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c't 11/2008, S. 18: RoboCup
Hans-Arthur Marsiske
Alles unter einem Dach
Mensch und Roboter beim RoboCup auf der Hannover Messe
Während der Aibo-Nachfolger Nao bei den RoboCup German Open noch
außer Konkurrenz mit seinen ersten Schritten gekämpft hat, sorgten bei
den Wettkämpfen in den bereits erfahreneren Fußballroboterligen
unerwartete Taktiken und verbesserte Techniken für überraschende
Ergebnisse.
Auch im Roboterfußball kann man sich nie auf seinen Lorbeeren
ausruhen: Bei den RoboCup German Open, die Ende April auf der Hannover
Messe ausgetragen wurden, bezwang das Team Tech United von der
Technischen Universität Eindhoven überraschend mit zwei in hohem Bogen
weit über das Spielfeld geschossenen Bällen den amtierenden Weltmeister
Brainstormers Tribots von der Universität Osnabrück im Halbfinale mit
2:1 und ebnete sich so den Weg zum Turniersieg in der Middle Size Liga,
in der maximal 80 Zentimeter hohe Radroboter gegeneinander antreten.
Die seit 2001 alljährlich veranstalteten offenen Meisterschaf-ten in
mehreren Roboterfußball-Ligen und anderen Disziplinen gelten als
wichtiger Test für die Weltmeisterschaften, die seit 1997 ebenfalls
jährlich an wechselnden Orten ausgetragen werden. In diesem Jahr
erprobten in der Halle 25 der Hannover Messe 49 Senior-Teams aus 14
Nationen ihre Roboter unter realen Wettkampfbedingungen, die sich an
ihren Instituten nur sehr entfernt simulieren lassen. Insofern werden
sich die Brainstormers über die Niederlage nicht gerade gefreut haben,
konnten sie aber einigermaßen gelassen nehmen. Immerhin sind sie auf
diese Weise rechtzeitig vor der RoboCup-WM Mitte Juli in Suzhou, China,
auf Schwächen ihrer Spielweise aufmerksam geworden. Außerdem können sie
sich rühmen, den Zuschauern mit dem packenden, sehr dynamischen
Middle-Size-Halbfinale einen sportlichen Höhepunkt des Turniers geboten
zu haben.
Der Spielverlauf weckte Erinnerungen an die RoboCup German Open von
2002. Damals war das niederländische Team Philips CFT mit Robotern
angetreten, die über einen extrem starken Schussapparat verfügten. Mit
dem hämmerten sie sich regelrecht auf den ersten Platz. Kein anderes
Team konnte während des Turniers eine geeignete Abwehr gegen die harten
Schüsse entwickeln. Nur zwei Monate später bei der
RoboCup-Weltmeisterschaft ging die einfache Taktik indessen schon nicht
mehr auf. Die Philips-Roboter kamen über die Vorrunde nicht hinaus.
Auch Tech United wird sich für Suzhou mehr einfallen lassen müssen.
Teamleiter Roel Merry zufolge soll insbesondere die Ballkontrolle
verbessert werden. Der hohe Schuss allein wird jedenfalls nicht mehr
ausreichen, denn die Gegner sind gewarnt. „Unser Torwart kann im
Prinzip dreidimensional sehen“, sagt Martin Riedmiller, Leiter der
Arbeitsgruppe für Neuroinformatik an der Universität Osnabrück und
Gründer der Brainstormers. „Aber diese Bälle waren extrem hoch und
flogen dadurch die meiste Zeit außerhalb seines Blickfelds. Außerdem
kamen die Schüsse für uns überraschend, denn in den vorangegangenen
Spielen hatte Tech United noch Probleme damit gehabt.“
Eine mögliche Gegenmaßnahme wäre eine Torwartkamera mit größerem
Blickfeld, doch die wird sich so schnell nicht entwickeln lassen. Die
Brainstormers werden sich daher eher auf Verbesserungen bei der
Software konzentrieren. „Zum einen müssen wir den ballführenden Spieler
eher attackieren, damit er gar nicht erst zum Schuss kommt“, sagt
Teamleiter Sascha Lange. „Zum anderen müssen wir im Angriff flexibler
sein. Für gewöhnlich warten unsere Spieler, dass die gegnerischen
Verteidiger zum Ball fahren, um dann um sie herumzudribbeln. Die
Roboter von Tech United haben aber stattdessen eine Art Raumdeckung
betrieben und darauf geachtet, dass sie zwischen Gegner und Tor stehen.
Insofern haben sie eine Schwäche in unserem Angriff gut erkannt und
ausgenutzt.“ Lange wirkt aber recht überzeugt, dass das bei der
Weltmeisterschaft nicht mehr funktionieren wird.
Zweibeiner als Standard
Die Brainstormers waren nicht das einzige Team, das früher als
erwartet aus dem Turnier flog. Bei den humanoiden Robotern mussten sich
die Darmstadt Dribblers von der Technischen Universität Darmstadt im
Halbfinale dem Team Fumanoid von der Freien Universität Berlin
geschlagen geben. Eine Schraube hatte sich gelöst und dadurch den
Stürmer beim Kicken blockiert. Außerdem war das neu entwickelte
Zusammenspiel von Microcontroller für die Basisfunktionen und Computer
für die höheren kognitiven Funktionen offenbar noch nicht ausreichend
getestet.
Das Finale bei den Zweibeinern barg dagegen weniger Überraschungen.
Der amtierende Weltmeister NimbRo von den Universitäten Bonn und
Freiburg hatte wenig Mühe mit seinem Gegner. Beim Stand von 10:0 gab
Fumanoid in der zweiten Halbzeit auf. In diesem Jahr spielten die
Zweibeiner erstmals in Dreierteams, sodass immerhin die ersten Ansätze
zum Passspiel weiterentwickelt werden können. Solche Fortschritte in
der im Jahr 2002 eingerichteten Liga lassen diese mehr und mehr ins
Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.
Dies dürfte sich noch verstärken, wenn es bei der RoboCup-WM eine
neue Liga für zweibeinige Roboter geben wird. Bis dahin hoffen die
Teams, den neuen Standardroboter Nao so weit vorbereitet zu haben, dass
er auf dem Spielfeld sinnvoll agieren kann.
Die Standardliga ist wichtig für Teams, die mit realen Robotern
arbeiten, sich aber nicht um Hardwarefragen kümmern wollen. Bisher
hatte der vierbeinige Aibo diese Anforderungen erfüllt. Da Sony aber
2006 die Entwicklung und Produktion des Roboters eingestellt hat,
suchte die International RoboCup Federation nach einem Nachfolger mit
vier oder zwei Beinen. Die Wahl fiel schließlich nach der RoboCup-WM
2007 auf den Zweibeiner Nao von der französischen Firma Aldebaran, für
die die Bestellungen von RoboCup-Teams den nötigen Anschub gaben, um
mit der Produktion zu beginnen.
Die wechselseitige Befruchtung soll damit nicht enden. „Wir brauchen
die Erfahrungen und das Feedback des RoboCup, um den Roboter weiter zu
entwickeln“, sagt der enthusiastische Firmengründer Bruno Maisonnier.
Anders als Sony setzt Aldebaran von vornherein auf Open Source. Nao
soll frei programmierbar, sogar „hackbar“ sein, wie Maisonnier
versicherte. Ein modularer Aufbau soll auch die Anpassung der Hardware
an verschiedene Aufgaben erleichtern.
In Hannover konnte Nao allerdings vorerst nur winken und ein paar
zaghafte Schritte gehen. Erst eine Woche zuvor waren die ersten Modelle
an die Teams ausgeliefert worden. Das war zu knapp, um wie beim Aibo
anspruchsvollere Verhalten zu programmieren – von richtigen
Fußballspielen mit Elfermannschaften ganz zu schweigen, die bisher nur
in den Simulationsligen möglich sind.
Mehr als Fußball
Roboter Fußball spielen zu lassen ist beim RoboCup nicht
Selbstzweck: Auf dem Spielfeld sollen die Basistechnologien für mobile
autonome Roboter entwickelt und erprobt werden, mit denen diese auch
nützlichere Aufgaben erledigen können. Um den Transfer von der
Grundlagenforschung zu den Anwendungen gezielt zu fördern, gibt es beim
RoboCup die Ligen Rescue und RoboCup@home mit stärker
anwendungsorientierten Aufgabenstellungen. Die Arenen beider Ligen
waren in Hannover direkt nebeneinander aufgebaut, nur eine dünne Wand
trennte das Katastrophenareal vom Wettkampfwohnzimmer. In beiden müssen
sich die Roboter orientieren und einfache Aufträge ausführen.
In der Wohnumgebung sollen sie etwa einem Menschen folgen, auf
gesprochene Befehle hin bestimmte Punkte ansteuern oder Gegenstände
erkennen und greifen. Soweit wie möglich nutzen die Teams bei
RoboCup@home bereits Vorhandenes, sodass Softwareintegration für alle
Teams ein wichtiges Thema ist. „Es geht nicht mehr darum, jede
Komponente selbst zu schreiben“, sagt Paul Plöger vom Team IAIS/BIT.
„Stattdessen suchen wir uns die für die jeweiligen Aufgaben wie
Spracherkennung, Bildverarbeitung oder Navigation besten vorhandenen
Lösungen. Damit sie zusammenwirken können, haben wir eine Middleware
geschrieben, die Anwendungen unter Linux, Mac und Windows gleichermaßen
integriert.“ Das reichte für Platz zwei. hinter dem amtierenden
Weltmeister AllemaniACs von der RWTH Aachen.
In der Rescue League schaffte es das Team von der Jacobs University
Bremen auf das oberste Siegertreppchen, indem es zwei Roboter in die
Arena schickte. Während der menschliche Operator einen der beiden durch
die schwerer zugänglichen orangen und roten Bereiche fernsteuerte, fuhr
der andere autonom durch den gelben Bereich und benachrichtigte den
Operator, wenn er glaubte, ein durch eine Puppe dargestelltes Opfer
gefunden zu haben. Ein neu eingerichteter blauer Bereich, in dem die
Manipulationsfähigkeiten der Roboter getestet werden sollen, blieb
diesmal noch unberücksichtigt. Er wird erst bei der WM eine Rolle
spielen.
Zwei Teams von der Universität Koblenz verwendeten für die
Wettbewerbe in den beiden Ligen ein und denselben Roboter mit
identischer Software. Technologisch war das ein interessanter Ansatz,
der den Teams allerdings noch längere Programmiernächte bescherte, als
ohnehin schon üblich. Immerhin wurden die Anstrengungen mit einem
zweiten Platz in der Rescue League und einem dritten Platz bei
RoboCup@home belohnt.
Voll integriert
Das beherrschende Thema der diesjährigen RoboCup German Open war
aber der neue Austragungsort. Während das Turnier im vergangenen Jahr
noch etwas abseits vom übrigen Messegeschehen in den Expo-Pavillons
ausgetragen worden war, war es diesmal voll in den neu geschaffenen
Ausstellungsbereich zu mobiler Robotik und autonomen Systemen
integriert. Die Ausstellung und der vom Fraunhofer-Institut
Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) organisierte
Roboterwettbewerb zogen gemeinsam Publikum an, dass sich in einer
offenen, lockeren Atmosphäre wiederfand, in der sich Menschen und
Roboter wie selbstverständlich miteinander mischten. Wenn die Roboter
aus der Ausstellung in den Gängen ihre Runden drehten, wurden sie kaum
als Fremdkörper oder um Aufmerksamkeit heischende Werbeartikel
wahrgenommen, sondern gehörten einfach dazu. Auf einer Bühne im Zentrum
der Halle unterstrich ein tägliches Vortragsprogramm mit hochkarätigen
Referenten, dass Roboterfußball keine Spielerei, sondern ernsthafte
Wissenschaft ist.
„Der RoboCup kommt aus den Kinderschuhen“, fasst Chefkoordinator
Ansgar Bredenfeld vom IAIS die diesjährigen Erfahrungen zusammen. „Die
Entscheidung, in die Messehalle zu gehen, war richtig. Das muss weiter
ausgebaut werden.“ Sehr zufrieden zeigte sich Bredenfeld auch mit dem
Verlauf des Nachwuchswettbewerbs RoboCup Junior, der mit mehr als 100
Schülerteams ebenfalls in derselben Halle stattfand und sich
mittlerweile auf eine feste organisatorische Basis stützen kann.
Negative Stimmen zum neuen Veranstaltungsort gab es nicht, weder von
Teilnehmern, Ausstellern oder Besuchern. Im Gegenteil, einige Sponsoren
sagten spontan ihre Unterstützung auch fürs nächste Jahr zu. (anm)
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