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Dies
wird das Jahrhundert der Roboter. Sprechende Fahrkartenautomaten,
mechanische Nachtwächter und Puppen mit programmierbaren
Persönlichkeiten werden in den kommenden Jahrzehnten mehr und mehr
unseren Alltag prägen. Ob das ein Fluch oder ein Segen ist, entscheidet
sich aber bereits jetzt. Wie beim Menschen bilden sich auch bei
künstlichen Intelligenzen die grundlegendsten Charakterzüge in einem
frühen Lebensstadium aus.
Um die
Federführung beim Roboterdesign streiten sich, von der allgemeinen
Öffentlichkeit bislang weitgehend unbemerkt, im Wesentlichen drei
Hauptakteure: die Industrie, das Militär und die Wissenschaft. Deren
Wettstreit um Forschungsgelder und die besten Nachwuchswissenschaftler
ist gerade dabei, sich zu verschärfen. Man spürt es an der gewachsenen
Nervosität der Teilnehmer von Roboterturnieren, an den
Empfindlichkeiten gegenüber vermeintlichen Fehlentscheidungen, an der
Art, wie über konkurrierende Teams gesprochen wird.
Zum
Beispiel der RoboCup, der seit zehn Jahren veranstaltete
Fußball-Wettbewerb für Roboter: Natürlich gibt es immer noch Teams, die
in erster Linie die Begegnung und den Gedankenaustausch mit anderen
Wissenschaftlern aus aller Welt genießen. Die Pioneros Mexico etwa
sorgten bei der letzten RoboCup-WM Anfang Juli in Atlanta auch nach
ihrem Ausscheiden aus dem Turnier noch für gute Stimmung und jubelten
nun ihren vorherigen Gegnern zu, denen sie kleine Sombreros für die
Roboter geschenkt hatten. Auch ohne sportlichen Erfolg profitierten sie
offensichtlich von der Veranstaltung.
Es
gibt aber auch immer mehr Teilnehmer, die im Wettbewerb unbedingt einen
der vorderen Plätze erreichen müssen, weil der Turniererfolg zu einem
gewichtigen Argument bei der Einwerbung von Forschungsmitteln geworden
ist. Die versteinerten Gesichter mancher Teammitglieder nach einer
Niederlage lassen die Konsequenzen erahnen, die ihnen zu Hause
bevorstehen.
Die unbeschwerte
Zeit, so scheint es, ist vorüber. Aus dem Spiel ist Ernst geworden.
Waren Roboterwettbewerbe bis Mitte der Neunzigerjahre noch vornehmlich
Anhängsel wissenschaftlicher Konferenzen und nur für das beteiligte
Fachpublikum von Interesse, so haben die seit 1996 von den
konkurrierenden Verbänden Fira und International RoboCup Federation
veranstalteten Fußballturniere eine Bresche zur breiteren
Öffentlichkeit geschlagen. Auf dem Sportplatz können auch Laien die
Entwicklung der künstlichen Intelligenz mitverfolgen.
In
den Roboterwettkämpfen setzen Ingenieure und Informatiker ihre Konzepte
einem darwinschen Kampf ums Dasein aus, den nur die Besten überleben.
Sie reproduzieren bewusst Muster der natürlichen Evolution. Dabei
ergibt sich am gegenwärtigen Übergang von der natürlichen zur
technischen Evolution eine ähnliche Situation wie zur Frühzeit des
irdischen Lebens.
Einer weithin
akzeptierten Theorie des US-amerikanischen Mikrobiologen Carl R. Woese
zufolge lässt sich das irdische Leben nicht auf eine Urzelle
zurückführen, sondern auf drei verschiedene Zelltypen: die Bakterien,
Archaeen und Eukaryoten. Sie repräsentieren die frühesten Verzweigungen
im Stammbaum des Lebens auf unserem Heimatplaneten. Aber nur die
Eukaryoten haben sich zu vielzelligen Lebewesen entwickelt, Pflanzen,
Tiere und Menschen eingeschlossen.
Auch
beim künstlichen Leben, dessen erste Zuckungen wir bei Roboterturnieren
beobachten können, gibt es drei Entwicklungsstränge. Sie unterscheiden
sich hinsichtlich ihres Designkonzepts und ihres zeitlichen Rahmen.
Welcher sich durchsetzen wird, ist derzeit noch offen.
Am
kurzfristigsten orientiert ist die Industrie. Ihre Forschungsprojekte
laufen in der Regel nur über wenige Jahre und zielen auf möglichst
rasch kommerziell verwertbare Produkte. Das Leitbild hat die
industrienahe Fraunhofer-Gesellschaft in ihrer Hauszeitschrift in
dankenswerter Klarheit formuliert. Die Fraunhofer-Experten arbeiten
demnach "am uralten Menschheitstraum vom künstlichen Sklaven, der auf
Befehl aufräumt, staubsaugt, die Zeitung bringt und die Nudeln kocht".
Das
Militär schaut etwas weiter in die Zukunft. Die
US-Militärforschungsbehörde Darpa versucht gerade, eine Vorgabe des
US-Kongresses aus dem Jahr 2001 zu erfüllen, wonach bis zum Jahr 2015
ein Drittel aller Bodenfahrzeuge im Kampfeinsatz unbemannt fahren soll.
Grundsätzlich sind Roboter beim Militär die Kameraden fürs Grobe,
zuständig für die drei "D": Dirty, Dull und Dangerous. Sie sollen vor
allem dort zum Einsatz kommen, wo es für Menschen zu schmutzig, zu
langweilig oder zu gefährlich ist.
Um
das ehrgeizige Ziel zu erreichen, nutzt die Darpa die Kraft des
sportlichen Wettstreits und lockt mit Preisgeldern in Millionenhöhe. Im
kommenden Oktober veranstaltet sie zum dritten Mal seit 2004 ihre Grand
Challenge für autonome Fahrzeuge, die sich diesmal im Stadtverkehr
bewähren und die Verkehrsregeln beachten müssen. Elf ausgewählte Teams
wurden im Vorfeld mit bis zu einer Million Dollar pro Team gefördert.
Auch
in anderen Ländern organisiert das Militär vermehrt Roboterturniere. Im
Tessin hat gerade die zweite Europäische Leistungsschau Robotik (Elrob)
stattgefunden, die jährlich abwechselnd unter militärischem und zivilem
Vorzeichen veranstaltet wird. Für die TechX Challenge des militärischen
Forschungsinstituts DSTA in Singapur ist die Anmeldefrist gerade
abgelaufen.
Den ganzheitlichsten
und langfristigsten Ansatz verfolgt der wissenschaftlich ausgerichtete
RoboCup mit seinem Ziel, bis zum Jahr 2050 Roboter zu bauen, die gegen
Menschen die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen können. Dabei ist klar:
Eine Maschine, die Fußball spielen kann, und sei es auch nur auf
Bezirksliganiveau, wird wenig Probleme haben, bei Bedarf auch viele
andere Aufgaben zu übernehmen, etwa die Wohnung zu putzen oder Munition
zu transportieren.
Sklave,
Kanonenfutter oder Spielgefährte - das sind die Entwicklungslinien der
Robotik, die sich gegenwärtig abzeichnen. Welches dieser Konzepte sich
durchsetzt, wird gravierende Konsequenzen für nachfolgende Generationen
haben. Dennoch wird noch erstaunlich wenig darüber diskutiert. Roboter
sind das Ergebnis höchster intellektueller Leistungen, aber die
Entscheidungen über ihr grundlegendes Design, ihren Status im
Verhältnis zum Menschen erfolgen paradoxerweise bislang weitgehend
unbewusst.
Viele Menschen haben
kein Problem damit, sich Roboter als Sklaven oder Rekruten
vorzustellen, die nichts weiter tun sollen, als Befehle auszuführen und
die Aufgaben zu erfüllen, für die sie konstruiert wurden. Es handelt
sich ja nur um Maschinen, letztlich um Werkzeuge. Notfalls, so ein
beliebtes Argument, gebe es ja immer noch den Knopf zum Ausschalten.
Ja,
es sind Werkzeuge. Aber es sind die komplexesten und vielseitigsten
Werkzeuge, die es je gab. Und sie werden immer intelligenter. Ob es
einen Grad der Intelligenz gibt, von dem an Roboter so etwas wie einen
eigenen Willen und Leidensfähigkeit entwickeln, kann heute niemand mit
Gewissheit sagen. Was vergeben wir uns, wenn wir den Roboter von
vornherein als einen empfindsamen Partner statt als seelenlose Maschine
konzipieren? Roboter sind letztlich Spiegelbilder des Menschen, die uns
viel über uns selbst lehren können. Dafür haben sie allemal Dank und
Respekt verdient.
Der Umgang mit
Sklaven und Kampfmaschinen wird hingegen immer von Angst überschattet
sein. Gegen wirklich intelligente Roboter hilft auch kein Notausknopf.
Sie werden Wege finden, ihn zu deaktivieren.
Die
Evolution der Roboter wiederholt Muster der natürlichen Evolution, aber
diesmal gibt es tatsächlich einen intelligenten Designer, der die
Richtung beeinflussen könnte. Wir sollten von dieser Möglichkeit
Gebrauch machen. Die Schaffung künstlichen Lebens darf nicht von
kurzfristigen kommerziellen oder sicherheitspolitischen Interessen
geleitet sein. Sie muss von einer umfassenden Vision getragen werden.
Der
japanische Wissenschaftler Hiroaki Kitano, Hauptinitiator des RoboCup,
hat es sehr schön ausgedrückt. Im Unterschied zu Europa und Amerika
seien Japan und Asien, so Kitano, eher von einem Traum geleitet, von
"dem Wunsch, etwas Wundervolles zu tun".
Mit weniger sollten auch wir uns nicht zufriedengeben.
Der Autor ist Sozial- und Wirtschaftshistoriker und lebt in Hamburg