Das Auto, das Gefahren ausweicht

Verkehr: Intelligente Systeme. Unfälle vermeiden und Staus umfahren: Heute diskutieren Experten auf einem Workshop der TU Harburg über neue Technologien.

Von Hans-Arthur Marsiske

Als im vergangenen September ein VW Touareg die "Grand Challenge"-Wüstenrallye für autonome, fahrerlose Fahrzeuge gewann, war die TU Harburg ein wenig an diesem Erfolg beteiligt. Am TU-Institut für Nachrichtentechnik erwarb Christian Koelen das nötige Wissen im Umgang mit Radarsensoren, die es dem Auto ermöglichten, Kurs zu halten, Hindernissen auszuweichen und die gut 200 Kilometer lange Strecke schneller zu bewältigen als die Konkurrenz. Heute berichtet Koelen, der inzwischen bei der Volkswagen AG arbeitet, von seinen Erfahrungen bei diesem aufsehenerregenden Wettbewerb. Er ist einer von 40 Referenten auf dem dritten "International Workshop on Intelligent Transportation", der heute und morgen im Hotel Hafen Hamburg über Themen wie "automatische Fußgängererkennung", "Pre-Crash-Systeme" oder "selbstorganisierende Datenfunknetze für Verkehrsinformationen" diskutiert.

Ins Leben gerufen hat den Workshop Koelens Doktorvater Hermann Rohling. Dessen Anliegen ist es, verschiedene Forschergemeinschaften zusammenzubringen. "Die Sensorexperten treffen sich üblicherweise untereinander, ebenso die Kommunikationsfachleute", sagt Rohling. "Spannend ist aber gerade die Verknüpfung beider Technologien."

Rohling arbeitet zum Beispiel an einem System, bei dem Autos ständig Daten zur Verkehrslage erheben und an andere Verkehrsteilnehmer übermitteln. "Konventionelle Verkehrsinformationssysteme erheben die Daten mit Sensoren, etwa Kameras am Straßenrand, und übermitteln sie an eine Zentrale, wo sie zunächst aufbereitet werden müssen", sagt Rohling. "Bis diese Informationen die Nutzer erreichen, kann bis zu einer halben Stunde vergehen." In dieser Zeit können sich viele Staus schon aufgelöst, andere neu gebildet haben.

Bei dem von Rohling propagierten System Sotis (Self-Organizing Traffic Information System) sind dagegen die Fahrzeuge selbst zugleich Sensoren und Sender. Mit Satellitennavigation ermitteln sie ständig Position und Geschwindigkeit und senden diese Daten. Wer mit dem System ausgestattet ist und sich in einer Entfernung von 500 bis 1000 Metern befindet, kann die Daten empfangen, mit den eigenen und denen weiterer Teilnehmer aufbereiten und weiter versenden.

"So läßt sich ein großräumiges Bild der Verkehrslage nahezu in Echtzeit erstellen, bereits wenn nur zwei Prozent aller Autos mit dem System ausgestattet sind", sagt Rohling. In der Schiffahrt sind solche Verfahren im Einsatz, arbeiten dort aber auf Grund der größeren Distanzen mit anderen Frequenzen.

Eine auf diese Weise verbesserte Übersicht über die Verkehrslage könnte Unfallzahlen senken. Wenn der Zusammenstoß aber unvermeidlich ist, sollen die Fahrzeuge in der Lage sein, die Unfallfolgen gering zu halten. In allen Automobilfirmen wird intensiv an Systemen gearbeitet, die die Unvermeidbarkeit eines Zusammenpralls frühzeitig erkennen und Gegenmaßnahmen einleiten. Ein Autorenteam von VW und Smart Microwave Sensors stellt auf dem Workshop ein Verfahren vor, das Fahrzeug kurz vor einem seitlichen Zusammenstoß schnell anzuheben.

Dan Oprisan, aus Rumänien stammender Doktorand an Rohlings Institut, arbeitet an Verfahren, die der Schreckensvision eines Autofahrers die Brisanz nehmen sollen: Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit, plötzlich ist ein Kind auf der Straße. Zu spät, um zu reagieren. Oprisans Vision: In dem Moment, wenn der Fahrer starr vor Schreck ist, hat das Auto selbsttätig die Bremsen aktiviert. Radarsensoren an der Stoßstange haben die reflektierten Signale empfangen und in Millisekunden als Fußgänger interpretiert. Kurz vor dem Kind kommt das Fahrzeug zum Stehen.

Wenn Oprisan in der Tiefgarage der TU den VW Passat präsentiert, auf dem er und Kommilitonen die Sensoren und Rechenverfahren testen, ist ihm die Begeisterung für die Arbeit anzumerken. Manchmal fahren die Forscher mit dem Testauto auf freie Plätze, wo sie künstliche, genormte Hindernisse für die Sensoren aufbauen. Manchmal sammeln sie Daten im Straßenverkehr. Bei den automatisierten Reaktionen des Fahrzeugs beschränken sie sich vorläufig auf Bremsen und Gasgeben. Später sollen Lenkbewegungen hinzukommen - selbsttätig auszuweichen.

Fahrzeuge, die Unfälle mildern oder vermeiden und den schnellsten Weg durchs Verkehrsgewühl finden - Technologien der Robotik und Künstlichen Intelligenz sollen das ermöglichen. Ob unsere Autos eines Tages wohl so intelligent werden, daß wir sie alleine zum Bierholen schicken können? Wer weiß, wenn sie intelligent wären, würden sie vielleicht sagen: "Du hast genug. Leg dich lieber schlafen."

erschienen am 14. März 2006