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Raumfahrt Nicht nur die USA, auch Japaner, Chinesen, Inder und Europäer hocken in den Startlöchern
Der neue Wettlauf zum Mond
Deutsche Forscher wollen von dort aus Klima-Entwicklungen auf der Erde nachvollziehen. Weitreichende Entscheidungen der Esa könnten schon im Jahr 2008 fallen.
Von Hans-Arthur Marsiske
 | So stellt sich
die amerikanische
Weltraumbehörde
Nasa
eine neue
Mondstation
vor, die ihre Energie
aus Solarzellen
bezieht.
Von dort aus
sind Flüge zu
weiter entfernten
Planeten
wie dem Mars
vorgesehen. Foto: dpa
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Hamburg -
Immer diese Fragen. Was für ein Gefühl es sei, auf dem Mond zu stehen, wollten die Reporter neulich schon wieder von Buzz Aldrin wissen. Damit trieben sie den Apollo-11-Piloten an den Rand der Verzweiflung. Schließlich war er nicht aufgrund seiner dichterischen Qualitäten für die erste Mondlandung ausgewählt worden, sondern wegen seiner Kaltblütigkeit. Für die Beschreibung der Landschaft um ihn herum hatte er damals, am 20. Juli 1969, nur zwei Worte: "magnificent desolation" - "großartige Einöde".
Bald könnte es poetischere Schilderungen der lunaren Ödnis geben. Die US-Weltraumbehörde Nasa jedenfalls will wieder Astronauten dorthin schicken. Nasa-Vizechefin Shana Dale verkündete die zentralen Elemente der Strategie zur Erkundung des Mondes und beschrieb in groben Zügen, wie die Rückkehr zum Erdtrabanten erfolgen soll.
Um das Jahr 2020 herum, etwa 50 Jahre nach den ersten bemannten Mondlandungen, könnten demnach erstmals wieder Menschen von dort oben auf die Erde schauen. Ihre Aufenthaltsdauer ist dabei anfangs auf sieben Tage beschränkt. Jeweils vier Astronauten sollen mehrere solcher Kurztrips unternehmen, bis eine Infrastruktur aus Unterkünften, Rovern und Stromgeneratoren entstanden ist, die von 2024 an auch längere Aufenthalte bis zu 180 Tagen ermöglichen soll.
Als Standorte einer solchen Mondbasis werden die Mondpole favorisiert. Denn dort lassen sich sowohl Gebiete finden, die ständig von der Sonne beschienen werden, als auch solche, die permanent im Schatten liegen. Die sonnigen Plätze auf Kraterrändern würden die Energieerzeugung mithilfe von Solarzellen erleichtern. In den Schattengebieten dagegen könnte sich Wassereis erhalten haben, das für die Versorgung der Station mit Wasser, Sauerstoff und Raketentreibstoff genutzt werden könnte.
Die Pläne der Nasa sind eine Konsequenz aus dem Absturz der Raumfähre "Columbia" am 1. Februar 2003, bei dem sieben Astronauten starben. In der Folge unterzog eine Expertenkommission das US-Weltraumprogramm einer gründlichen Überprüfung und entwickelte eine neue Strategie, die ein Jahr später von Präsident George W. Bush öffentlich verkündet wurde. Sie sieht die Fertigstellung der Internationalen Raumstation ISS, die Ausmusterung der Raumfähren und Entwicklung eines neuen bemannten Systems sowie bemannte Missionen über den erdnahen Orbit hinaus zu Mond und Mars vor.
Zugleich reagiert die Nasa damit allerdings auch auf die wachsende internationale Konkurrenz. Mehrere Nationen planen für die kommenden Jahre Missionen zum Mond. Dabei handelt es sich zunächst um unbemannte Sonden, etwa die japanische "Selene" sowie Chinas "Change-1", die sich bereits im kommenden Jahr auf den Weg machen sollen. Als Starttermin für die indische Mondmission "Chandrayaan-1" wird gegenwärtig das Jahr 2008 genannt. Und Russland will im Jahr 2012 sogar eine Landestation in der Nähe des Mondsüdpols absetzen.
Insbesondere in China und Indien wird aber auch immer offener darüber diskutiert, Menschen zum Mond zu schicken. Der Chef der chinesischen Weltraumbehörde, Sun Laiyan, etwa präsentierte bereits einen Stufenplan, der nach dem Orbiter Change-1 zunächst die weiche Landung einer unbemannten Sonde auf dem Mond und dann eine Probenrückholmission vorsieht. Damit wären dann alle erforderlichen Technologien erprobt, um im Jahrzehnt nach 2020 eine bemannte Mission zum Erdtrabanten in Angriff nehmen zu können. Einen Menschen beförderte China erstmals im Jahr 2003 in den Erdorbit - und nannte ihn "Taikonaut".
Seitdem hat auch Indien an der Entwicklung eines bemannten Transportsystems gearbeitet. Für den nächsten Monat ist der Start eines Satelliten vorgesehen, der die Technologie für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre testen soll. Das ultimative Ziel dieser Anstrengungen, das hat Gopalan Madhavan Nair, Direktor der indischen Weltraumagentur Isro, klar erklärt, ist der Mond.
Das zweite Wettrennen zum Mond ist also im Gange. Die genaue Zahl der Teilnehmer steht allerdings noch nicht fest. Am liebsten wäre der Nasa wohl eine amerikanisch geführte Mission mit internationaler Beteiligung.
Sehr viel Begeisterung hat die Einladung von Nasa-Vizechefin Dale zur Beteiligung am Nasa-Programm jedoch noch nicht ausgelöst. Dafür hat die Nasa durch ihre Alleingänge bei der Raumstation ISS, wo sie die Lieferung zugesagter Schlüsselkomponenten ohne Konsultation der übrigen Partner einfach stornierte, zu viel Vertrauen verspielt. Zudem sind nicht amerikanische Partner bei der Entwicklung von Schlüsseltechnologien für das Mondprogramm ausdrücklich nicht erwünscht. So gehörte anfangs auch der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS zu einem der beiden Industriekonsortien, die sich um den Auftrag für die Entwicklung des Shuttle-Nachfolgers bewarben, musste auf Anordnung der Nasa dann aber ausscheiden.
Der derzeitige Nasa-Chef Michael Griffin hat die für den Weltraum geplante Infrastruktur einmal mit dem System der Interstate-Highways in den USA verglichen. Ein solches System wolle die Nasa im All errichten. Den Partnern stünde es frei, was sie jenseits der Auf- und Abfahrten täten.
Mit der Rolle eines Juniorpartners mögen sich außerhalb der USA aber immer weniger zufriedengeben. Die europäische Weltraumorganisation Esa streckt ihre Fühler daher auch in viele andere Richtungen aus und hat erst im September beschlossen, sich mit zunächst zwei Millionen Euro an der Entwicklung des russischen Crew Space Transportation System (CSTS) zu beteiligen, das bis zu sechs Kosmonauten zur ISS befördern kann und ab 2012 die Sojus-Kapsel ablösen soll.
Auch auf einer Konferenz des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) Ende November in Dresden, bei der namhafte Vertreter aus Wissenschaft und Industrie über die Erkundung des Weltraums berieten, war die Reserviertheit gegenüber den USA deutlich zu spüren. Gleichwohl ließen sich die Vorgaben aus Amerika allein schon wegen ihrer finanziellen Dimensionen nicht ignorieren. Walter Döllinger, Programmdirektor Raumfahrt beim DLR, hob dabei einen zumeist vernachlässigten Aspekt hervor: die neue Aufteilung der Zuständigkeiten in der US-Raumfahrt. Die Entwicklung gehe dahin, die umfassende Verantwortung für alle erdnahen Vorhaben mehr und mehr dem Militär und den Nachrichtendiensten zu übertragen. Die Nasa soll sich vorrangig um die von der Erde fortweisenden Missionen in den Bereichen Wissenschaft und Weltraum-Exploration kümmern. Bereits heute, so Döllinger, wende das US-Verteidigungsministerium mehr Mittel für die Raumfahrt auf als die Nasa: jährlich etwa 20 Milliarden Dollar.
Man wolle "auf gleicher Augenhöhe" kooperieren, betonten mehrere Referenten in Dresden. Während des zweitägigen konzentrierten Vortragsprogramms skizzierten sie spannende Forschungsprojekte, die zeigten, dass der Mond so öde gar nicht ist. Robert Wimmer-Schweingruber von der Universität Kiel etwa will dort nach interstellarer Materie suchen. "Seit seiner Entstehung hat das Sonnensystem mindestens 18-mal das Zentrum der Milchstraße umkreist und dabei sehr unterschiedliche Regionen durchquert", sagt er. Die dabei aufgetretenen Wechselwirkungen mit dem interstellaren Medium hätten auch Auswirkungen auf das irdische Klima gehabt, ließen sich auf dem Mond aber viel weiter zurückverfolgen.
Erstaunlich viel lässt sich in Eigenregie durchführen. Hartmut Müller von EADS Space Transportation in Bremen etwa zeigte in Dresden, wie sich mit einem einzigen Raketenstart ein komplettes Radioteleskop auf dem Mond errichten ließe. Die dafür erforderliche Technologie sei mit der Ariane-Rakete und dem Automatic Transfer Vehicle zur Versorgung der ISS bereits teilweise vorhanden. Die wichtigste neu zu entwickelnde Komponente sei ein Landegerät. Bis zur nächsten Esa-Ministerratskonferenz im Jahr 2008 könnte das Missionsszenario entscheidungsreif sein.
Dann dürfte die Meldefrist für den neuen Wettlauf zum Mond auch langsam ablaufen.
erschienen am 13. Dezember 2006
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