Rechner-Absturz Raumstation stand kurz vor der Evakuierung

Alarm im All - alle Computer ausgefallen

Schwerste Panne seit Bestehen der ISS: Deutsche Software war plötzlich ohne Funktion. Heute Notoperation an der "Atlantis".

Von Hans-Arthur Marsiske, Norman Raap

Blick in das „Destiny“-Labor der ISS: Die Astronauten Jim Reilly (53), Steven Swanson (46) und Sunita L. Williams (41, v. l.) am Tag vor der Computerpanne.

Blick in das „Destiny“-Labor der ISS: Die Astronauten Jim Reilly (53), Steven Swanson (46) und Sunita L. Williams (41, v. l.) am Tag vor der Computerpanne. Foto: NASA

Hamburg/Houston -

Drama im Weltall. Für mehrere Stunden sah es gestern so aus, als wenn die Internationale Raumstation ISS vorübergehend evakuiert werden müsste. Der Grund: Zum ersten Mal seit Bestehen der ISS fielen alle drei lebensnotwendigen Bordcomputer gleichzeitig aus. Die Software war eine deutsche Entwicklung.

Das Problem trat plötzlich auf, als gerade ein neues Solarsegel zur Stromgewinnung in Betrieb genommen wurde. Im Notfall hätte die dreiköpfige Crew mit dem Rettungs-Raumschiff der ISS, einer Sojus-Kapsel, die Station verlassen müssen .

Der Nasa-Direktor des ISS-Programms, Mike Suffredini: "Das wäre aber der schlimmste Fall, der eintreten könnte." Die sieben "Atlantis"-Astronauten hätten ebenfalls abdocken müssen und mit ihrer - derzeit noch "löchrigen" - US-Raumfähre vorzeitig zur Erde zurückkehren müssen.

Die Computer im russischen Modul "Zvezda" (Swesda), das im Juli 2000 an die ISS andockte, sind das Kontrollzentrum der Raumstation. Die drei Rechnersysteme überwachen von dort aus die Lageregelung der Station, das präzise Einhalten der Umlaufbahn und die Ausrichtung der Solarzellen und Kommunikationsanlagen sowie die Sauerstoff- und Wasserversorgung an Bord. Drei weitere Computer kontrollieren Subsysteme, etwa zur Steuerung des Roboterarms oder des Andockens von Versorgungsfahrzeugen.

Die Systeme arbeiten "redundant", das heißt, dass jeweils ein Rechner allein den Betrieb aufrechterhalten kann. Entwickelt wurde das Data Management System Russia (DMS-R) von EADS Astrium in Bremen im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation Esa.

Es war die erste deutsche Komponente der ISS, die ins All gebracht wurde. In Zusammenarbeit mit dem Bremer Institut für Sichere Systeme (BISS) wurde das DMS-R vor dem Start in einem vierwöchigen Dauerbetrieb mit den unterschiedlichsten Fehlfunktionen konfrontiert und Überlastungen ausgesetzt, die weit über die Grenzwerte im All hinausgingen. Es galt als extrem zuverlässig und arbeitete bisher nahezu einwandfrei.

Der Esa-Entwicklungschef Alan Thirkettle vermutet hinter dem Totalausfall denn auch eine äußere Ursache, wie etwa einen Stromausfall. Auch die Bremer Konstrukteure des "ISS-Gehirns", wie das DMS-R gelegentlich genannt wird, glauben nicht, dass sie etwas falsch gemacht haben. "Die Amerikaner scheinen bei der Installation der neuen Solarzellen furchtbaren Mist gemacht zu haben, sodass in der gesamten Station der Strom ausgefallen ist", sagte ein Mitarbeiter dem Abendblatt. Am Abend liefen die Computer teilweise wieder. Trotzdem wies die Nasa die "Atlantis"-Crew an, Strom zu sparen. Heute soll in einer Notoperation das Loch im Hitzeschild der Raumfähre geklammert werden, bevor der Spaceshuttle nach 13 Tagen im All zur Erde zurückkehrt - zwei Tage später als geplant.

erschienen am 15. Juni 2007