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Digitale Doppelpässe RoboCup-WM in Bremen: [01.09.06]
Es ist leicht, sich lustig zu machen, über die tapsigen Bewegungen der
zweibeinigen Roboter. Mühsam nähern sie sich mit Trippelschritten dem
Ball, um dann beim Kickversuch das Gleichgewicht zu verlieren und
hinzufallen. Mit der Ballartistik eines Zinedine Zidane hat das wenig zu
tun. Jede Kindergartenmannschaft ist besser.
 Wer sich aber bei der zehnten RoboCup-WM, die vom 14. bis
18. Juni in der Messe Bremen ausgetragen wurde, vom ersten
Eindruck nicht täuschen ließ und ein bisschen länger zuschaute,
konnte bald feststellen, dass die Faszination Fußball
auch bei Maschinen funktioniert. Okay, sie sind derzeit
noch Lichtjahre von den Leistungen menschlicher Kicker
entfernt. Geschenkt. Aber gegen Menschen sollen sie ja auch
noch nicht antreten. Und wenn sie untereinander um den
Ball kämpfen, ist es nicht anders als bei den Vorbildern aus
Fleisch und Blut: Das Spiel ist spannend, weil man nicht
weiß, wie es ausgeht.
|  Wenn die Zwei- und Vierbeiner dann mit bis zu 40 Zentimeter
pro Sekunde zum Ball stürmen, werden sie von den Zuschauern
und ihren Trainern genauso angefeuert wie Ballack
und Klose – obwohl dies auf den Spielverlauf keinen Einfl uss
hat, weil die Roboter keine Ohren haben. Wenn sie untereinander
kommunizieren, geschieht das über Funk. Das dürfen
sie. Nicht erlaubt ist dagegen die Fernsteuerung durch Menschen.
Fußballroboter müssen völlig autonom agieren und
sind mit dem Anpfi ff auf sich allein gestellt.
|  Der RoboCup wurde Mitte der 90er Jahre ins Leben gerufen,
um Forschungen zur Künstlichen Intelligenz und Robotik
zu fördern. Das Fußballspiel dient dabei als einheitliche
Testumgebung, um verschiedene Ansätze für autonome, mobile
Roboterteams besser vergleichen zu können. Weil Fußball
praktisch in der ganzen Welt bekannt ist und von nahezu
jedem verstanden wird, erschließt der Wettbewerb den
Zuschauern außerdem einen intuitiven Zugang zur Informatik.
Wer die Spiele eine Weile verfolgt, beginnt fast unweigerlich
nachzudenken: Wie orientiere ich mich eigentlich auf
dem Spielfeld? Woher weiß ich, wohin ich laufen muss, um
den Ball abzufangen? Angesichts der Schwierigkeiten, die
die Roboter mit vermeintlich einfachen Aufgaben haben, bekommt
man rasch Respekt vor den Leistungen des eigenen
Gehirns, das so viele Sinneseindrücke rasch und scheinbar
mühelos verarbeitet.
|  Natürlich gibt es beim RoboCup auch lahme Spiele, besonders
in der Vorrunde. Nicht anders als Menschen müssen
auch die Maschinen erst mal zu ihrem Spiel fi nden. Ihre
Sensoren müssen auf die spezifi schen Platzverhältnisse kalibriert, Ungenauigkeiten in den Programmen ausgebessert
werden. Aber wenn die vierbeinigen Aibos noch blind übers
Feld tapsen, kann man als Zuschauer ja einfach mal zu einem
anderen Spielfeld schlendern. Zu den radgetriebenen
Robotern der Middle Size oder Small Size League zum Beispiel.
Die sind mit mehreren Metern pro Sekunde erheblich
schneller als die Roboter mit Beinen, zeigen immer wieder
beeindruckende Dribblings und auch Ansätze zum gezielten
Pass-Spiel.
|  Und wenn zwei gleichwertige Teams aufeinander treffen,
wird es richtig dramatisch. Da müssen sich sogar die Brainstormers
Tribots von der Universität Osnabrück, die späteren
Weltmeister in der Middle Size League, in der Vorrunde
einmal richtig lang machen. Am Ende gewinnen sie nur, weil
ihr Gegner Probleme mit der Hardware hat. Dem Team Nimbro
von der Universität Freiburg ergeht es genau umgekehrt.
Die führen im Endspiel der Humanoid League zunächst mit
4:0 gegen den Titelverteidiger Team Osaka. Doch dann werden
die Bewegungen der Roboter immer unpräziser. Osaka erzwingt
die Verlängerung und gewinnt mit seinen robusteren
Spielern am Ende klar mit 9:5.
|  Roboterfußball ist eben spannend, weil man nicht weiß,
wie es ausgeht – nicht nur aufs einzelne Spiel bezogen, sondern
auch langfristig: Bis zum Jahr 2050 will die International
RoboCup Federation mit humanoiden Robotern bei der
FIFA-WM antreten und gewinnen. Ob das zu schaffen ist, ist
auch in der RoboCup-Gemeinde umstritten. Aber selbst wenn
die Roboter in 44 Jahren den Einzug ins WM-Finale verpassen
sollten, wird die RoboCup-Initiative nicht vergeblich gewesen
sein. »Wichtig ist der Versuch«, sagt Hans-Dieter Burkhard,
Professor für Künstliche Intelligenz an der Humboldt-
Universität in Berlin und Vize-Präsident der International
RoboCup Federation. »Ob es klappt oder nicht: Hinterher sind
wir in jedem Fall schlauer.«
| Hans-Arthur Marsiske hat zusammen mit Hans-Dieter Burkhard
das Buch »Endspiel 2050 – Wie Roboter Fußball spielen lernen«
veröffentlicht.
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Autor: Hans-Arthur Marsiske Bilder: Christof Wolff
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