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Galileo: Morgen startet Europa den ersten Satelliten für das neue Navigationssystem. Es soll besser sein als GPS. Das neue Ortungssystem soll alles und jeden jederzeit finden, zentimeter- genau. Es werde unser Leben revolutionieren, sagen Fachleute voraus.

Von Hans-Arthur Marsiske

Startvorbereitungen
(r.): Am zweiten
Weihnachtstag
wurde auf dem
Weltraumbahnhof
Baikonur (Kasachstan)
die russische
Sojus-Rakete
aufgerichtet,
die morgen früh
den ersten Galileo-
Satelliten ins
All befördern soll.

Startvorbereitungen (r.): Am zweiten Weihnachtstag wurde auf dem Weltraumbahnhof Baikonur (Kasachstan) die russische Sojus-Rakete aufgerichtet, die morgen früh den ersten Galileo- Satelliten ins All befördern soll. Foto: AFP

Hamburg -

Wenn es nach Georges Gallais geht, könnten schon in wenigen Jahren Elektroautos durch unsere Großstädte surren. Der Mitarbeiter eines französischen Forschungsinstituts will sie aber nicht an Einzelpersonen verkaufen, sondern der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Jeder registrierte Teilnehmer soll den Standort des nächsten verfügbaren Fahrzeugs über Computer oder Mobiltelefon abfragen können. Nach beendeter Fahrt läßt er den Wagen einfach stehen. Der nächste Nutzer findet ihn auf die gleiche Weise.

Gallais' Idee überzeugte die Jury des diesjährigen "Galileo Masters"-Wettbewerbs, mit dem nach neuen Geschäftsideen für Satellitennavigation gesucht wird. Denn damit das Car-Sharing-System wirklich funktioniert, ist eine sehr präzise Lokalisierung der Fahrzeuge erforderlich. Die soll von 2011 an das neue europäische Satellitennavigationssystem "Galileo" gewährleisten, dessen Aufbau jetzt beginnt. Morgen früh um 6.19 Uhr (MEZ) soll vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan der erste Testsatellit namens Giove A (Galileo In-Orbit Validation Element A) ins All geschossen werden.

Hauptaufgaben von Giove A und seinem voraussichtlich im Frühjahr nachfolgenden Pendant Giove B sind die Sicherung der nur bis Juni 2006 reservierten Sendefrequenzen und der Text extrem genauer Atomuhren unter Weltraumbedingungen, das heißt unter erhöhter Strahlung. In spätestens fünf Jahren soll das gesamte, aus 30 Satelliten bestehende System komplett sein und seinen Betrieb aufnehmen können.

Dann könnten Diensteanbieter wie Gallais mit ihren Ideen endlich Geld verdienen. Und die Palette der Anwendungsmöglichkeiten scheint unbegrenzt, wenn man den Prognosen der europäischen Weltraumagentur Esa und der EU-Kommission glauben darf. Nach deren Überzeugung bedeutet Galileo nicht nur eine Antwort des alten Europa auf die Amerikaner und den Beginn einer neuen Ära in der Raumfahrt, sondern auch einen "technologischen Quantensprung", von dem eine gesellschaftliche Revolution zu erwarten sei, ähnlich der, die das Handy ausgelöst habe.

Galileo soll Autofahrern nicht nur den rechten Weg weisen, sondern sie notfalls auch aus Staus heraus zum Ziel führen. Flugzeuge, die von der festgelegten Reiseroute abgekommen sind, kann es automatisch und unbeeinflußbar wieder auf den richtigen Kurs bringen. Es soll die genaue Lokalisierung von Fracht ermöglichen, in welchem Verkehrsmittel - oder in welchem Hehler-Lager - sie sich auch immer gerade befindet. Und es soll Blinden helfen, sich in fremder Umgebung zurechtzufinden. Alles zu jeder Zeit, an jedem Ort und: zentimetergenau.

Sportseglern und Sportfliegern soll es die Navigation erheblich erleichtern, Forschern und Wanderern dient es als Orientierungshilfe in entlegenen Gebieten. Rettungsdienste können noch schneller zu ihrem Einsatzort gelangen, Landwirte sparsamer düngen und präziser ihre Erträge überwachen. Weitab jeder menschlichen Ansiedlung können mit Hilfe von Galileo nicht nur Fischvorkommen lokalisiert, sondern auch mögliche Verletzer von Fangverboten aufgespürt werden. Galileo rekonstruiert die Route von Schiffen, die irgendwo im Ozean Öl abgelassen haben. Ebenso kann Galileo die Sicherheit von Kindern auf dem Schulweg erhöhen, verschollene Sahara-Touristen aufspüren und sogar die Ursache von Stromausfällen im Leitungsnetz lokalisieren.

Die bessere Steuerung des Straßenverkehrs soll Milliarden-Einbußen reduzieren, die beispielsweise durch Unfälle und andere Behinderungen entstehen. Und die Bahn kann die Frequenz ihrer Züge erhöhen, weil die Ortungsgeräte eine Verkürzung der Sicherheitsabstände erlauben.

Es soll handliche Geräte geben, die Signale sowohl von dem amerikanischen System GPS als auch von Galileo empfangen. Das ermöglicht nicht nur die zentimetergenaue Lokalisierung von Personen und Objekten, sondern auch die "Ausleuchtung" von Hochhausschluchten, in deren Schatten GPS bisher nicht eindringen konnte. Galileo, so kündigt die Esa an, soll mit Handys der dritten Generation und dem Internet "kommunizieren", so daß der Nutzer - wo immer er sich gerade befindet - Informationen über Restaurants (einschließlich Online-Speisekarte zur Vorbestellung), Theater, Hotels und das lokale Wetter abrufen kann.

Beim "Galileo-Masters"-Wettbewerb erreichte eine Anwendungsidee aus Göteborg einen der vorderen Plätze. "Guardian Angel" nennt sich das System. Zielgruppe ist die zunehmende Anzahl von Senioren in den westlichen Industrienationen. Hinter "Guardian Angel" verbirgt sich ein tragbares Gerät, das in kritischen Situationen automatisch einen Alarm sendet, die Kommunikation mit Hilfsorganisationen erlaubt sowie den momentanen Standort und digitale Bilder des "Guardian Angel"-Trägers und seiner Umgebung übermittelt. Das Gerät wird dabei entweder an einem Band um den Hals getragen oder an der Kleidung befestigt und kombiniert eine digitale Kamera mit einem Satellitennavigations-System und einem Handy. Das Gerät wird über einen sogenannten Panik-Knopf oder die Stimme aktiviert.

Ein anderer Vorschlag, der bei der Masters-Jury gut ankam, soll helfen, die Baumbestände sorgfältiger zu bewirtschaften und die Forstwirtschaft und Holzindustrie optimal zu unterstützen. Heute dauert der Weg eines Baums bis zur industriellen Verarbeitung rund 80 Tage, mit Hilfe von Galileo soll sich dieser Zeitraum um die Hälfte verkürzen. Herzstück des Systems ist ein chiploser Transponder, mit dem jeder zu fällende Baum versehen wird und der via Galileo die genaue Identifikation und Ortung des Baumes in jedem Punkt der Verarbeitungskette ermöglicht - vom Fällen über Transport und Zwischenlagerung bis in das Sägewerk und anschließend zur verarbeitenden Industrie.

Eigentlich sollte Galileo bereits 2008 einsatzbereit sein. Doch Streit zwischen den europäischen Regierungen um Finanzierung und Standorte des Milliarden-Projekts führten zu Verzögerungen. Auch Druck von seiten des US-Militärs spielte eine Rolle. Das Verteidigungsministerium (Pentagon) ist über die europäische Konkurrenz zum eigenen "Global Positioning System" (GPS) alles andere als erfreut. Vordergründig geht es um mögliche Überschneidungen bei den von Galileo und GPS genutzten Frequenzen. Faktisch gilt es aber, die eigene beherrschende Stellung bei der Satellitennavigation zu verteidigen.

Die Überlegenheit von Galileo gegenüber GPS liegt nämlich nicht nur in der Genauigkeit - GPS-Satelliten senden lediglich ein Positionssignal, die Galileo-Satelliten gleichzeitig zehn Signale -, sondern auch in dem Umstand, daß GPS vom US-Militär betrieben und jederzeit der zivilen Nutzung entzogen werden kann.

So beispielsweise während des Kosovo-Krieges: Da mußten die Kapitäne der Handelsschiffe in der Adria plötzlich wieder zum Sextanten greifen, um ihre Position auf hoher See zu bestimmen. Auch während des Irak-Krieges schaltete das Pentagon einige der bis dahin präzisen Ortsangaben "unscharf" - aus Sorge, der Feind könnte das System zur Steuerung seiner eigenen Raketen mißbrauchen.

Auf 220 Millionen Euro werden die jährlichen Betriebskosten von Galileo geschätzt, wenn das System erst einmal fertig eingerichtet ist. Ein Klacks angesichts der erwarteten Marktentwicklung. Industrievertreter erhoffen sich eine Steigerung des weltweiten Umsatzes für Satellitennavigations-Produkte von 15 Milliarden Euro im Jahr 2001 auf 140 Milliarden im Jahr 2015. Bis zu 150 000 Arbeitsplätze sollen im Zusammenhang mit Galileo entstehen.

Und manch einer wird dann vielleicht im Elektromobil zur Arbeit fahren, dessen Standort er zuvor per Mobiltelefon abgefragt hat.

erschienen am 27. Dezember 2005

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