Wie rot ist der Mars? Hans-Arthur Marsiske 04.02.2004 Die Aufnahmen der NASA-Rover zeigen den Nachbarplaneten nicht unbedingt so, wie er sich dem menschlichen Auge bieten würde Der Erfolg von Planetenmissionen in der Öffentlichkeit hängt immer entscheidend von den Fotos ab. Mit abstrakten Daten können die meisten Menschen nichts anfangen, auch wenn sie als Falschfarbendarstellungen aufbereitet sind. Sie wollen sehen, wie es auf den anderen Welten "wirklich" aussieht. Deswegen sind die Aufnahmen der NASA-Rover [1] so populär: Sie zeigen den Mars, wie man ihn mit eigenen Augen erleben würde. Wirklich? [Image] Eines der ersten Bilder der Panoramakamera von Oppurtunity Die Marsrover Spirit und Opportunity sind mit Sonnenuhren ausgestattet, die den Forschern zum einen Informationen über den Sonnenstand zum Zeitpunkt einer Aufnahme bieten sollen. Zum anderen sind an diesen Sonnenuhren rote, gelbe, grüne und blaue Farbtafeln zur Kalibrierung der Kamera angebracht. Und diese Tafeln nähren den Verdacht, dass die NASA in womöglich schändlicher Absicht die Bilder vom Mars manipuliert. Denn eine Tafel, die in Aufnahmen der Sonnenuhr eindeutig blau ist, erscheint auf einer Panoramaaufnahme auf einmal pinkfarben. Verkitscht die NASA den Mars, indem sie auf der Suche nach mehr öffentlicher Unterstützung die Erwartungen des Publikums vom roten Planeten [2] bedient? Oder will sie durch Farbmanipulationen gar Hinweise auf Leben [3] (in Gestalt grüner Pflanzen oder grüner Männchen) weg retuschieren? Liebhabern von Verschwörungstheorien bieten die Farbverschiebungen einen wunderbaren Anknüpfungspunkt. Allerdings hat die NASA auch eine recht plausible Erklärung: Die Bilder werden mit CCD-(Charged-Coupled-Devices)-Kameras aufgenommen, deren Sensoren zunächst einmal nur Helligkeitsunterschiede registrieren, also Schwarzweiß-Bilder produzieren. Um daraus Farbaufnahmen zu machen, müssen mehrere, durch verschiedene Farbfilter aufgenommene Bilder miteinander kombiniert werden ( hier [4] gibt es eine Anleitung, wie man das mit Photoshop selbst machen kann). Die Farbmischung ist also eine durchaus subjektive Angelegenheit. Wie David L. Chandler in New Scientist [5] schreibt, geben die NASA-Experten auch freimütig zu, dass die Frage, wie sich die Marsoberfläche dem menschlichen Auge präsentiert, erst wirklich beantwortet werden kann, wenn Menschen dorthin geflogen sind. "Die Farben richtig zu treffen, ist keine exakte Wissenschaft", sagt Jim Bell, Astronom an der Cornell University in Ithaca, New York, und wissenschaftlicher Leiter des Panoramic Camera Teams. "Eine ungefähre Annäherung an das Bild, das wir sehen würden, wenn wir selbst dort wären, erfordert ebenso ein künstlerisches, visionäres Element - schließlich ist bisher noch niemand da gewesen." Hinzu kommt, dass Aufnahmen mit Rot-Blau-Grün-Filtern, die der menschlichen Wahrnehmung näher kommen, für die Wissenschaftler weniger interessant sind. Statt des Rot-Filters verwenden sie lieber einen Infrarot-Filter, weil er ihnen die nötigen Informationen liefert, um Gesteinstypen unterscheiden zu können und zu beurteilen, inwieweit einzelne Felsbrocken von Staub bedeckt sind. Die blauen und grünen Farbtafeln auf den Rovern reflektieren aber im infraroten Bereich des Spektrums viel stärker als im roten, weshalb sie auf den entsprechend gefilterten Aufnahmen pink und ocker erscheinen. [Image] Zudem hängen die Farben auf dem Mars natürlich von der Tageszeit und den jeweiligen meteorologischen Verhältnissen ab: Mehr Staub in der Luft ruft eine stärkere Rotfärbung hervor. Da die Panoramaaufnahmen aus vielen Einzelbildern zusammengefügt werden, die zu unterschiedlichen Zeiten aufgenommen wurden, ist eine sorgfältige Analyse erforderlich, um zu plausiblen, einheitlichen Farbwerten zu kommen. Das kann Monate dauern. Natürlich ist man gegen Verschwörungstheorien letztlich machtlos: Wer nach Anzeichen einer Verschwörung sucht, findet sie auch. Aber die NASA hätte es den Konspirationisten vielleicht etwas schwerer machen können, wenn sie frühzeitig die Bedingungen [6], unter denen die Marsbilder entstehen, genauer erklärt hätte. Links [1] http://marsrovers.jpl.nasa.gov/home/index.html [2] http://mars-news.de/color/blue.html [3] http://xfacts.com/spirit2004/ [4] http://www.atsnn.com/story/30048.html [5] http://www.newscientist.com [6] http://marsrovers.jpl.nasa.gov/spotlight/spirit/a12_20040128.html Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/deutsch/special/raum/16679/1.html ------------------------------------------------------------------------ Copyright © 1996-2004. All Rights Reserved. Alle Rechte vorbehalten Heise Zeitschriften Verlag, Hannover