Computer am Steuer

von Hans-Arthur Marsiske

Ein ungewöhnliches Rennen lieferten sich mehr als 20 Wagen in einer amerikanischen Wüste. Am Steuer saßen keine Fahrer, sondern Roboter. Der Sieger kam aus deutscher Produktion.

Stanley ist ein modifizierter Volkswagen Touareg
 Stanley ist ein modifizierter Volkswagen Touareg

Die Vorentscheidung fällt knapp 50 Kilometer vor dem Ziel. Sechs Stunden lang hat Stanley seinem Rivalen Highlander an der Stoßstange geklebt. Auf dem brettflachen Grund des ausgetrockneten Roach Lake ist jetzt Raum, um richtig Gas zu geben. Der modifizierte Volkswagen Touareg setzt sich selbst an die Spitze, Highlander verschwindet im Staub. Nur ein schwerer Fahrfehler könnte ihm jetzt noch den Sieg nehmen. Aber Stanley manövriert sich sicher in die Berge und an den 30 Meter tiefen Canyons vor dem Beer Bottle Pass vorbei. Am Ziel wird er von einer frenetisch jubelnden Menge begrüßt.

Dabei ist Stanley nur ein Roboterauto. In sieben Stunden und 28 Minuten hat er sich die kurz zuvor einprogrammierte Strecke durch die Mojave-Wüste im US-Bundesstaat Nevada entlang navigiert, mit einem Durchschnittstempo von 28 Kilometern pro Stunde. Dabei hat Stanley nicht nur einen Bergpass, sondern auch mehrere Tunnels, eine Kreuzung mit einer Landstraße und eine Eisenbahnunterführung sicher durchfahren. Gesteuert von Computern.

Nur drei Wagen kamen durch

Stanley war eines von drei Fahrzeugen, die das Rennen am vergangenen Wochenende erfolgreich absolviert hatten - die anderen 20 blieben in der Wüste stecken. Veranstalter des Grand Challenge Wettbewerbs ist eine Unterbehörde des Pentagons, die Darpa (Defense Advance Research Projects Agency). "Wir wollen auf diese Weise die Entwicklung der Technologie autonomer Fahrzeuge vorantreiben", sagt Darpa-Direktor Anthony Tether. Autonome, also fahrerlose Vehikel sollen eines Tages auch im Krieg eingesetzt werden. Tether ist Patriot: "Diese Technologie kann eines Tages helfen, die Leben von Amerikanern zu retten, die unser Land auf dem Schlachtfeld schützen." Die Darpa folgt einer Vorgabe des US-Kongresses: Bis zum Jahr 2015 soll ein Drittel aller Bodenfahrzeuge im Einsatz unbemannt herumfahren.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit, in der auch die Menschen noch viel lernen müssen - Vertrauen zu ihren Robotern zum Beispiel. Beim Rennen durch die Mojave-Wüste wurde jedes Roboterauto durch ein von Menschen gesteuertes Fahrzeug bewacht. Die Bewacher verfügten über einen so genannten Kill Button, um den Roboter per Funkbefehl jederzeit stilllegen zu können.

Vertrauen in die Technik

Sebastian Thrun, dessen Team mit Stanley jetzt die 2 Mio. $ Preisgeld gewonnen hat, denkt bei seiner Arbeit nicht an das Schlachtfeld, sondern lieber an die vielen Tausend Menschen, die Jahr für Jahr bei Unfällen im Straßenverkehr sterben. Sein Vertrauen in die automatische Lenktechnik ist groß. "Autonome Fahrzeuge können helfen, die Zahl der Verkehrsopfer zu reduzieren", sagt der aus Deutschland stammende Wissenschaftler, der das Labor für künstliche Intelligenz an der Stanford University in Kalifornien leitet.

Ob Schlachtfeld oder Autobahn: Die technische Herausforderung ist auf jeden Fall enorm. Beim ersten Grand Challenge-Rennen im März 2004 kam der beste Wagen gerade mal knapp zwölf Kilometer weit, bevor er im Graben landete. "Das größte Problem bestand darin, auf der Straße zu bleiben", sagt Thrun.

Das war bei dieser Auflage des Rennens wieder eine der Hauptschwierigkeiten, zumal der Kurs nur wenige Kilometer über asphaltierte Straßen führte. Die meisten Strecken waren Schotterpisten oder ausgetrocknete Salzseen. Dort, wo es eine Piste gab, mussten die Bordsysteme sie selbst erkennen.

Um das Rennen dieses Jahr nicht schon wieder im Graben enden zu lassen, hatte die Darpa allerdings bestimmte Schikanen ausgespart: Löcher oder Gräben, die noch aus 15 Metern Entfernung nur als wenige Zentimeter schmale Streifen erscheinen. Beim heutigen Stand der Technik sind solche negativen Hindernisse lebensgefährliche Fallen für autonome Fahrzeuge.

Stanley nutzt für die Erkundung der Straße in erster Linie Laserscanner. Deren Reichweite ist auf etwa 20 Meter begrenzt, deswegen werden sie durch Kameras unterstützt. Die Bildverarbeitungs-Software lernt mit Hilfe der Laserdaten, die Straße auch in größeren Entfernungen bis ungefähr 80 Meter einzuschätzen.

Als Frühwarnsystem nutzt Stanley schließlich einen sehr empfindlichen Radar. "Wir bremsen auch für Schmetterlinge", scherzt Thrun. Für den Einsatz im Krieg und im Straßenverkehr müsste man darauf wohl verzichten.


Selbst ist der Chip

Ein Drittel aller Militärfahrzeuge der USA sollen bis zum Jahr 2015 ohne Fahrer unterwegs sein.

Das Pentagon will mit dem Grand Challenge-Wettbewerb Anreize zum Entwickeln der nötigen Technik zu schaffen.

Von 23 Fahrzeugen erreichten aber nur drei das Ziel.

Aus der FTD vom 11.10.2005
© 2005 Financial Times Deutschland, © Illustration: AFP

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