Zurück zum Mond - aber dieses Mal richtig Hans-Arthur Marsiske 20.11.2003 Auf Hawaii beraten Wissenschaftler über Mondmissionen der Zukunft Der Astronom und Wissenschaftsautor Carl Sagan hielt nicht viel von einer Rückkehr zum Mond. "Der Mond ist eine Sackgasse", sagte er noch 1996 in einem Interview wenige Monate vor seinem Tod. "Es gibt dort keine Luft, kein Wasser, keine jüngeren geologischen Formationen, kein Leben. Dafür können Sie niemanden mehr begeistern." Stattdessen sollte sich die bemannte Raumfahrt auf erdnahe Asteroiden und vor allem den Mars konzentrieren. Paul D. Spudis vom Applied Physics Laboratory der Johns Hopkins University in Baltimore ist anderer Meinung. Ein Flug zum Mars, argumentierte er jetzt auf der International Lunar Conference 2003 [1] auf Hawaii, sei derzeit noch eine zu große technische Herausforderung und koste mehr, als man vom US-Kongress vernünftigerweise erwarten könne. [Image] Neil Armstrong, der erste Mensch, der den Mond betrat. Apollo 11, 1969. Bild: Nasa Der Mond dagegen, so Spudis, sei ein nahe gelegener Planet von großem intellektuellem und ökonomischem Wert. Die Rückkehr dorthin könne mit der vorhandenen Technologie unter Einbeziehung der Internationalen Raumstation erfolgen, ergänzt durch einen Umschlagplatz am Lagrangeschen Punkt L1, wo sich die Gravitationskräfte von Erde und Mond gegenseitig neutralisieren: Die Mission einer Rückkehr zum Mond sollte es sein, den Gebrauch außerplanetarer Ressourcen zu lernen. Die Fähigkeit, solche Ressourcen zu identifizieren, zu charakterisieren, zu extrahieren und zu nutzen, ist unabdingbar, wenn die Menschheit eine Zukunft im Weltall haben soll. Die Rückkehr zum Mond wird uns von den lästigen logistischen Zwängen befreien, die uns an die Erde binden, und ist damit der erste Schritt zu wirklicher Unabhängigkeit im All und zu den entfernteren Planeten. Paul D. Spudis Auch China drängt es zum Mond. Yongliao Zou von der Akademie der Wissenschaften in Peking skizzierte das dreistufige Programm, das zunächst die Entsendung eines Orbiters Ende 2005 vorsieht. Der Satellit soll den Mond etwa ein Jahr lang in 200 Kilometer Höhe umkreisen und grundlegende Daten zur Topografie, zur Verteilung chemischer Elemente sowie zu den Strahlungsverhältnissen sammeln. Für die Zeit von 2006 bis 2010 ist eine weiche Landung mit einem Rover vorgesehen, für 2011 bis 2020 eine Mission, bei der Bodenproben gesammelt und zur Erde transportiert werden sollen. Die Ziele dieses Programms bestehen darin, die Energie- und Mineralressourcen des Mondes und deren Nutzungspotenzial besser zu verstehen, mögliche Nutzungen der einzigartigen Umweltbedingungen (zum Beispiel das hohe Vakuum, das fehlende Magnetfeld, die stabile geologische Struktur) zu erkunden und Standorte für eine Mondbasis zu identifizieren. Von einer Nutzung des Mondes könnte insbesondere die Astronomie profitieren. So schlägt Paul D. Lowman jr. vom Goddard Space Flight Center der Nasa vor, am Mondsüdpol ein unbemanntes Observatorium für den Infrarot- und Submillimeterbereich zu errichten. Ein geeigneter Standort für das aus vier 3-Meter-Teleskopen bestehende Observatorium sei das Gelände nördlich des Shackleton-Kraters, das fast permanent im Schatten liegt. Die Temperaturen entsprechen ungefähr denen von flüssigem Stickstoff (77 K), sodass die ansonsten erforderliche, aufwändige Kühlung der Teleskope entfallen könnte. Zugleich biete der kontinuierlich von der Sonne bestrahlte Nordrand des Kraters die Möglichkeit, mithilfe von Solarzellen die Energieversorgung der Anlage zu gewährleisten. Paul van Susante von der Colorado School of Mines in Golden, der den Vorschlag unterstützt, betont, dass im Rahmen eines solchen Projekts zugleich eine Infrastruktur entstehen würde, die auch für ganz andere Missionen genutzt werden könnte. [Image] Südpol des Monds. Bild: Nasa Bis zum Jahr 2015 könnte am Mondsüdpol auch ein Radioteleskop zur Beobachtung der sehr niedrigen Radiofrequenzen unter 30 Megahertz in Betrieb genommen werden. Dieser Frequenzbereich, erklärt Yuki D. Takahashi, Physiker an der University of California in Berkeley, werde auf der Erde durch die Ionosphäre und durch Interferenzen erheblich gestört. Dies sei daher der einzige Teil des elektromagnetischen Spektrums, der bislang noch nicht intensiv untersucht werden konnte. Der optimale Standort für ein solches Radioteleskop ist eigentlich die permanent von der Erde und ihren Störsignalen abgeschirmte Rückseite des Mondes. Bevor dort der Bau eines Observatoriums in Angriff genommen wird, hält Takahashi jedoch die Erprobung der Technologie an einer zugänglicheren Stelle für erforderlich und hat hinter dem fünf Kilometer hohen Berg Malapert einen geeigneten Standort entdeckt, der ebenfalls recht gut vor terrestrischen Störungen geschützt ist. Die Errichtung eines kleinen Radioteleskops dort sollte im Rahmen eines internationalen Projekts erfolgen, empfiehlt Takahashi. Internationale Kooperation hält auch Viacheslav V. Ivashkin vom Moskauer M. V. Keldysh Institute of Applied Mathematics erforderlich, um die von ihm untersuchte Station zur Identifikation und Abwehr gefährlicher Asteroiden zu bauen. Diese Station soll mit Solarenergie betrieben werden und aus einem Teleskop und einem starken Laser bestehen. Wenn ein Asteroid beobachtet wird, der sich auf Kollisionskurs mit der Erde befindet, könnte er, so Ivashkin, mithilfe des Lasers von seiner Bahn abgelenkt oder zerstört werden. [Image] Aufnahme vom 18.1.2003 von der Internationalen Raumstation aus. Bild: Don Pettit, Nasa Jack Green, Geologe an der California State University, Long Beach, glaubt sogar, dass auf dem Mond Vorstufen des Lebens entstanden und in geringen Mengen noch nachweisbar sein könnten. Das hänge von der Intensität früherer vulkanischer Aktivität ab, über die bislang noch wenig bekannt ist. Die Suche nach Spuren dieses "Protolebens" wäre wiederum in den permanent schattigen Regionen an den Polen besonders aussichtsreich. Richtig lebendig wird es auf dem Mond aber wohl erst, wenn wieder Menschen dorthin fliegen. Wie die dort leben könnten, zeigt Barbara Imhof, Architektin aus Wien, anhand verschiedener Entwürfe, die aus dem Lunar Base Design Workshop [2] im Juni 2002 hervorgegangen sind. Beispielhaft erläutert sie die besonderen Anforderungen an eine mobile Mondbasis, eine von Mondstaub bedeckte Unterkunft sowie eine stationäre Basis an der Oberfläche. [Image] Galileo-Bild, 1992: Nasa Ein besonderes Augenmerk richtet die Konferenz auf rechtliche Fragen. Der 1967 von den Vereinten Nationen verabschiedete Outer Space Treaty [3] erklärt den Weltraum zur Domäne der gesamten Menschheit. Im Moon Treaty [4] wird noch einmal spezifiziert, dass niemand auf dem Mond Besitzansprüche geltend machen kann. Manche sehen darin ein Hemmnis für die kommerzielle Erschließung des Weltraums und des Mondes. Andere halten es für ein klares Signal gegen den Export überkommenen territorialen Denkens ins Weltall. Hans L.D.G. Starlife, Mitbegründer des Cosmica Network [5], neigt zur letzteren Position. "Wenn wir uns jetzt als eine multiplanetare Zivilisation etablieren", schreibt er in seinem Vorschlag [6] für ein neues Weltraumrecht, "ist es höchste Zeit, unsere primitive Vergangenheit hinter uns zu lassen und neue, reifere Rechts- und Sozialsysteme zu entwickeln, die besser zu unserer neuen Rolle im Kosmos passen." Den Drang zu aggressiver kommerzieller Ausbeutung des Alls verortet er vor allem in den USA, während Europäer sich zumeist eine stärkere Rolle der Vereinten Nationen wünschten. Bislang gebe es zwischen den verschiedenen Positionen keine wirkliche Diskussion, sondern eher einen Austausch von Polemiken. Um zwischen den Extremen zu vermitteln schlägt Starlife vor, im Weltraum zwar weiterhin keine Besitzrechte zu gewähren, wohl aber Nutzungsrechte zuzulassen. Als Beispiel [7], wie gut das funktionieren kann, verweist er auf sein Heimatland Schweden, wo man zwar Land besitzen, aber niemandem den Zutritt dazu verbieten kann. In der Tat ist es manchmal geradezu beängstigend, wie stark gerade die US-amerikanische Raumfahrt von nationalen Eitelkeiten, Machtkalkül und kommerziellen Interessen geprägt ist. Es wäre Starlife zu wünschen, dass es ihm gelingt, diese verhärteten Fronten aufzubrechen. Ein Aufbruch zum Mond, der lediglich die überkommenen irdischen Konfliktlinien ins All ausweitet, wäre wirklich das Letzte, was wir brauchen. Links [1] http://www.spaceagepub.com/program.html [2] http://www.lunarexplorers.nl/LBDW/ [3] http://www.oosa.unvienna.org/SpaceLaw/outersptxt.html [4] http://www.oosa.unvienna.org/SpaceLaw/moontxt.html [5] http://www.cosmica.org/ [6] http://cosmica.org/law [7] http://www.allemansratten.se/templates/Page.asp?id=2061 Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/deutsch/special/raum/16124/1.html ------------------------------------------------------------------------ Copyright © 1996-2003. All Rights Reserved. Alle Rechte vorbehalten Heise Zeitschriften Verlag, Hannover