
 
Leserbrief schreiben LESERBRIEF SCHREIBEN
Bitte füllen sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.
Sklave oder Spielgefährte

Von Hans-Arthur Marsiske

Leserbrief *
Ihr Name *
Ihre E-Mail *
Ihre Website

Bitte übertragen Sie den Code in das folgende Feld:

 
captcha image
Code *
Nutzungsbedingungen
 
Artikel empfehlen Artikel empfehlen
Bitte füllen sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.
Sklave oder Spielgefährte

Von Hans-Arthur Marsiske

Name Empfänger *
E-Mail Empfänger *
Ihr Name *
Ihre E-Mail *
Bemerkung *

Bitte übertragen Sie den Code in das folgende Feld:

 
captcha image
Code *
Aktuelle Videos
Top-Thema: Polit-Rentner
Polit-Rentner
So wird das Schröder-Stoiber-Treffen wirklich

Von Hajo Schumacher  mehr
- Anzeige -

WKN, ISIN oder NAME
  Kurs in % Zeit
DAX7484,28 +0,15 14:10 
TecDAX906,35 -0,78 14:10 
DOW J.13291,65 -0,13 22:30 
NASDAQ Comp.2592,05 -0,21 23:17 
EURO STOXX4223,04 +0,29 14:09 
NIKKEI 22515821,19 +0,15 8:17 
Euro in $1,3895 -0,09 14:25 
BrentOil in $78,07 +0,57 10:57 
Gold in $706,00 +0,26 16:19 
WETTER

Berlin
18°

Hamburg
17°

Frankfurt
21°

München
18°

Leserfavoriten
  • GELESEN
  • KOMMENTIERT
  • EMPFOHLEN
  1. Erschütternde Details im Mordfall Hannah

    Die Polizei hat einen Verdächtigen im Mordfall der 14-jährigen Hannah festgenommen. Die Spuren am Körper des Opfers stimmen mit der DNA des Verdächtigen überein. Der Mann hat inzwischen die Tat gestanden – und erschütternde Details geschildert.  mehr
  2. Kate McCanns Tagebuch soll untersucht werden

    Es wird erwartet, dass der portugiesische Richter im Fall Madeleine anordnen wird, Kate McCanns Tagebücher zu prüfen. Auch der Laptop des Vaters und der Mietwagen der Eltern soll beschlagnahmt und näher untersucht werden. Die McCanns sind enttäuscht – auch, weil die britische Polizei sich merkwürdig verhält.  mehr
  3. Die Liste der zehn schmutzigsten Orte der Welt

    Quecksilbergehalt im Grundwasser, Gift in der Luft: Die Organisation Green Cross International hat eine Liste der "Dirty Ten" des Jahres 2007 veröffentlicht. Unbestreitbar ist, dass an einigen Orten in China, Russland und Indien Kinder durch die Umweltverschmutzung sterben.  mehr
  4. Eine offene Beziehung – Liebe ohne Einschränkung

    Eine einfache Partnerschaft ist Eva zu langweilig. Darum führen die 26-Jährige und ihr 32-jähriger Partner eine offene Beziehung. Sie sind zusammen, aber jeder kann auch mit anderen Menschen ins Bett gehen. Das Porträt einer ungewöhnlich toleranten Beziehung.  mehr
  5. Die wichtigsten Fakten und Indizien

    Welche Rolle spielt Madeleines Kuscheltier? Wie viel hatten die McCanns in der fraglichen Nacht getrunken? Und wie ist der Stand der Dinge? Das Schicksal der verschwundenen vierjährigen Madeleine bewegt ganz Europa. WELT ONLINE hat die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengetragen.  mehr
  1. Lafontaine verdirbt Merkel die gute Laune

    Die Kanzlerin war froh gestimmt: Deutschland erlebe eine "großartige Erfolgsgeschichte", meinte sie in der Generaldebatte im Bundestag. Doch unmittelbar nach ihr trat der Linksfraktionschef Lafontaine ans Rednerpult. Und er bemühte sich nach Kräften, der Regierung ordentlich in die Parade zu fahren.  mehr
  2. Erschütternde Details im Mordfall Hannah

    Die Polizei hat einen Verdächtigen im Mordfall der 14-jährigen Hannah festgenommen. Die Spuren am Körper des Opfers stimmen mit der DNA des Verdächtigen überein. Der Mann hat inzwischen die Tat gestanden – und erschütternde Details geschildert.  mehr
  3. Die wichtigsten Fakten und Indizien

    Welche Rolle spielt Madeleines Kuscheltier? Wie viel hatten die McCanns in der fraglichen Nacht getrunken? Und wie ist der Stand der Dinge? Das Schicksal der verschwundenen vierjährigen Madeleine bewegt ganz Europa. WELT ONLINE hat die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengetragen.  mehr
  4. Jeder Siebte lebte schon einmal von Hartz IV

    Eine neue Studie hat ergeben, dass mehr Menschen in Deutschland staatlich unterstützt werden müssen, als die monatlichen Statistiken erkennen lassen. Besonders alleinerziehende Mütter und Väter sind oft jahrelang auf das Geld vom Staat angewiesen.  mehr
  5. Kate McCanns Tagebuch soll untersucht werden

    Es wird erwartet, dass der portugiesische Richter im Fall Madeleine anordnen wird, Kate McCanns Tagebücher zu prüfen. Auch der Laptop des Vaters und der Mietwagen der Eltern soll beschlagnahmt und näher untersucht werden. Die McCanns sind enttäuscht – auch, weil die britische Polizei sich merkwürdig verhält.  mehr
  1. "Das sind keine Menschen, das sind Tiere"

    Geschubst, getreten, zugeschlagen: Bei der Eröffnung des weltgrößten Media Marktes in Berlin sind die Schnäppchenjäger durchgedreht. Tausende stürmten um Mitternacht die neue Filiale am Alexanderplatz. Selbst ein Großaufgebot von Polizei und Sicherheitspersonal konnte die Meute nicht bändigen.  mehr
  2. Der Selbsthass des Theater-Tyrannosaurus

    Der Regisseur setzte mit seinen Inszenierungen unter anderem bei den Salzburger Festspielen und an der Berliner Schaubühne Maßstäbe: "Ich habe keinen Stil und will auch keinen", erklärt Stein im Gespräch mit WELT ONLINE. Außerdem spricht er über seine Wallenstein-Inszenierung, Gagen-Sorgen und sein kritisches Verhältnis zu Kollegen.  mehr
  3. Lebensversicherungen gewinnen an Reiz

    Alle stöhnen über die Abgeltungsteuer. Wirklich alle? Nein, zumindest in der Versicherungswirtschaft reibt sich so mancher die Hände. Denn Lebenspolicen sind von der neuen Abgabe ausgenommen. Ein Depot im Versicherungsmantel hat Zeug zum Massenprodukt  mehr
  4. The Police - so muss ein Comeback aussehen

    Nach 24 Jahren steht die Band wieder vereint auf der Bühne. Sie ist so gut wie nie zuvor und übertrifft alles, was die drei Musiker in den vergangenen Jahren allein auf die Beine gestellt haben. Zusammen zeigen sie, wie ein Comeback musikalisch gelingen kann.  mehr
  5. Mieter müssen beim Auszug nicht renovieren

    Mieter können nicht mit einer Klausel im Mietvertrag zu einer Renovierung beim Auszug verpflichtet werden. Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe erklärte in einer Entscheidung vertragliche Verpflichtung der Mieter zu einer Endrenovierung für unwirksam.  mehr
Live-Ticker Sport
Heute keine Veranstaltungen
Krebs

Wenn Zellen aus dem Ruder laufen
Alle Krebsformen und Möglichkeiten der modernen Medizin

Weblog

Ab nach New York
Greencard-Gewinner Hannes Stein über seinen Umzug in die USA


Weblog

Der Autoflüsterer
Schleudern, Kisten, Schüsseln, Karren - der Autoblog von Marco Dalan

Kolumne

Zippert zappt
Die tägliche Kolumne von Hans Zippert auf WELT ONLINE

Zweite Meinung
Spiegel
Der Spiegel
Tagesschau
Tagesschau
New York Times
New York Times
empty