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c't 17/2008, S. 18: RoboCup
Hans-Arthur Marsiske
Bitte recht freundlich!
RoboCup-Weltmeisterschaft in China
Nach Turbulenzen in der Vorbereitungsphase verlief die RoboCup-WM in
China glatt und reibungslos. Fortschritte zeigten sich insbesondere bei
den anwendungsorientierten Ligen und bei den humanoiden Robotern. Die
neue Standardplattform Nao hat dagegen noch mit Kinderkrankheiten zu
kämpfen.
Mit mehr Nervosität dürfte bislang keine RoboCup-Weltmeisterschaft
erwartet worden sein – außer vielleicht der ersten im Jahr 1997.
Diesmal stand zeitweise sogar auf der Kippe, ob das Roboterturnier im
80 Kilometer westlich von Shanghai gelegenen Suzhou überhaupt würde
stattfinden können. Nur zwei Monate vor dem Veranstaltungstermin
verschickte der scheidende Präsident der International RoboCup
Federation Minoru Asada eine E-Mail an alle Teilnehmer mit der
Aufforderung, keine weiteren Vorbereitungen für die Reise nach China zu
treffen, da die Veranstaltung „due to the Olympic related issues“
verschoben oder gar abgesagt werden müsse.
Für den alljährlich ausgetragenen Wettbewerb, bei dem Universitäts-
und Juniorteams ihre Roboter im Fußballspiel und anderen Disziplinen
gegeneinander antreten lassen, wäre das ein herber Rückschlag gewesen.
Die drohende Katastrophe konnte nach einer guten Woche aufgeregter
Diskussionen zwar abgewendet werden. Doch je näher der Termin Mitte
Juli rückte, entwickelte sich nun ein zunehmend hektischerer
E-Mail-Verkehr mit immer wieder neuen Hinweisen zu den chinesischen
Zoll- und Visaformalitäten.
Umso verblüffender war das Kontrastprogramm nach der Ankunft am
Veranstaltungsort, dem International Expo Center im Suzhou Industrial
Park, einer riesigen Entwicklungszone im Osten der ansonsten für ihre
kunstvoll angelegten Gärten berühmten 6-Millionen-Stadt. Von nun an
lief alles. Falls es doch mal ein Problem gab, wurde es von den
zahlreichen studentischen Helfern oder den Organisatoren selbst rasch
und unkompliziert gelöst. Die Turbulenzen der Reisevorbereitungen waren
nur noch Stoff für Anekdoten und die rund 400 Teams mit 2000
Teilnehmern aus 35 Ländern konnten sich voll auf die Wettbewerbe
konzentrieren.
Durch das Zusammenlegen von drei Messehallen war es den
Veranstaltern gelungen, alle Ligen in einem großen Raum unterzubringen.
Das erleichterte den Austausch zwischen den verschiedenen
Wettbewerbskategorien, deren Zahl seit 1997 kontinuierlich zugenommen
hat. Im Zentrum steht dabei immer noch das Fußballspiel als
einheitliche Testumgebung für autonome, kooperierende Roboterteams. Das
erklärte Ziel des RoboCup ist es, bis zum Jahr 2050 humanoide Roboter
zu entwickeln, die gegen den menschlichen Fußballweltmeister bestehen
können. Die dafür erforderlichen Technologien, so die Idee, können die
Grundlage für eine Vielzahl von Anwendungen bilden.
Roboter im Dienst des Menschen
Um aber die Entwicklung solcher Anwendungen nicht dem Zufall zu
überlassen, wurden im Lauf der Jahre nach und nach neue Wettbewerbe
eingeführt, die mit Fußball gar nichts mehr zu tun haben. Dies sind
insbesondere die RoboCup Rescue League für Rettungsroboter sowie
RoboCup@Home für Serviceroboter im Haushalt. Außerhalb der
RoboCup-Gemeinde sind sie immer noch wenig bekannt, obwohl die
Entwicklung auch hier kaum weniger rasant vorangeht als in den reinen
Fußball-Ligen.
Das liegt ganz wesentlich an der ausgewogenen Balance zwischen
Wettbewerb und Kooperation, die den RoboCup kennzeichnet. „Wenn ein
Team in einem Jahr mit einem bestimmten Sensor oder einem speziellen
Ansatz gute Erfahrungen macht, kann man davon ausgehen, dass ihn im
nächsten Jahr alle Teams verwenden“, sagte Johannes Pellenz von der
Universität Koblenz. Ein Beispiel dafür ist der Hokuyo URG-04LX
Laserscanner, der sich auf diese Weise rasch zu einem Quasi-Standard
entwickelt hat. Beweglich aufgehängt, mit einer Reichweite von etwa
vier Metern lässt sich mit dem kleinen Gerät auch der Untergrund
erkennen. In der Rescue League ist das wichtig, weil im Unterschied zu
früher die mit den Farben gelb, orange und rot gekennzeichneten,
unterschiedlich schwierigen Bereiche der Rescue Arena nicht mehr klar
voneinander abgetrennt sind. Das am einfachsten strukturierte gelbe
Gebiet ist für autonom fahrende Roboter reserviert, die den Untergrund
nun selbst einschätzen und die Übergänge zu den schwierigeren Bereichen
meiden müssen.
Für die Koblenzer lief der Wettbewerb wieder sehr gut. Mit ihren
sehr präzisen, automatisch erstellten Karten und der höchsten Zahl
erkannter und lokalisierter Opfer, die durch körperwarme, teilweise
sich bewegende Puppen dargestellt werden, schafften sie wie im
vergangenen Jahr in der Unterkategorie Autonomie mit deutlichem
Vorsprung den ersten Platz. In der zweiten Unterkategorie Mobilität
konnten sie dagegen mit ihrem vierrädrigen Robbie X nicht gegen die
Konkurrenz bestehen. Die hochgradig unstrukturierten Bereiche der
Rescue Arena mit Steigungen bis zu 45 Grad lassen sich bislang nur mit
ferngesteuerten Robotern bewältigen, die über justierbare
Raupenantriebe verfügen. Hier machte das thailändische Team Plasma-RX
von der Chulalongkorn University das Rennen, das auch Gesamtsieger des
Rescue-Wettbewerbs wurde. Die Koblenzer, die sich für die
Mobilitätsprüfung mit dem iranischen Team Resquake zusammentaten,
erreichten in der Gesamtwertung Platz drei.
Nicht nur die Teams profitieren voneinander, auch der Wettbewerb
selbst entwickelt sich weiter. „Wir haben jetzt Standard-Stufenfelder
entwickelt, mit denen spezifische Fähigkeiten der Roboter wie die
Sicherung der Balance oder der Umgang mit Senken reproduzierbar
getestet werden können“, sagte Adam Jacoff vom US-amerikanischen
National Institute of Standards and Technology, der den
Rescue-Wettbewerb maßgeblich organisiert. Diese aus einfachen
Holzblöcken gebildeten Stufenfelder können von jedem Forschungsinstitut
ohne großen Aufwand nachgebaut werden, sodass die Leistungen der
Roboter auch außerhalb von Turnieren verglichen werden können. Jacoff,
der viel Erfahrung mit US-Militärprojekten hat, hält die Leistungen der
Teams bei RoboCup Rescue für absolute Weltspitze. „Jeder Militärroboter
würde sich hier festfahren“, sagte er mit Blick auf ein
pyramidenförmiges Stufenfeld.
Helfer im Haushalt
Die Rescue League wurde bereits 2001 eingeführt. Der erst zum
dritten Mal ausgetragene Wettbewerb RoboCup@Home für Serviceroboter
scheint nun auf ähnlichem Erfolgskurs zu sein. Die Zahl der Teams nimmt
zu, das Bewertungssystem verfeinert sich, die Aufgaben werden von Jahr
zu Jahr anspruchsvoller. In diesem Jahr war mit eR@sers (Tamagawa
University/University of Electro-Communications/National Institute of
Information and Communications Technology) erstmals auch ein
japanisches Team dabei. Dessen Roboter überzeugte mit seiner
ausgefeilten Mimik bereits in der Vorstellungsrunde, bei der sich die
Roboter mit einem fünfminütigen Vortrag dem Publikum präsentieren.
Neben der Beweglichkeit und der Präsentationsfähigkeit wird dabei auch
das äußere Erscheinungsbild bewertet. „Wenn die Roboter im Haushalt
assistieren sollen, müssen sie auch über ein angenehmes Äußeres
verfügen“, sagte Wettbewerbsleiter Thomas Wisspeintner.
Der japanische Roboter zeigte nicht nur selbst ein freundliches
Gesicht, er konnte zudem gut menschliche Gesichter erkennen und sich
merken, sodass er zufällig ausgewählte Personen bei der zweiten
Begegnung mit Namen ansprechen konnte. Dennoch war es auch ein wenig
Glück, dass die eR@sers am Ende den Titel gewannen. Die Leistungen der
Teams, deren grundsätzlich über Sprachbefehle oder Mimik gesteuerte
Roboter unter anderem Gegenstände finden, greifen und transportieren
mussten, lagen ziemlich dicht beieinander und alle hatten zwischendurch
auch immer wieder mal Probleme. Die Zweit- und Drittplatzierten
AllemaniACs (RWTH Aachen) und b-it-bots (FH Bonn-Rhein-Sieg) hätten
daher ebenso gut auf dem Siegertreppchen ganz oben stehen können.
Was diese Liga in so kurzer Zeit erreicht hat, ist bemerkenswert. Ob
die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit knapp sieben
Millionen Euro geförderte Deutsche Servicerobotik-Initiative Desire
oder der in den Medien sehr präsente Care-O-Bot des
Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung hier
noch mithalten könnten, darf durchaus bezweifelt werden. Gleichwohl
könnte sich eine Teilnahme für bislang abseits stehende Firmen und
Forschungsinstitute trotz des Risikos, zunächst zu scheitern, durchaus
lohnen. Denn RoboCup@Home hat gute Chancen, sich in wenigen Jahren zur
definitiven Bewährungsprobe zu entwickeln, die dann kein Anbieter von
Servicerobotern mehr ignorieren kann.
Kickende Zweibeiner
RoboCup ist eben längst nicht mehr nur Fußball. Gleichwohl finden
die Kickmaschinen weiterhin das größte Publikumsinteresse, insbesondere
die zweibeinigen. Die Premiere des Roboters Nao, der den Vierbeiner
Aibo als Standardplattform ablösen soll, verlief jedoch enttäuschend.
Zu spät hatte die französische Firma Aldebaran die Zweibeiner
ausgeliefert, sodass die Teams nicht genug Zeit hatten, sie zu
programmieren. Die Idee der Standardplattform ist es, dass die Teams
sich aufs Programmieren beschränken können, ohne sich um die Hardware
kümmern zu müssen. Die war jedoch noch mit vielen Kinderkrankheiten
behaftet. So war die Kamera ungünstig platziert, sodass der Roboter
Mühe hatte, den vor ihm liegenden Ball zu sehen. Kabelverbindungen, die
laut Hersteller fünf Millionen Mal gebogen werden können, brachen
bereits nach 500 Belastungen. Infolgedessen stolperten die Naos ziellos
übers Spielfeld und trafen allenfalls durch Zufall mal den Ball. In
diesem Jahr ist der WM-Titel in dieser Liga daher noch bedeutungslos.
Bei der nächsten RoboCup-WM 2009 in Graz dürfte das schon ganz anders
aussehen.
Bei den selbst konstruierten Robotern der Humanoids League
präsentierte das Team Dutch Robotics (TU Delft/University of Twente/TU
Eindhoven/Philips) einen vielversprechenden Ansatz in Richtung
dynamisches Laufen: In die Seilzüge integrierte Federn sorgen für eine
Dämpfung und Energierückgewinnung, die in naher Zukunft auch rennende
und springende Roboter ermöglichen könnte. Diesmal konnten sich die
Niederländer damit indessen noch nicht platzieren. Die aufregendsten
Spiele boten vielmehr wieder einmal die Favoriten Team Osaka (Vstone
Ltd./Osaka University) und NimbRo (Universitäten Bonn/Freiburg), die
die Nerven der Zuschauer und wohl noch mehr der Teammitglieder am
stärksten strapazierten.
In der Kategorie Teen Size für 100 bis 160 (in Ausnahmefällen auch
180) Zentimeter große Roboter trafen die beiden Dauerfinalisten diesmal
bereits im Halbfinale aufeinander. Hier messen sich die Teams bei der
Dribbel and Kick Challenge: Der angreifende Spieler steht dabei in der
Mitte des Spielfeldes und muss zunächst den hinter ihm liegenden Ball
in die andere Hälfte dribbeln. Von dort darf er aufs Tor schießen, das
vom gegnerischen Torwart verteidigt wird. NimbRo konnte hierbei einen
Roboter einsetzen, der dank eines raffiniert konstruierten Hüftgelenks
als einziger in dieser Liga in der Lage ist, sich zu Boden zu werfen,
ohne Schaden zu nehmen. Auf diese Weise konnte er mehrere Schüsse
erfolgreich abwehren, vergab aber in der Rolle des Angreifers auch
einige Chancen. Nach zehn Versuchen waren die Servomotoren in den
Fußgelenken offenbar so überhitzt, dass der Spieler beim
Angriffsversuch stürzte. Da er noch nicht aus eigener Kraft wieder
aufstehen kann, hatte NimbRo damit verloren.
Im Finale der 30 bis 60 Zentimeter großen, deutlich beweglicheren
und robusteren Kid-Size-Roboter gab es Gelegenheit zur Revanche. Die
Partie, bei der drei gegen drei Roboter antraten, war über die gesamte
Spielzeit völlig offen. Beim Stand von 6:6 nach zweimal zehn Minuten
wurde eine Verlängerung von zweimal fünf Minuten erforderlich.
Angefeuert von den menschlichen Teammitgliedern gelang den
NimbRo-Spielern endlich der ersehnte Führungstreffer, der von Team
Osaka nicht mehr ausgeglichen werden konnte.
Diese Art von Aufregung am letzten Spieltag macht ein gelungenes
RoboCup-Turnier aus. Auf die Aufregungen im Vorfeld hätte man dagegen
gut verzichten können. Aber davon redete jetzt auch niemand mehr. (anm)
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