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Mit der elften Fußball-Weltmeisterschaft für Roboter, die am 2. Juli in
Atlanta eröffnet wird, hat die RoboCup Federation ein gutes Fünftel auf
dem Weg zu ihrem ehrgeizigen Ziel hinter sich. Bis zur entscheidenden
Begegnung, die spätestens im Jahr 2050 stattfinden soll, können noch
maximal 42 weitere WM-Turniere ausgetragen werden. Dann sollen
humanoide Roboter den amtierenden Fifa-Fußball-Weltmeister schlagen.
Die
bislang erreichten Leistungen der Kickmaschinen sind beeindruckend.
Obwohl die Bedingungen durch größere Spielfelder, wechselhafte
Lichtverhältnisse oder den Wegfall von Orientierungshilfen ständig
erschwert werden, wird das Spiel der autonom agierenden Roboter von
Jahr zu Jahr sichtbar schneller, präziser, koordinierter.
Paradoxerweise nährt aber gerade diese rasante Entwicklung Zweifel, ob
das langfristige Ziel erreicht werden kann - zumindest nicht in der von
der RoboCup Federation formulierten Form.
Denn
diese Formulierung fordert, ein Team vollständig autonomer, humanoider
Roboter zu entwickeln, das "gegen den amtierenden Weltmeister gewinnen
kann". Darin schwingt die Vorstellung einer getrennten Entwicklung von
Menschen und Robotern mit, als würden sie zunächst jeweils für sich
ihre besten Teams ermitteln und erst dann gegeneinander antreten
lassen. Doch Fußball-Roboter werden in diesem Entscheidungsmatch kaum
eine Chance haben, wenn sie sich nicht schon lange vor 2050 im Spiel
gegen Menschen bewährt haben. Wahrscheinlich werden sie sich, wie
menschliche Teams auch, durch die verschiedenen Fußball-Ligen kämpfen
und ganz regulär für die WM-Teilnahme qualifizieren müssen. Vielleicht
treten bei der WM 2050 sogar schon mehrere Roboterteams an.
Das
WM-Endspiel Menschen gegen Roboter könnte aber auch schlichtweg
ausfallen. Denn die Vermischung von Menschen und Robotern wird sich
nicht auf Fußballstadien beschränken. Auf dem Weg zum Weltmeistertitel
könnten sie so stark zusammenwachsen, dass die Unterscheidung an
Bedeutung verliert.
Roboter sollen
dem Menschen helfen. Doch dafür müssen sie in den seltensten Fällen so
aussehen wie die Maschinenwesen, die wir aus der Science-Fiction
kennen. Der Hauptinitiator und heutige Gründungspräsident des RoboCup,
Hiroaki Kitano, schätzt, dass zukünftig lediglich zehn Prozent aller
Roboter humanoid sein werden. "Die meisten Aufgaben werden effizienter
von einfacheren, billigeren Robotern erledigt werden", vermutet er.
Dafür
müssen uns diese Roboter noch nicht einmal als eigenständige Wesen
gegenübertreten. Cochlea-Implantate, die schon heute tauben Patienten
das Hören ermöglichen, sind Robotiktechnologie. Ebenso das legendäre
C-Leg des Prothesenherstellers Otto Bock. Die sensorgesteuerte Prothese
ermöglichte dem unterschenkelamputierten US-Amerikaner Curtis Grimsley
am 11. September 2001 die Flucht aus dem 70. Stock des World Trade
Center.
Die Technik dringt in den
menschlichen Körper, ergänzt ihn - oder hüllt ihn ein, wie der
Roboteranzug HAL-5 des japanischen Herstellers Cyberdyne. Das an der
Universität Tsukuba entwickelte Exoskelett unterstützt die Bewegungen
des Nutzers und erleichtert dadurch das Tragen schwerer Lasten. Bereits
im vergangenen Sommer wollte der japanische Bergsteiger Ken Noguchi
mithilfe von HAL-5 den querschnittgelähmten Landsmann Seiji Uchida auf
den Gipfel des 4164 Meter hohen Breithorns tragen, musste aber wegen
schlechten Wetters auf halbem Wege umkehren. In diesem Jahr wollen die
beiden den Aufstieg noch einmal versuchen.
Rein
technische Roboter und rein biologische Menschen sind nur die Extreme
an den Rändern eines Kontinuums, das sich mehr und mehr mit den
verschiedensten Symbiosen von Mensch und Technik füllt. Deren Innigkeit
und Dauerhaftigkeit kann sehr unterschiedlich ausfallen. Mensch und
Auto etwa verschmelzen nur für die Dauer einer Fahrt zu einem
kybernetischen Organismus oder Cyborg und können sich danach problemlos
wieder voneinander lösen. Implantierte Hörhilfen oder Herzschrittmacher
dagegen gehen einen permanente Verbindung mit dem Körper ein.
Die
Cyborg-Zivilisation ist keine Zukunftsvision, sondern gegenwärtige
Realität, die sich mit großer Dynamik zu immer größerer Vielfalt
entwickelt. In den Sportarenen spiegelt sich das bislang jedoch kaum
wieder. Hier folgen wir weiterhin einem Ideal von Reinheit, das
außerhalb des Sports längst durchlöchert ist.
Wie
lange werden wir das noch durchhalten können? Der südafrikanische
Sprinter Oskar Pistorius, dem von Geburt an die Wadenbeine fehlen,
läuft mit seinen Karbonprothesen heute schon den meisten Menschen
davon. Mit seiner Bestzeit von 49,16 Sekunden über 400 Meter könnte er
sich für die Olympischen Spiele qualifizieren, wird aber vom
internationalen Leichtathletik-Dachverband IAAF nicht zugelassen, weil
die Prothesen als unzulässige Hilfsmittel gelten.
Der
reine, technisch unverfälschte Mensch wird mehr und mehr zum
Auslaufmodell. Heute dient Robotiktechnologie noch dazu, Behinderten
das Leben zu erleichtern. Doch bald wird sie diese sogar
leistungsfähiger machen als Gesunde. Wird der Sport nicht darauf
reagieren müssen mit der Etablierung neuer Wettbewerbsformen? Oder
brauchen wir vielleicht die Klarheit der rein menschlichen und rein
technischen Turniere als Orientierungspunkte im schwer überschaubaren
Cyborg-Universum?
Wenn das
Reinheitsgebot eines Tages fallen sollte, dann wohl zuerst bei den
Robotern. Denn hier ist mehr Pragmatismus gefragt. Ständig müssen die
Regeln dem Entwicklungsstand der Technik angepasst werden. Ohnehin
dürfte sich die Robotik in den kommenden Jahrzehnten mehr und mehr an
biologischen Systemen orientieren. Auch die siliziumbasierten Computer
und batteriegetriebenen Roboter sind Auslaufmodelle. Aber der Abschied
von ihnen fällt nicht so schwer wie der vom "natürlichen" Menschen.
Die
Vision, Menschen und Roboter könnten bis zum Jahr 2050 schwer
unterscheidbar geworden sein und das Entscheidungsspiel daher
ausfallen, kann RoboCup-Gründer Kitano daher nicht schrecken. "Ja",
sagt er, "in so einem Fall würde ich sagen, die Technologie ist so weit
fortgeschritten, dass das Ziel des RoboCup bereits erreicht ist. Wenn
die ursprüngliche Zielsetzung auf diese Weise überflüssig würde, wäre
das aus meiner Sicht völlig in Ordnung."
Vielleicht
sorgen aber auch Traditionsbewusstsein oder pure Neugier dafür, dass
Mitte dieses Jahrhunderts ein menschliches Team und eine Roboterauswahl
zumindest zu einem Freundschaftsspiel gegeneinander antreten -
begeistert angefeuert von einem Stadion voller Cyborgs. Die werden sich
dann mit ihren technisch modifizierten Augen einzelne Szenen
heranzoomen, bei Bedarf noch einmal in Zeitlupe betrachten und über
Funk koordinierte, perfekt choreografierte La-Ola-Wellen produzieren.