Astronauten müssen geistig stabil sein Hans-Arthur Marsiske 24.12.1998 Interview mit Walther Peeters, Leiter der Koordinationsabteilung ESA-EAC, der maßgeblich am Aufbau des europäischen Astronauten-Corps beteiligt war [Image]Herr Peeters, was können Eltern ihren Kindern antworten, wenn die den Wunsch äußern, Astronauten zu werden? Walther Peeters: Sie sollen viel und fleißig lernen. Eine breite Ausbildung und ein guter Abschluß in einem Spezialgebiet sind die besten Voraussetzungen. [Image]Gibt es gesundheitliche Einschränkungen? Walther Peeters: Ja. Der Flug von John Glenn hat zwar gezeigt, daß man nicht unbedingt auf dem Gipfel seiner körperlichen Leistungsfähigkeit sein muß, um ins All zu fliegen. Aber auf der anderen Seite versuchen die Raumfahrtagenturen natürlich, Risiken zu reduzieren. Daher wählen wir aus der großen Zahl der Bewerber die gesündesten aus. Das heißt nicht, daß die anderen nicht geeignet wären. Aber bei 30000 Bewerbungen für sechs Astronauten-Jobs werden auch kleinere Probleme zu einem Ausschlußkriterium. [Image]Als Kontaktlinsenträger hätte man also keine Chance? Walther Peeters: Wie gesagt, es heißt nicht, daß Sie nicht geeignet wären, die Arbeit eines Astronauten zu verrichten. Aber warum sollten wir ein, wenn auch noch so geringes, Risiko eingehen? Mit einem kleinen Herzfehler mag man hundert Jahre alt werden und auch ins All fliegen können. Aber wenn wir Kandidaten ohne derartige Probleme zur Verfügung haben, nehmen wir natürlich erst mal die. [Image]Was für Auswahlkriterien gibt es sonst noch, insbesondere wenn es um einzelne Missionen geht? Walther Peeters: Da wird man jeweils die passenden Spezialisten aussuchen. Allgemein geht die Entwicklung bei den Astronauten aber eher weg von den Missions-Spezialisten und Wissenschaftsastronauten hin zu vielseitig einsetzbaren Generalisten. Ich vergleiche die Situation in der Raumfahrt gerne mit der Entwicklung der Eisenbahnen und der Autos: Die wurden anfangs von den Entwicklern und Konstrukteuren selbst gefahren. Heute haben breite Bevölkerungsschichten Zugang zu diesen Verkehrsmitteln. Die Mensch-Maschine-Schnittstellen in der Raumfahrt sind inzwischen ebenfalls sehr viel besser geworden, so daß jeder die Experimente durchführen kann. Auch Testpiloten sind als Astronauten nicht mehr so gefragt. Der einzige Grund, warum sie früher bevorzugt wurden, liegt darin, daß sie darauf trainiert sind, in jeder Situation ruhig zu bleiben und Probleme sehr systematisch anzugehen. Im Moment sehe ich einen größeren Bedarf an Ingenieuren und Medizinern. [Image]Es wird viel über die gute Stimmung unter Astronauten und partnerschaftliche Zusammenarbeit berichtet. Aber es gibt sicherlich auch Konkurrenz unter ihnen, insbesondere wenn es um die Beteiligung an konkreten Missionen geht. Wie gehen Sie damit um? Walther Peeters: Darauf gibt es nur eine Antwort: Man muß ihnen genügend Flugmöglichkeiten geben. Astronauten sind sehr willensstarke Menschen, und natürlich wollen sie ins All fliegen. Wenn die Anzahl der Gelegenheiten dafür zu gering ist, wird es zu harten Kämpfen kommen. Dann haben Sie ein großes Problem. Wenn es aber nur darum geht, in drei Tagen oder in drei Monaten aufzubrechen, werden die Astronauten nicht miteinander kämpfen. Bei den nationalen Raumfahrtagenturen ist dieser Gedanke nicht sehr populär, aber es ist eine Tatsache: Wenn Sie zu viele Astronauten haben, werden einige von ihnen nie ins All fliegen, andere vielleicht nur einmal alle sechs oder sieben Jahre. Das ist keine gesunde Situation. Ein Astronaut muß die Chance haben, häufiger zu fliegen. [Image]Boris Krjutschkow vom russischen Kosmonauten-Ausbildungszentrum hat ein Szenario präsentiert, wonach im Jahr 2012 die ersten Menschen auf dem Mars landen könnten. Teilen Sie diesen Optimismus? Walther Peeters: Technisch ist das kein Problem. Wobei berücksichtigt werden muß, daß Erde und Mars nur etwa alle sechzehn Jahre besonders günstig zueinander stehen. Aber bei der gegenwärtigen finanziellen Situation gibt es keine Möglichkeit, das zu realisieren. Unsere Mittel sind für die nächsten 15 Jahre an die Raumstation gebunden. Sie wird den größten Teil der verfügbaren Gelder absorbieren. [Image]Wie würden Sie die Astronauten für eine Mars-Mission auswählen? Walther Peeters: Zunächst einmal gibt es eine gute Nachricht für diejenigen, die sich für eine solche Expedition zu alt fühlen: Für Astronauten, die zum Mars aufbrechen, ist ein höheres Lebensalter ein Vorteil, weil damit das Risiko sinkt, durch die kosmische Strahlung an Krebs zu erkranken. Zweitens wird man Personen mit enormer geistiger Stabilität aussuchen, denn so lange Zeit auf so engem Raum zu verbringen, ohne Chance auf vorzeitige Rückkehr, ist eine ungeheure Belastung. [Image]Gibt es zuverlässige Verfahren, um geistige Stabilität zu testen? Walther Peeters: Stecken Sie jemanden in einen schalldichten Raum, der jedes Geräusch verschluckt, und Sie wissen nach 24 bis 36 Stunden, wie er mit Einsamkeit zurechtkommt. Die Russen führen derartige Tests durch, um jegliche Anzeichen von Platzangst rechtzeitig zu entdecken. Selbst versteckte Platzangst, von der die jeweilige Person selber noch nichts wußte, kommt da zum Vorschein. Es mag zum Beispiel sein, daß Sie nie Probleme hatten, einen Fahrstuhl zu benutzen. Aber in der Enge einer Raumkapsel könnten sie trotzdem plötzlich Panikanfälle bekommen. [Image]Hat es auf der Mir Probleme mit Platzangst gegeben? Walther Peeters: Vor der Inbetriebnahme der Mir gab es mal eine Mission, die aus solchen Gründen vorzeitig abgebrochen werden mußte. Danach wurden die Tests eingeführt. Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/r4/artikel/6/6319/1.html ------------------------------------------------------------------------ Copyright © Heise Zeitschriften Verlag