INTERSTELLARE GRIPPE
Chandra Wickramasinghe und die Theorie der Panspermie
Von Hans-Arthur Marsiske
Die Aliens sind längst da, sind schon immer hier gewesen. Und der Besucherstrom reißt nicht ab: Täglich kommen neue Besucher auf unseren Heimatplaneten.
Nein, das stammt nicht aus dem Drehbuch von „Men in Black“. Das meint Chandra Wickramasinghe völlig ernst. Der Astrophysiker an der Cardiff University of Wales denkt allerdings nicht an grüne Männchen mit Antennen auf den Köpfen, die mit fliegenden Untertassen oder exotischen Materietransmittern zur Erde reisen. Ihm geht es vielmehr um Mikroorganismen, die über den gesamten Kosmos verbreitet sind und seit Jahrmilliarden von dort auf die Erde herab regnen.
Wickramasinghe, der diese Theorie in enger Zusammenarbeit mit seinem früheren Lehrer Sir Fred Hoyle (1915-2001) entwickelt hat, knüpft damit an die erstmals im Jahr 1906 von dem schwedischen Nobelpreisträger Svante August Arrhenius formulierte Panspermie-Hypothese zum Ursprung des Lebens an. Das Leben ist demnach nicht auf der Erde entstanden, sondern wurde durch Meteoriten hierher gebracht. Die Idee fand damals zunächst wenig Zustimmung, was kaum überrascht. Schließlich kann man sie nach Kopernikus und Darwin als eine weitere Ohrfeige für das menschliche Gefühl der Einzigartigkeit empfinden. Da es zudem kaum Möglichkeiten gab, sie empirisch zu überprüfen, konnte sie wissenschaftlich beiseite geschoben werden.
Die Schönheit der Idee hat gleichwohl dafür gesorgt, dass sich immer wieder Menschen damit beschäftigten. Künstler wie Karl Sims etwa, der für seine Computeranimation „Panspermia“ 1991 die Goldene Nica des Computerkunstfestivals Ars Electronica erhielt. Darin zeigt Sims ein Samenkorn, das auf seinem Flug durch den Kosmos auf einen fruchtbaren Planeten trifft. Eine pflanzliche Evolution beginnt, bis der Planet schließlich erblüht und dabei erneut Samen ins All schleudert.
Hoyle und Wickramasinghe konnten die Theorie mehr und mehr mit empirischen Daten stützen. So führten sie die Ausbreitungsmuster von Grippeepidemien auf Erreger aus dem All zurück. Die Spanische Grippe etwa, die in den Jahren 1918-19 weltweit 20 Millionen Todesopfer forderte, sei zuerst am gleichen Tag in Boston und Bombay beobachtet worden. Ihre Ausbreitung von Boston nach New York durch Übertragung von Mensch zu Mensch hätte dagegen drei Wochen gedauert. Auch für eine Grippewelle am Eton College im Jahr 1978 sahen sie außerirdische Erreger als Ursache.
Anders als Arrhenius sehen Hoyle und Wickramasinghe insbesondere Kometen als Träger des Lebens. Wenige Monate bevor im Jahr 1986 die europäische Raumsonde „Giotto“ am Kometen Halley vorbeiflog und die ersten Nahaufnahmen eines solchen Himmelskörpers übermittelte, sagten sie „ eine dunkle, schroffe, kohlenähnliche Oberfläche voller organischer Materie“ voraus – und behielten Recht.
„Für die Planer der Mission war das ein Problem“ erinnert sich Wickramasinghe. „Weil sie sich auf eine helle, schneeartige Oberfläche vorbereitet hatten, waren die Kameras falsch justiert. So waren die Bilder nicht so scharf, wie sie hätten sein können.“ Mit anderen Sensoren entdeckte man jedoch im Kometenstaub hoch komplexe organische Moleküle. „Es ist nicht einfach, ihre Entstehung auf nicht-biologische Weise zu erklären“, sagt er. „Etwa 50 bis 60 Prozent der gesamten Kometenmasse bestand aus dieser Materie, die praktisch nicht von Bakterien unterschieden werden kann.“
Inzwischen neigen immer mehr Wissenschaftler dazu, Kometen als eine Art kosmische Samenzellen zu betrachten, die zumindest die Grundbausteine des Lebens durchs All transportieren. Ob die Schweifsterne auch vollständig entwickeltes Leben beherbergen, wird sich wohl erst klären lassen, wenn Kometenmaterie aus der Nähe untersucht wird. Die erste Gelegenheit dazu könnte sich ergeben, wenn am 15. Januar 2006 die „Stardust“-Sonde der NASA wie geplant in einem Wüstengebiet südwestlich von Salt Lake City am Fallschirm herabschwebt – mit den Staubpartikeln, die sie beim Vorbeiflug am Kometen Wild-2 zwei Jahre zuvor gesammelt hat. Im Sommer 2014 soll dann die europäische Sonde „Rosetta“ ein Landegerät auf dem Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko absetzen, das Proben aus bis zu 20 Zentimeter Tiefe entnehmen und vor Ort analysieren kann.
Derzeit herrscht unter Wissenschaftlern eine bemerkenswerte Zuversicht, dass schon bald außerirdische Lebensformen nachgewiesen werden können. Das hat zum einen mit sich verdichtenden Indizien für deren Existenz und Verbreitung zu tun. Sie mag aber auch durch den Wunsch genährt sein, endlich fündig zu werden. Wickramasinghe gibt unumwunden zu, dass hier auch Glaubensfragen eine Rolle spielen. „Letztlich ist man bei Fragen, die man nicht logisch und rational klären kann, immer auf den Glauben angewiesen“, sagt er. „Dieser Glaube nährt sich bei mir aus der Erfahrung, dass sich alle Ideen, die den Menschen ins Zentrum aller Dinge stellten, als falsch herausgestellt haben.“
Wickramasinghe ist daher nicht nur von der Existenz außerirdischer Viren überzeugt, sondern geht davon aus, dass auch intelligentes Leben im Weltall weit verbreitet ist. „Ich bin sicher, dass wir im Laufe der nächsten 30 bis 40 Jahre den Beweis für intelligentes Leben außerhalb der Erde erbringen werden. Die hierfür erforderlichen Beobachtungstechniken werden beinahe täglich verbessert.“
Karl Sims: Panspermia
http://www.genarts.com/karl/panspermia.html
Chandra Wickramasinghe
http://www.cf.ac.uk/maths/wickramasinghe/chand1.html
Aus: Telepolis Special 01/2005 – Wie Forscher und Raumfahrer Aliens aufspüren wollen.