AUF DEM WEG ZUR CYBORG-ZIVILISATION

Menschen und Roboter – Partner im All

Von Hans-Arthur Marsiske

 

Ein rätselhafter, schwarzer Quader zieht sich wie ein roter Faden durch Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“. In mehreren Schlüsselszenen taucht er auf, ohne dass seine Beschaffenheit näher erläutert würde. Die regelmäßige, glatte Form, die an Kriegsmahnmale erinnert, deutet immerhin auf einen künstlichen Ursprung hin. Die Tatsache, dass die Monolithe sowohl auf der Erde als auch auf dem Mond und sogar beim Jupiter beobachtet werden, lässt zudem auf außerirdische (oder überirdische) Bildhauer als Schöpfer dieser Kunstwerke schließen. Alles weitere jedoch bleibt im Dunkeln, das möglicherweise vorhandene Innenleben der Quader ebenso wie die durch sie transportierte Botschaft.

 

Wir dürfen also spekulieren. Eine der überzeugendsten dieser Spekulationen deutet die Monolithen als Von-Neumann-Maschinen, benannt nach dem aus Ungarn stammenden Mathematiker John von Neumann. Der demonstrierte im Jahr 1951 mit einer Modellrechnung die Möglichkeit sich selbst vermehrender Maschinen – im gleichen Jahr, in dem der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke die Kurzgeschichte „Der Wächter“ veröffentlichte, die Kubricks Film zu Grunde liegt.

 

30 Jahre später schlug der amerikanische Mathematiker Frank Tipler vor, mithilfe solcher Roboter die Milchstraße zu besiedeln. Der große Vorteil: An Bord interstellarer Raumschiffe brauchen Von-Neumann-Maschinen weder Atemluft noch Nahrung und haben keine besonderen Probleme mit langen Flugzeiten. Nach der Ankunft in einem neuen Sternsystem produzieren sie aus den vorgefundenen Rohstoffen mehrere Kopien von sich und ihren Raumschiffen und schicken sie zu den benachbarten Systemen. Dann beginnen sie ihre neue Heimat zu erkunden und Daten zu ihrem Ursprungsplaneten zu übermitteln.

 

Wie lange eine solche Besiedelung der Milchstraße dauert, hängt in erster Linie von der Geschwindigkeit der Raumschiffe ab. Wenn sie den Raum zwischen den Sternen mit einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit durchfliegen, könnte sie innerhalb weniger Millionen Jahre abgeschlossen sein. Aber zehn Prozent der Lichtgeschwindigkeit ist schon sehr schnell, wahrscheinlich wird es länger dauern. Die Erbauer der Von-Neumann-Maschinen würden auf diese Weise nach und nach eine detaillierte Kenntnis der gesamten Galaxie erlangen – und hätten dafür lediglich eine Maschine bauen und auf den Weg bringen müssen.

 

Ob solche Universal-Automaten jemals gebaut werden können – oder von anderen vielleicht schon gebaut worden sind – ist fraglich. In einfacheren Ausführungen werden Roboter aber wohl immer die ersten Kundschafter sein, die fremde Welten im All erforschen. Schon die ersten bemannten Mondlandungen im Rahmen des Apollo-Programms sind von unbemannten Sonden vorbereitet worden. Aber auch wenn sich die Kosmonauten selbst auf den Weg machen, sind sie auf die Unterstützung von Robotern angewiesen.

 

Wann immer Menschen ihren Heimatplaneten verlassen, müssen sie sich mit einer Hightech-Haut umgeben, die ihre Lebensfunktionen aufrechterhält. Ein Astronaut im Raumanzug ist insofern eigentlich schon ein Cyborg. Beide Komponenten sind aufeinander angewiesen: Ohne den Anzug kann der Mensch im All nicht überleben, ohne den Menschen macht der Anzug keinen Sinn. Auf ähnliche Weise lassen sich auch Raumschiffe und Raumstationen als kybernetische Organismen betrachten: Computer überwachen die lebenswichtigen Funktionen der Raumschiffe, mechanische Arme erlauben Wartungsarbeiten und Experimente im freien Raum, frei fliegende Robotkameras untersuchen die äußere Hülle auf Schäden.

 

Als der erste wirkliche Weltraumroboter gilt Rotex (Roboter-Technologie-Experiment), ein vom DLR-Institut für Robotik und Mechatronik entwickelter und von EADS Astrium Friedrichshafen gebauter Roboterarm. Im April 1993 konnte dieser Arm im Rahmen der D2-Spacelab-Mission an Bord der Raumfähre Columbia sowohl autonom als auch ferngesteuert Gegenstände manipulieren und frei schwebende Bälle einfangen. Aufbauend auf den Erfahrungen mit ihm entstand der mit einem Roboterarm ausgestattete japanische Satellit ETS-VII (Engineering Test Satellite VII), der von 1997 bis 1999 erfolgreich Dockmanöver mit einem anderen Satelliten durchführte, sowie der für die Internationale Raumstation ISS entwickelte, kanadische Roboterarm. Der bestand im Juli 2002 seine Bewährungsprobe, als mit seiner Hilfe eine neue Luke für die Raumstation aus dem Laderaum der Raumfähre gehoben werden konnte.

 

Seit Ende 2000 verfügt die ISS auch über ein eigenes Computer-Gehirn, das DMS-R (Data Management System Russia). Das bei EADS Space Transportation in Bremen gebaute System ist zuständig für die Lageregelung der Station und die richtige Ausrichtung der Solarpanel. Um größtmögliche Zuverlässigkeit zu gewährleisten arbeitet es mit zwei fehlertoleranten Computersystemen, die jeweils wiederum aus drei kompakten Rechnereinheiten bestehen. Diese sind so groß wie ein Schuhkarton und bei Bedarf schnell austauschbar. Grundlage der Systemarchitektur ist der so genannte Byzantinische Algorithmus, der den parallel laufenden Rechnern eine größere Flexibilität gegenüber Fehlern erlaubt. Beim Auftreten eines Fehlers in einem Rechner – etwa ungewöhnliche Werte bei der Sauerstoffversorgung – wird dieser zunächst durch Mehrheitsentscheidung aller Rechner maskiert. Wiederholt sich der Fehler innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit – in der Praxis wenige tausendstel Sekunden – , koppelt sich der betreffende Rechner ab, ohne dass laufende Prozesse unterbrochen werden, und unternimmt eine Fehlerdiagnose.

 

Wie bei Raumfahrttechnologie allgemein gilt auch bei Weltraumrobotern größtmögliche Zuverlässigkeit als zentrales Kriterium. Schließlich sind Reparaturen im All nicht oder nur mit sehr großem Aufwand durchführbar. Daneben geht die gegenwärtige Entwicklung der Weltraumrobotik in Richtung größerer Autonomie. Schon heute müssen Raumsonden wie die europäische Kometensonde „Rosetta“ oder die japanische Asteroidensonde „Muses-C“ in der Lage sein, die Landung auf ihren Zielobjekten selbstständig durchzuführen, da sie für die Steuerung durch Funksignale von der Erde zu weit entfernt sind. Die NASA-Marsrover „Spirit“ und „Opportunity“ können immerhin schon Hindernisse auf ihrem Weg erkennen und ihnen ausweichen. Doch zukünftige Weltraumkundschafter sollen auch komplexere Entscheidungen treffen können.

 

Auf dem US-amerikanischen Erdbeobachtungssatellit EO-1 wird gegenwärtig eine Software zur Mustererkennung getestet, die es dem Satelliten erlaubt, außergewöhnliche Ereignisse wie etwa Überflutungen eigenständig zu identifizieren und die Bodenstationen entsprechend zu alarmieren. Anders wird es auf Dauer kaum möglich sein, die von den Fernerkundungssatelliten übermittelten gigantischen Datenmengen sinnvoll zu handhaben. Aber auch fern der Erde soll die Software eingesetzt werden, etwa zur Überwachung der vulkanischen Aktivität auf dem Jupitermond Io oder um Veränderungen der Eiskruste des Jupitermonds Europa besser zu erkennen.

 

Wichtig ist auch, dass die Roboter lernen, zusammenzuarbeiten. Denn wenn statt einzelner Rover gleich größere Teams auf anderen Himmelskörpern abgesetzt werden, lässt sich der wissenschaftliche Ertrag erheblich erhöhen. Zugleich wird das Risiko eines Totalverlusts minimiert. Ein vielleicht noch wichtigeres Einsatzfeld für kooperierende Roboterteams ist die Errichtung einer Weltrauminfrastruktur. Der Bau großer Solarkraftwerke im geostationären Orbit oder bemannter Forschungsstationen auf anderen Himmelskörpern wird nur mithilfe sich selbst montierender Komponenten möglich sein. Bevor die ersten menschlichen Siedler den Mond betreten, werden Roboter ihre Unterkünfte gebaut haben.

 

Die Raumfahrt ist eine treibende Kraft beim Zusammenwachsen von Menschen und Robotern zu einer neuen Cyborg-Zivilisation – ein Prozess, der sich auf anderen Planeten möglicherweise schon weiter entwickelt hat. „Manche Spekulationen über die zukünftige Evolution des Lebens laufen darauf hinaus, dass wir zu Cyborgs werden“, sagt etwa John Billingham, der seit 1975 am kalifornischen SETI-Institut nach Signalen außerirdischer Intelligenz forscht. „Das ist nicht unbedingt etwas Schlimmes, sondern möglicherweise ein natürlicher, evolutionärer Schritt. Wir müssen daher beim Empfang eines Signals außerirdischer Intelligenz davon ausgehen, dass es von einer Maschinen- oder Cyborg-Zivilisation stammen könnte.“

 

Vielleicht schafft dieses Zusammenwachsen von biologischer und technischer Intelligenz sogar überhaupt erst die kognitiven Voraussetzungen, um am galaktischen Chat teilnehmen zu können? SETI-Forscher sind sich auch dieser Möglichkeit bewusst. Es könnte sein, dass wir längst Botschaften anderer Zivilisationen empfangen haben, aber noch nicht über das Wissen und die Intelligenz verfügen, sie als solche zu erkennen. Chandra Wickramasinghe, Astrophysiker an der University of Wales in Cardiff, hält es zum Beispiel für denkbar, „dass Außerirdische künstlich produzierte Genfragmente zur Erde geschickt haben, die in unsere Genstruktur eingeflossen sind. In unseren Genen könnte eine Botschaft versteckt sein, doch wir wären nicht in der Lage, sie zu erkennen, bevor die Entschlüsselung des menschlichen Genoms weit genug fortgeschritten ist.“

 

Interstellare Kommunikation erfordert möglicherweise die Kapazität eines planetaren Gehirns, wie es auf der Erde gerade erst Gestalt anzunehmen beginnt. „Heutzutage ist beinahe jeder Mensch mit jedem anderen elektronisch verbunden“, sagt Wickramasinghe. „Gerade diese Vernetzung von Information macht aber Intelligenz aus, auch im individuellen Gehirn, in dem die Nervenzellen miteinander verbunden sind. Insofern ist die Vernetzung der Computer übers Internet eine mächtige Quelle kollektiver Intelligenz für unseren Planeten. Fortgeschrittene Zivilisationen mögen ein ähnliches System entwickelt haben.“

 

Wickramasinghe kann sich auch gut vorstellen, dass wir bereits von fremden Raumsonden beobachtet werden. „Ich glaube, dass wir eine solche Miniatursonde, die in der oberen Atmosphäre unsere Kommunikationssysteme beobachtet, nicht bemerken würden.“ Vielleicht schwebt Kubricks Monolith schon seit zigtausend Jahren als eine Art galaktischer Reporter im Erdorbit und berichtet von unseren linkischen Versuchen, als Spezies erwachsen zu werden? Vielleicht verfolgen die Zuschauer auf anderen Planeten unsere gegenwärtigen Streitereien um die Globalisierung, Hartz IV und die Benzinpreise als spannenden Thriller, furchtbare Tragödie – oder als die größte Lachnummer der Milchstraße?

 

Falls uns tatsächlich jemand eine Von-Neumann-Maschine geschickt hat, können wir jedenfalls nur hoffen, dass die außerirdischen Konstrukteure dabei einen wesentlichen Punkt bedacht haben: Wenn jeder Roboter nur zwei Nachkommen erzeugt, kann innerhalb von 36 Generationen jeder Stern der Milchstraße erreicht werden. Dann müssen die mechanischen Siedler ihre Fortpflanzung einstellen, ansonsten hätten sie innerhalb weniger weiterer Generationen sämtliche Rohstoffe der Galaxie aufgebraucht. Ihr genetischer Code muss einen entsprechenden Befehl enthalten. Aber wird er auch zur Ausführung kommen? Was wissen wir schon über die Mutationsrate bei interstellaren Migranten...

 

ETS-VII

http://www.robotic.dlr.de/telerobotics/getex.html

 

ETS-VII (deutsch)

http://www.irf.uni-dortmund.de/mrs_grp/Getex/welcome.html

 

Von-Neumann-Maschinen

http://www.jadedvisionz.com/gallery/vonneumann.html

 

 

Aus: Telepolis Special 01/2005 – Wie Forscher und Raumfahrer Aliens aufspüren wollen