Wer sind wir?

Planetarium: Vortragsreihe "Mensch, Kosmos, Transzendenz". Vier Naturwissenschaftler und ein Philosoph sprechen über die Folgen der Kopernikanischen Revolution.

Von Hans-Arthur Marsiske

Hamburg -

Einst war alles so klar und überschaubar: Die Erde war der Mittelpunkt des Universums und der Mensch die Krone der Schöpfung. Dann kam Nikolaus Kopernikus und stieß die Erde aus dem Zentrum. Später folgte Charles Darwin und erklärte den Menschen zu einer Stufe in der Evolution des Lebens. Es waren diese schweren Kränkungen des menschlichen Selbstbildes, die Friedrich Nietzsche zu der Diagnose veranlaßten: "Seit Kopernikus rollt der Mensch aus der Mitte ins X."

Das kopernikanische Weltbild, wonach die Erde um die Sonne kreist, entstand in seinen Grundzügen vor fast fünfhundert Jahren. Dennoch hat das Rollen noch nicht aufgehört, im Gegenteil. "Die Kopernikanische Revolution ist jetzt erst richtig scharf geworden", sagt Cai Werntgen. Der Geschäftsführer der Udo-Keller- Stiftung, die die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens auf der Höhe der Bedingungen des 21. Jahrhunderts wiederbeleben möchte, hat eine Vortragsreihe organisiert, die diese Schärfe hautnah vermitteln soll.

Vier Naturwissenschaftler und ein Philosoph sollen von heute abend bis zum 10. Juli im Planetarium Hamburg unter dem Titel "Mensch, Kosmos, Transzendenz" die derzeitigen Grenzen des Wissens ausloten. Denn es läßt sich zwar leicht sagen, daß die Erde nur ein Staubkorn am Rande einer gewöhnlichen Galaxis sei. Aber haben wir diese Aussage wirklich schon in all ihrer Konsequenz begriffen? Werntgen jedenfalls sieht eine tiefsitzende Phobie und Verunsicherung, die sich seit dem Jahr 2000 in einer im Feuilleton geführten Debatte mit alarmistischen Untertönen bemerkbar macht. "Die Geisteswissenschaften sind ohnehin in der Defensive", sagt er. "Nun werden sie noch auf ihrem ureigenen Gebiet des Geistes und des Selbst in Frage gestellt."

Ganz bewußt stehen daher naturwissenschaftliche Beiträge am Anfang der Vortragsreihe. Denn das Diskursmonopol, so Werntgen, habe bislang immer bei den Geisteswissenschaften gelegen, obwohl die Naturwissenschaften mit ihren jüngsten Forschungsergebnissen die Frage nach Nietzsches "X" mit unvermuteter Schärfe ins Rampenlicht gerückt hätten. Genforscher und Neurobiologen beschäftigen sich mit der Determiniertheit des Menschen und stellen die Willensfreiheit in Frage, Kernphysiker und Astronomen entdecken immer neue Kräfte, die die Welt im Innersten nicht nur zusammenhalten, sondern auch expandieren lassen. Dabei zeigt sich, daß Naturwissenschaftler mit Widersprüchlichkeiten und Gleichzeitigkeiten häufig selbstverständlicher umgehen als ihre geisteswissenschaftlichen Kollegen.

Werntgen hält es für denkbar, daß die Verunsicherung ein Zeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Wandel sein könnte. In Gestalt des Internets mögen sich gerade die Strukturen eines planetaren Gehirns herausbilden, das kurz davor ist, zum Bewußtsein zu erwachen, und dessen kognitive Fähigkeiten das menschliche Vorstellungsvermögen weit überschreiten dürften. Vielleicht ist auch die kulturelle Beschleunigung, die seit 10 000 Jahren unser Leben prägt und ein kaum noch erträgliches Ausmaß erreicht hat, ihrem Endpunkt nahe?

"Das Neue liegt seit 150 Jahren in der Luft", so Werntgen. Grundsätzlich sei ihm das "Think Big" sympathisch. Mit Veranstaltungen wie der Vortragsreihe ginge es ihm aber darum, Räume zu öffnen für neue Diskurse. Die existentiellen Fragen nach dem Woher und Wohin des Menschen seien ja weiterhin wichtig.

Bei Planetariumsdirektor Thomas Kraupe rannte er mit diesem Vorhaben offene Türen ein. "Wir verstehen uns nicht nur als Institution zur Wissensvermittlung", sagt Kraupe. "Das Planetarium ist ein Ort, an dem Perspektivenwechsel möglich sind und andere Weltentwürfe erprobt werden können." Eine besondere Rolle spielen dabei die multimedialen Möglichkeiten des Planetariums. "Die kopernikanische Wende bedeutete ja auch einen Verlust an Anschaulichkeit und eine Zumutung an die Abstraktion", erläutert Werntgen. Um diese Zumutung für die Besucher der Vorträge möglichst gering zu halten, erarbeitet das Planetarium mit den Referenten Visualisierungen der Themen. "Wir werden an der Planetariumskuppel die Entstehung der Elementarteilchen während der ersten Minuten des Kosmos zeigen", verspricht Kraupe. Eine Reise durch die menschliche DNS und Schwarze Löcher sollen ebenfalls gezeigt werden.

Antworten auf die Frage nach dem Ort des Menschen im Universum sollte man aber besser nicht erwarten. Die Fragen neu formulieren und in der Diskussion neue Akzente setzen, das wäre schon viel.

  • Udo-Keller-Stiftung im Internet www.forum-humanum.org

    erschienen am 9. Mai 2006

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