[DIE WELT.de] [Image] Militärraketen transportieren Satelliten statt Sprengköpfen Bremer Firma rüstet ehemalige sowjetische SS-19-Interkontinentalraketen um - Sie befördern jetzt Umwelt- und Forschungsgeräte ins All von Hans-Arthur Marsiske Bremen -  Der aktivste Raketenstartplatz der Welt, von dem aus etwa ein Drittel aller bisherigen Starts überhaupt erfolgten, war lange auf keiner Landkarte verzeichnet. Denn der Standort Plesetsk, 800 Kilometer nördlich von Moskau, war gewählt worden, weil von dort aus auch das Gebiet der USA mit Flugbahnen über den Nordpol am schnellsten zu erreichen war. Auch heute starten dort noch Raketen, doch sie transportieren jetzt Satelliten ins All. Auf Grund der Abrüstungsverträge war Russland verpflichtet, Interkontinentalraketen zu vernichten. Bei der damaligen Bremer Firma "Dasa Raumfahrt-Infrastruktur" hielt man es jedoch für sinnvoller, die Raketen zumindest teilweise für zivile Zwecke zu nutzen, und bot dem Hersteller Khrunichev eine Partnerschaft an. Daraus ging das Joint Venture "Eurockot" mit Sitz in Bremen hervor, das die dreistufige Rockot-Rakete vermarktet. Dieser Satellitenträger nutzt die frühere zweistufige Interkontinentalrakete UR-100N (Nato-Bezeichnung: SS-19), die einst als das Rückgrat der sowjetischen nuklearen Abschreckung galt, ergänzt durch eine neu entwickelte Oberstufe. "Es ist ein sehr verlässlicher Träger mit insgesamt knapp 150 Starts", sagt York Viertel, Eurockot-Manager. "In den letzten 20 Jahren hat es bei über 80 Starts keinen Fehlstart gegeben." Bei Teststarts funktionierte die mit Flüssigtreibstoff arbeitende Rakete auch dann einwandfrei, wenn sie zuvor fast 20 Jahre im Container gestanden hatte. Man konnte jedoch nicht einfach die Sprengköpfe gegen Forschungssatelliten austauschen. "Ein nuklearer Sprengkopf ist sehr kompakt und stabil und lässt sich vergleichsweise einfach in eine solche Rakete integrieren", so Viertel. "Ein Satellit ist erheblich empfindlicher und stellt höhere Anforderungen an Reinheitsbedingungen und Temperaturkontrollen." Die Oberstufe musste daher weiterentwickelt werden. Außerdem wurden alle modernen Einrichtungen wie Kontrollsysteme für Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Partikelreduktion vor Ort installiert. "Auch für den Transport der Nutzlastverkleidung und der Oberstufe zum Startplatz gibt es jetzt hierzu ein mobiles Aggregat, mit dem all diese Werte ständig kontrolliert werden." Gegenwärtig existieren noch 150 UR-100N-Raketen, deren Lebensdauer bis mindestens 2012 reicht. Die Oberstufe "Breeze" wird für jede Mission jeweils neu gefertigt. Auf Grund der geografischen Lage ist der Startplatz in Plesetsk besonders gut geeignet für polare und sonnensynchrone Umlaufbahnen, bei denen der Satellit die Erde immer im gleichen Winkel zur Sonne umkreist und den Äquator stets zur gleichen Tageszeit kreuzt. Insbesondere für Erdbeobachtungsmissionen ist das interessant. So wird die europäische Raumfahrtagentur Esa Ende 2004 den Satelliten "Cryosat" zur Erkundung der irdischen Eismassen auf einer Rakete abheben lassen, deren ursprünglicher Zweck Zerstörung war. Und vor wenigen Tagen erhielt Eurockot von der Esa den Auftrag, "Goce", einen Satelliten zur Vermessung des Erdschwerefelds, ins All zu befördern. Auch wenn hinter der Abrüstung, die das ermöglicht hat, politisch-ökonomischer Pragmatismus stand, so zeigt die Entwicklung doch: Es geht, man kann Schwerter zu Pflugscharen machen. Artikel erschienen am 15. Dez 2003 Artikel drucken   © WELT.de 1995 - 2003