ÑWIR SIND IM ORBIT!ì
In der Nacht zum ersten Weihnachtstag erreicht die erste europäische Marssonde den roten Planeten

Von Hans-Arthur Marsiske

Es ist kurz nach 3 Uhr morgens, aber müde ist hier niemand. An die 200 Pressevertreter und andere Gäste haben sich im europäischen Bodenkontrollzentrum ESOC (European Space Operations Centre) in Darmstadt versammelt, um die Ankunft von Mars Express, der ersten europäischen Marsmission, beim roten Planeten zu verfolgen. Jetzt drängeln sie sich in einem kleinen Raum neben der Kommandozentrale, um die letzten Neuigkeiten zu erfahren.

Rudolf Schmidt, Leiter der gesamten Mission, und Michael McKay, der für die Bodenkontrolle verantwortlich ist, wirken sehr gelassen und zuversichtlich. Der Österreicher Schmidt erklärt zunächst, was es mit der seltsamen Wollmütze auf sich hat, die er trägt. ÑIch habe sie mir im Juni kurz vor dem Start von Mars Express in Kasachstan gekauft. Sie soll Glück bringenì, sagt er. Schräg über ihm zählt eine Digitalanzeige mit roten Ziffern die verbleibende Zeit bis zur Zündung des Hauptantriebs. Noch 45 Minuten.

ÑWir sind natürlich aufgeregtì, versichert McKay, Ñaber nicht nervös.ì Schließlich ist bisher alles weitgehend nach Plan verlaufen. Die Sonde fliegt so präzise auf ihrem Kurs, dass eine für den Vortag vorgesehene Korrektur abgesagt werden konnte. ÑDas ist die Art von Manöver, die wir bevorzugen.ì

Zurzeit besteht allerdings kein Kontakt mit Mars Express. Aber auch das entspricht dem Plan. Das Einschwenken in die Umlaufbahn geschieht vollautomatisch. Jetzt sind alle dafür erforderlichen Geräte abgeschaltet, die Solargeneratoren in eine sichere Position gebracht und das Triebwerk in die richtige Richtung ausgerichtet. Das heißt aber auch, dass die starr montierte Hauptantenne von der Erde weg zeigt. ÑEine steuerbare Antenne wäre technisch natürlich möglich gewesenì, sagt Schmidt. ÑWir mussten aber aus Budgetgründen darauf verzichten.ì

Schmidt und McKay stehen vor einer gläsernen Wand, die einen Blick in die Kommandozentrale erlaubt. Dort stehen mehrere Reihen Computerterminals, vor denen Techniker sitzen. An der Wand befinden sich sechs große Monitore. Auf dem Monitor ganz links ist nur eine gelbe Linie zu sehen, die von links oben nach rechts unten gebogen ist. ÑDiese Kurveì, sagt McKay, Ñwird heute nacht das Aufregendste sein, das wir zu sehen kriegen.ì Und er ergänzt: ÑAnders als an der Börse ist es gut, wenn sie nach unten zeigt.ì

Die gelbe Kurve stellt das so genannte Doppler-Signal dar, im Moment die einzige Information über die Bewegungen der Marssonde. Die verfügt neben der leistungsfähigen Richtantenne noch über eine weitere, die ein schwächeres Signal in alle Richtungen aussendet. Wie der Ton einer vorbei fahrenden Polizeisirene seine Höhe ändert, wird auch die Frequenz dieses Funksignals gestaucht oder gedehnt, je nach Bewegungsrichtung der Sonde. Wenn Mars Express in den Orbit eingeschwenkt ist, muss auf dem Monitor eine gerade Linie mit einem Knick erscheinen. Bis dahin sind es jetzt noch 35 Minuten.

Die Journalisten müssen die Kommandozentrale wieder verlassen und begeben sich zurück in den großen Konferenzraum. Hier wird ständig frischer Kaffee aufgebrüht und es gibt Kleinigkeiten zu essen, damit niemand schlapp macht. Eine große Leinwand zeigt immer wieder Live-Bilder aus dem Kontrollzentrum.

Es ist eine ungewöhnliche Umgebung, um Weihnachten zu verbringen. Von den Anwesenden hatte aber offenbar niemand Probleme, auf die häusliche Feier im Rahmen der Familie zu verzichten. ÑEs war ja genügend Zeit, sich darauf vorzubereitenì, sagt Lutz Richter vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. War die Ankunft am ersten Weihnachtstag denn von vornherein so geplant? ÑNeinì, sagt Richter, Ñdas ist eher Zufall. Der Start der Mars-Mission erfolgte etwas später als geplant, und zwar erst am 2. Juni, woraus sich aufgrund ballistischer Gesetze automatisch das Landedatum 25. Dezember ergab. Letztlich haben die Vorbereitung der Raumsonde in Russland und die Startfreigabe durch das Kontrollzentrum über den Landetag entschieden.ì

Richter hat das Bohrersystem an Bord des Landegeräts Beagle 2 entwickelt, das schon vor einigen Tagen, am 19. Dezember, von der Marssonde abgekoppelt wurde. Ungefähr zur gleichen Zeit, wenn Mars Express in den Orbit einschwenkt, soll Beagle 2, abgebremst durch Fallschirme und durch große Airbags gepolstert, auf der Oberfläche aufschlagen. Das könnte gerade in diesem Moment, während wir uns unterhalten, geschehen. Die Uhr steht auf 3:54.

Auf dem Monitor in der Kommandozentrale zeigt die gelbe Linie immer noch nach rechts unten, ist jetzt aber nicht mehr gebogen, sondern gerade. Das Einschwenken in den Orbit scheint weiterhin nach Plan zu verlaufen. Ob die Landung von Beagle 2 gelungen ist, werden wir dagegen frühestens in etwa vier Stunden erfahren. Gegen 6 Uhr wird die US-Sonde Odyssey, die seit zwei Jahren den Mars umkreist, die Landestelle überfliegen und versuchen, ein Signal von Beagle 2 aufzufangen. Die Daten werden dann von der NASA sofort weiter geleitet, müssen aber zunächst analysiert werden, bevor eine öffentliche Bekanntgabe erfolgen kann.

ÑDie Zusammenarbeit mit der NASA ist ganz hervorragend gewesenì, betont Missionsleiter Schmidt. Es gebe keinerlei Konkurrenz mit den Amerikanern, die im Januar selbst die Landungen von zwei Rovern auf der Marsoberfläche erwarten. ÑUnsere Kollegen in den USA haben uns ganz selbstverständlich und unkompliziert die Daten ihrer Sonden und Bodenstationen zur Verfügung gestellt. Dadurch haben wir bei Mars Express jetzt eine Bahnabweichung von lediglich sechs Kilometern.ì

Auf eine Entfernung von 157 Millionen Kilometern lediglich 6 Kilometer neben dem Ziel zu liegen, ist ungefähr so, als hätte Wilhelm Tell bei seinem berühmten Schuss mit der Armbrust in Genf gestanden, sein Sohn aber in Kopenhagen. Und Tell hätte mit dieser Präzision nicht nur einen Apfel, sondern auch eine Mandarine getroffen. Die Zuversicht, die Schmidt und seine Mitarbeiter an den Tag legen, kommt also nicht von ungefähr.

Und sie wird belohnt: Gegen 5 Uhr hat die gelbe Linie die Form eines spiegelverkehrten mathematischen Wurzelzeichens angenommen. Kurz darauf tritt McKay vor die anwesenden Gäste und verkündet: ÑEs gibt erste Anzeichen für ein erfolgreiches Einschwenken in den Orbit.ì Genauere Daten werde es erst um 9:40 geben, wenn die Hauptantenne wieder auf die Erde ausgerichtet sei. Aber auch das Doppler-Signal zeige bereits, dass dieser Teil der Mission gelungen sei.

Das ist alles andere als selbstverständlich, wie Walter Flury, Leiter der Missionsanalyse bei der europäischen Weltraumorganisation ESA, mit einem Überblick über frühere Marsmissionen erklärt. Von insgesamt 30 Versuchen seien nur 13 erfolgreich gewesen. Bei den Landungen ist die Quote noch schlechter: Neun Versuche hat es gegeben, aber nur drei Landegeräte blieben funktionstüchtig und übermittelten Daten.

Ob Beagle 2 der vierte erfolgreiche Landeversuch auf dem Mars wird, bleibt an diesem Morgen ungewiss. ÑWir haben bis jetzt noch kein Signal von Beagle 2ì, sagt David Southwood, Wissenschaftsdirektor bei der ESA, um 8 Uhr. ÑAber Mars Express ist im Orbit.ì

Die Anwesenden, einschließlich der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, empfinden das als Erfolg. Die Stimmung ist gelöst. Das Ausbleiben des Beagle-Signals kann vielerlei Gründe haben: leere Batterien, eine ungünstige Antennenposition oder eine durch die Temperatur veränderte Sendefrequenz. Es wird in den nächsten Tagen weitere Versuche der Kontaktaufnahme geben.

Vorerst gelten die Worte des Beagle-2-Missionsleiters Colin Pillinger, die aus Großbritannien übermittelt werden: ÑWir sind jetzt in der Nachspielzeit und haben noch keine gelbe Karte.ì