Ein gutes halbes Jahr schon hatte Clyde Tombaugh ungezählte Fotografien des Nachthimmels gesichtet. Am 18. Februar 1930 endlich sah er, was er suchte: den neunten Planeten. Auf zwei Bildern war unter den vielen 1000 fixen Punkten einer, der seine Position veränderte. "Immer wieder verglich ich die beiden Bilder", erinnerte Tombaugh sich später. "Dann sagte ich mir, dass ich besser einen Blick auf meine Uhr werfen und die Zeit notieren sollte, denn dies war ein historischer Moment." Es war 16 Uhr. Tombaugh hatte den Planeten Pluto entdeckt.
Knapp 76 Jahre später wartet jetzt eine Raumsonde auf den Startbefehl, um die Welt des Pluto bei einem Vorbeiflug erstmals aus der Nähe zu erkunden. Am Dienstag öffnet sich das Startfenster für die Nasa-Mission "New Horizons". Bis zum 14. Februar ist dann ein günstiger Zeitpunkt, um sich von Cape Canaveral in Florida auf den Weg an den Rand des Sonnensystems zu machen. Wenn der Start bis Anfang Februar erfolgt, kann die Sonde am Jupiter vorbeifliegen und in dessen Schwerefeld so viel Schwung holen, dass sie ihr Ziel bereits Mitte 2015 erreicht. Andernfalls würde sie vier bis fünf Jahre länger brauchen.
Die Atmosphäre des Pluto ist ein Grund, warum der Start der 650-Mio.-$-Mission nicht beliebig verschoben werden darf. Denn seit seiner größten Annäherung an die Sonne 1989 driftet Pluto immer weiter weg und kühlt sich dabei so sehr ab, dass seine Lufthülle in den nächsten Jahren teilweise gefrieren dürfte. Wann genau das passiert, weiß allerdings niemand.
Während auf Cape Canaveral der Countdown läuft, sind sich die Experten jedoch nicht mehr sicher, ob die Sonde wirklich zum neunten Planeten fliegt. "Ich bezeichne ,New Horizons‘ manchmal scherzhaft als die erste Mission zum nächstgelegenen Beispiel des letzten Planeten", sagt Alan Stern, wissenschaftlicher Leiter vom Southwest Research Institute in Boulder, Colorado.
Denn inzwischen wissen die Astronomen, dass Pluto etwa sechs Milliarden Kilometer von uns entfernt nicht allein seine Bahn um die Sonne zieht. Vermutet hatten das schon der irische Astronom Kenneth Edgeworth und sein niederländisch-amerikanischer Kollege Gerard P. Kuiper vor über 50 Jahren, als sie unabhängig voneinander über die Existenz einer riesigen Wolke kleinerer Himmelskörper jenseits der Neptunbahn spekulierten. 1992 wurde das erste Objekt dieser inzwischen Edgeworth/Kuiper-Gürtel genannten Region nachgewiesen. Mittlerweile sind über 1000 bekannt.
Im Juli vergangenen Jahres meldete ein US-amerikanisches Forschungsteam sogar die Entdeckung eines Himmelskörpers, der größer ist als Pluto und etwa dreimal so weit von der Sonne entfernt. Teamleiter Mike Brown vom California Institute of Technology bezeichnete ihn stolz als "zehnten Planeten", stieß damit aber nicht auf ungeteilte Zustimmung. Andere Astronomen plädieren umgekehrt dafür, stattdessen Pluto den Planetenstatus zu entziehen und ihn zukünftig als Edgeworth/Kuiper-Gürtel-Objekt zu führen.
Das würde "New Horizons" zwar die Ehre nehmen, zum letzten noch nicht von einer Raumsonde besuchten Planeten zu fliegen. Astronom Stern stört das nicht. "Ich kenne niemanden, der die Mission durchführen will, nur um Pluto von der Liste zu streichen", sagt er. "Wir gehen dorthin, um die Ursprünge des äußeren Sonnensystems zu erforschen. Wir wollen die Bildung von Doppelplaneten, einschließlich des Erde-Mond-Systems, besser verstehen. Und zum ersten Mal diese besondere Planetenart untersuchen, bei der es sich weder um einen terrestrischen Planeten handelt noch um einen Gasriesen, sondern um einen Eiszwerg."
Bislang unterschieden die Astronomen die vier inneren, erdähnlichen Planeten mit harter Kruste - Merkur, Venus, Erde, Mars - von den großen, im Wesentlichen aus Gas bestehenden - Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun -, die weiter draußen um die Sonne kreisen. Der noch weiter entfernte Pluto passte nicht recht in die Klassifikation und galt als Ausnahme. Jüngste Ergebnisse weisen jedoch darauf hin, dass er eher die Regel repräsentiert.
Nach dem Vorbeiflug am Pluto soll "New Horizons" weitere Objekte aus dem Edgeworth/Kuiper-Gürtel untersuchen. Diese Objekte machen die Astronomen neugierig: Sie sind fast unveränderte Zeugen vom Anfang unseres Sonnensystems. Wann immer die Himmelskundler bisher Sonden in entfernte Regionen entsendet haben, mussten sie hinterher ihre theoretischen Modelle überarbeiten. Auch diesmal freuen sich die Forscher vor allem auf die unerwarteten Beobachtungen. Alan Stern verspricht: "Das wird eine Mission, bei der einem der Unterkiefer herunterklappt."
Aus der FTD vom 16.01.2006
© 2006 Financial Times Deutschland, © Illustration: AFP, ftd.de
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