Aus aller Welt
Wann bekommen Roboter Gefühle?
I, Robot: In dem heute auch in Hamburg anlaufenden Kinofilm bleiben technisch viele Fragen offen. Dennoch zählen die dort zu sehenden Roboter zu den besten, die Hollywood bislang zu Stande gebracht hat.

Von Hans-Arthur Marsiske
 

1000 Roboter des neuen Modells NS-5 warten in der Fabrikhalle auf ihre Auslieferung. Will Smith vermutet unter ihnen einen Mörder. Foto: ap Hamburg - Kann ein Roboter einen Mord begehen? Eigentlich nicht, wenn es nach den von dem Science-Fiction-Schriftsteller Isaac Asimow formulierten Robotergesetzen geht. Aber wenn es so einfach wäre, hätte Asimow kaum genügend Stoff für seine Kurzgeschichten gehabt, die 1950 unter dem Titel "I, Robot" erstmals in Buchform zusammengefasst erschienen sind und jetzt den gleichnamigen Film inspiriert haben.
In "I, Robot" jagt Will Smith als roboterfeindlicher Polizist einen Mörder. Er glaubt nicht an den Selbstmord des aus dem Fenster gestürzten Roboterschöpfers, sondern verdächtigt den Roboter Sonny. Eine actiongeladene Jagd beginnt . . .
Angefangen mit der künstlichen Maria in Fritz Langs "Metropolis" sind im Film immer wieder mehr oder weniger gelungene Roboter aufgetreten. Aber selten hat ein Film die Robotik selbst in den Mittelpunkt gestellt und war dabei so sehr wie der heute in den Kinos startende Hollywood-Film "I, Robot" darum bemüht, eine Zukunftswelt zu zeigen, in der Roboter das Alltagsleben prägen.
Bereits heute gibt es Roboter, die staubsaugen, bügeln, Rasen mähen, Fußball spielen oder einfach als Spielzeug dienen. Unsere Frühstücksbrötchen werden vielfach von Backrobotern gefertigt, auf dem Mars suchen Roboter nach Wasser und Leben, und in den Fabrikhallen montieren sie längst Autos und füllen Getränke ab.
Die Roboter drängen raus aus den Fabriken in die Straßen und Wohnungen. Sie werden mobiler und intelligenter. Da ist es nicht überraschend, wenn der Filmverleih Twentieth Century Fox bei der Öffentlichkeitsarbeit neue Wege geht und Robotikexperten in die Vorführungen einlädt. Die sind beeindruckt von der Gestaltung und Beweglichkeit der Roboter, die ihren eigenen Visionen nahe kommen. Doch es gibt auch Kritik: Hans-Dieter Burkhard, Professor für Künstliche Intelligenz an der Berliner Humboldt-Universität und Vizepräsident der International RoboCup Federation, vermisst die philosophische Tiefe. "Die Fragen nach dem freien Willen, nach dem Wesen von Intelligenz, der Bedeutung von Emotionen oder Träumen - all das, was wirklich spannend gewesen wäre, wird nur kurz angetippt", sagt er. Auch technisch können ihn die Filmroboter nicht wirklich überzeugen: "Es gibt zu wenig Vielfalt beim Erscheinungsbild der Roboter. Die Idee eines Zentralcomputers, der alles kontrolliert, wirkt ebenfalls ziemlich antiquiert. Abgesehen davon, dass dieser Supercomputer bei seinem Superkontrollsystem natürlich wieder einmal den Zugang durch den Keller vergisst."
Die Gleichförmigkeit der Roboter empfindet auch Raul Rojas, Professor für Informatik an der Freien Universität Berlin, als größten Schwachpunkt des Films. "Es gibt praktisch nur humanoide Roboter, aber so gut wie keinen, der für eine spezifische Aufgabe konstruiert wäre", sagt er. "Dabei werden wir gewiss keine humanoiden Roboter bauen, damit sie Mülltonnen leeren. Die Müllwagen selbst mit Greifarmen auszustatten ist viel effektiver."
Patrick Tatopoulos, der als Produktionsdesigner auch für die Gestaltung der Roboter verantwortlich war, kennt diese Einwände. "Ich stimme damit völlig überein", sagt er. "Roboter werden wahrscheinlich viel stärker ihren jeweiligen spezifischen Aufgaben angepasst sein. Es wird aber auch immer die Faszination geben, künstliches Leben zu schaffen. Zumindest ein kleiner Teil der Wissenschaftler wird damit experimentieren und versuchen, menschenähnliche Kreaturen zu schaffen."
Ob diese wissenschaftliche Neugier ausreicht, um bis zum Jahr 2035 die Straßen mit so vielen humanoiden Robotern zu füllen wie im Film, bezweifelt auch Tatopoulos. "Aber wenn wir in den Straßenszenen nur ein oder zwei Roboter zeigen würden, wären die Zuschauer enttäuscht", gibt er zu bedenken. "Man muss mit dem Design viele Ansprüche befriedigen, die des Drehbuchs, des Studios, der Zuschauer und hoffentlich auch die der Wissenschaftler."
Aus technischer Sicht fällt an den Filmrobotern als Erstes auf, dass ihre Gliedmaßen nicht durch Motoren, Seilzüge und Getriebe bewegt werden, sondern mit Hilfe künstlicher Muskeln. Damit repräsentieren sie einen wichtigen Zukunftstrend in der Robotik. "Diese Muskeln sehen genauso aus wie die, mit denen wir in unserem Institut gearbeitet haben", sagt Prof. Rojas von der Freien Universität Berlin begeistert. Heute werden solche Muskeln noch pneumatisch betrieben: Ein Schlauch wird mit geölter Druckluft gefüllt, wodurch er sich zusammenzieht und dabei eine enorme Kraft entwickelt. Robotermuskeln, die direkt durch elektrische Impulse gesteuert werden, sind dagegen noch Zukunftsmusik. Den Entwicklungstrend hat Tatopoulos aber richtig erkannt.
Das gilt ebenso für die weiche Hautoberfläche der Roboter aus Silikon wie auch für das Endoskelett aus Titan. Ein solches inneres Skelett hält Thomas Christaller, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Autonome Intelligente Systeme, für erforderlich, um humanoiden Robotern eine größere Beweglichkeit zu verleihen. Die heutigen Roboter, die durch ihre äußere Hülle zusammengehalten werden, seien eigentlich "Käferkonstruktionen".
Von der Schnelligkeit und Wendigkeit, die die mechanischen Zweibeiner in "I, Robot" an den Tag legen, können heutige Roboterkonstrukteure indessen nur träumen. Die meisten humanoiden Roboter haben noch Probleme, überhaupt einen Fuß vor den anderen zu setzen und dabei das Gleichgewicht zu halten. Die geschmeidigen Bewegungen auf der Leinwand wurden denn auch ganz ohne Roboter realisiert. Vielmehr wurden die Bewegungsabläufe menschlicher Schauspieler mit Hilfe so genannter Motion-Capture-Anzüge und Videokameras aufgezeichnet und durch Computergrafiker auf die dreidimensional im Rechner modellierten Roboter übertragen.
Eine entscheidende technische Frage blendet der Film allerdings komplett aus: nämlich die der Energieversorgung. Aus welcher Art von Batterie die Roboter ihre enorme Kraft und Ausdauer beziehen, wird ebenso wenig thematisiert wie die Frage, wo sie in ihren schlanken Körpern Platz finden könnte. "Ich bin zwar kein Experte auf diesem Gebiet", räumt Tatopoulos freimütig ein, "aber ich kann mir derzeit nur schwer vorstellen, dass es in 30 Jahren Batterien geben wird, die wie in ,I, Robot' Roboter über lange Zeit mit Energie versorgen können. Für den Film durften wir uns davon jedoch nicht irritieren lassen. Schließlich geht es in der Geschichte nicht um Energie, sondern um Charaktere."
Und es geht um Roboter, die verkauft werden sollen. Sie müssen daher so aussehen und sich so verhalten, dass die Menschen sie gerne als Gefährten haben möchten. Um sie in dieser Hinsicht glaubwürdig zu gestalten, hat Tatopoulos auf das Design heutiger Macintosh-Computer zurückgegriffen.
"Ich stand eines Tages vor dem Schreibtisch eines Mitarbeiters", erzählt er, "sah einen transparenten Macintosh-Computer und dachte: Das ist es. Vergleichen Sie das mit den Computern, die es vor 30 Jahren gab. Dann nehmen Sie den Roboter Asimo von Honda, gegenwärtig eins der am weitesten entwickelten Modelle, und stellen sich eine ähnliche Entwicklung vor." Die Zukunftsroboter, die dabei herauskamen, sieht er dabei weniger als eigenständige Hardware, sondern als Weiterentwicklung heutiger Computer, gewissermaßen Computer mit Armen und Beinen.
Es ist schon richtig, viele Fragen bleiben in "I, Robot" ungeklärt, und vieles wird nur angetippt. Gleichwohl zeigt der Film die überzeugendsten humanoiden Roboter, die bislang auf der Leinwand zu sehen waren. Und er tippt so viel an wie kaum ein anderer Film. Mit einem an die Bergpredigt erinnernden Bild wirft Regisseur Alex Proyas sogar die Frage auf, ob Roboter sich zur höchsten Stufe des menschlichen Bewusstseins aufschwingen können: dem Glauben. Isaac Asimow hätte das wahrscheinlich gefallen.

erschienen am 5. August 2004 in Aus aller Welt

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