Keine kosmische Sehnsucht

Hans-Arthur Marsiske 26.09.2005

Die Ausstellung "Rückkehr ins All" in der Hamburger Kunsthalle betätigt sich als Abschreibungsprojekt für Utopien

"Erwarten Sie keine optimistischen Utopien", mahnte der Direktor der Hamburger Kunsthalle Uwe M. Schneede die Besucher der Ausstellungseröffnung. Es klang nicht wie eine Entschuldigung. Schneede sagte es ohne Bedauern. Er fand das offenbar gut.

Schon der Ausstellungsprospekt für Rückkehr ins All (1) hatte für gedämpfte Erwartungen gesorgt. Nach den "optimistischen Utopien der sechziger Jahre" erwiesen sich demnach die aktuellen Positionen der Künstler als "pragmatischer und zugleich historisch reflektierter als die ihrer Vorläufer". Der Weltraum diene als "Ort erinnerter Sehnsüchte, die nunmehr – nicht ohne Humor – analysiert werden" dürften. Sollte das wirklich alles sein? Gibt es wirklich keine Künstler mehr, die in Bezug auf den Kosmos auch ganz aktuelle Sehnsüchte formulieren?


Sylvie Fleury: "First spaceship on Venus", 1996. Bild: Sylvie Fleury

Doch, die gibt es natürlich. Sie passten den Kuratoren aber wohl nicht ins vorgefasste, antiutopistische Konzept. Wie sonst könnte eine Ausstellung, die die künstlerische Beschäftigung mit dem Weltraum zum Thema hat, Arthur Woods' Cosmic Dancer (2) ignorieren, die erste für die Schwerelosigkeit konzipierte Skulptur? Im Mai 1993 ist sie zur russischen Raumstation Mir transportiert worden. Videoaufnahmen davon werden regelmäßig im Hamburger Planetarium (3) gezeigt. Es wäre spannend gewesen, sie einmal in einem künstlerischen Umfeld zu sehen.

Aber wer Raumfahrt vor allem mit Kindheitserinnerungen an die Apollo-Mondlandungen und "Raumschiff Enterprise"-Abenteuer nach dem samstäglichen Baden verknüpft, wie Christoph Heinrich von der Hamburger Kunsthalle in seiner Eröffnungsrede, ist für einen umfassenden Blick aufs Thema nicht unbedingt optimal vorbereitet. Er kommt möglicherweise gar nicht auf die Idee, dass es Künstlervereinigungen wie die International Association of Astronomical Artists (4) geben könnte, und dass Organisationen wie Olats (5) (l'Observatoire Leonardo des Arts et des Techno-Sciences) schon seit Jahren Workshops (6) zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Weltraum veranstalten.

Vielleicht fand die Hamburger Kunsthalle, die diese Ausstellung in Kooperation mit dem Siemens Arts Program (7) organisiert hat, den Weltraum auch nicht wichtig genug, um ihm eine wirklich repräsentative Gesamtschau zu widmen. Natürlich ist ein selektiver Blick aufs Thema, der den Stand der künstlerischen Debatte und die große Zahl utopisch geprägter Arbeiten weitgehend ausblendet, völlig legitim. Aber dann wüsste man gerne mehr über die Kriterien der Selektion. Die Hälfte der ausgestellten Arbeiten ist extra für "Rückkehr ins All" angefertigt worden. Wie sind die Künstler angesprochen worden? Ist die Rückwärtsgewandtheit schon im Text der Ausschreibung enthalten?

In ihrer jetzigen Form spiegelt die Ausstellung mit ihrer Beliebigkeit im Wesentlichen die Ziellosigkeit wider, mit der in den letzten 30 Jahren Raumfahrt betrieben worden ist. Von der grundlegenden Neuorientierung, die insbesondere seit dem Absturz der Raumfähre "Columbia" am 1. Februar 2003 massiv im Gang ist, ist dagegen so gut wie nichts zu spüren. Es gibt Ausnahmen: Claudia Reiche und Helene von Oldenburg unterstreichen mit ihrer virtuellen Ausstellungsfläche Mars-Patent (8) für Kunstwerke auf dem Mars das kulturelle Defizit gegenwärtig betriebener Raumfahrt und das Fehlen einer feministischen Perspektive. Sylvie Fleury hat einen Raum gestaltet, in dem eine silbern glänzende Rakete, baumartige Skulpturen mit augenförmigen Knospen und der Neon-Schriftzug "High Heels on the Moon" die lustvolle Komponente des Weltraums einfordern.

Ansonsten gäbe es aber zum Thema mehr zu sagen, als den hölzernen Nachbau eines Planetariumsprojektors, großformatige Abzüge von Bildern der Europäischen Südsternwarte (9) oder stimmungsvolle Videoaufnahmen vom Start einer Sojus-Mission in Baikonur. Entgegen der Wahrnehmung von Christoph Heinrich ist das Zeitalter der Raumfahrt mit den Apollo-Mondlandungen nicht zum Abschluss gekommen. Im Gegenteil, es könnte jetzt erst richtig losgehen. In Europa, China, Indien, Russland und Amerika werden die Szenarien für eine Rückkehr zum Mond immer konkreter. Damit stehen grundlegende Fragen zur Debatte, zu denen man sich in Hamburg wegweisende Beiträge gewünscht hätte.


Kosmonaut Alexander Polischuk tanzt mit der Skulptur Cosmic Dancer in der Raumstation Mir. Bild Arthur Woods

Eine Woche vor Eröffnung der Ausstellung präsentierte die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt ( DGLR (10)) in Bremen Pläne für europäische Missionen zum Mond. "Wir müssen im Weltraum den Markt einführen", forderte dort Klaus Heiss von der US-amerikanischen "High Frontier Inc.". Den von den Vereinten Nationen 1966 verabschiedeten Outer Space Treaty (11), der jegliche Besitzansprüche außerhalb der Erde ausschließt, bezeichnete er ausdrücklich als Hindernis bei der weiteren Erschließung des Weltraums. Lieber heute als morgen würde er ihn abschaffen – wie viele andere Hardcore-Kapitalisten in den USA.

Der Astronaut Ernst Messerschmid betonte dagegen die Notwendigkeit, neue Modelle der Zusammenarbeit zu finden. "Wir werden nur erfolgreich sein, wenn wir voneinander abhängen", sagte er. Das Modell der Internationalen Raumstation ISS dürfte nicht auf Mondmissionen übertragen werden. Ohne die USA ausdrücklich zu erwähnen, beschrieb er den Fehler dieses Modells folgendermaßen: "Bei der ISS gibt es einen starken Partner, dem zwei Drittel gehören und der versucht, alles zu kontrollieren."

Raumfahrt führt nicht nur räumlich zu neuen Welten. Sie kann vor allem kulturell und gesellschaftlich völlig neue Dimensionen erschließen. Die ersten Menschen, die auf dem Mars landen, werden gewiss kein Geld und keine Waffen dabei haben. Wird es sich irgendwann als notwendig erweisen, sie einzuführen? Oder finden wir dort oben bessere Wege, das soziale Miteinander zu gestalten? Warum überhaupt sollten wir zum Mars fliegen, wenn nicht, um es dort besser zu machen als hier?

Dass die Anti-Utopisten in der Politik seit langem das Sagen haben, ist schlimm genug. Aber wenn Visionen einer besseren Zukunft jetzt sogar Künstlern und Kunstmanagern peinlich sind, dann ist das alarmierend. Gibt es eine bessere Projektionsfläche für Utopien als den unendlichen, unermesslichen Weltraum?

Es ist gut, dass es die Ausstellung "Rückkehr ins All" gibt. Allein durch ihre Existenz trägt sie dazu bei, Raumfahrt als ein kulturelles Projekt zu begreifen. Die Position, die sie selbst zum Thema einnimmt, ist aber von weitgehender Beliebigkeit und wenig inspirierend. Da wurde eine schöne Gelegenheit, eine wichtige Debatte voranzutreiben, verpasst.

Links

(1) http://www.hamburger-kunsthalle.de/archiv/seiten/all.html
(2) http://www.cosmicdancer.com/
(3) http://www.planetarium-hamburg.de/
(4) http://iaaa.org/index.html
(5) http://www.olats.org/
(6) http://www.olats.org/space/13avril/2005-2/mono_index.php
(7) http://interhost.siemens.de/artsprogram/
(8) http://www.mars-patent.org/
(9) http://twww.eso.org/
(10) http://www.dglr.de/
(11) http://www.oosa.unvienna.org/SpaceLaw/outerspt.html

Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21009/1.html


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