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URL: http://www.welt.de/welt_print/article1498574/Europas_Weg_ins_All.html
28. Dezember 2007, 04:00 Uhr
Von Hans-arthur Marsiske
Gastkommentar: Brauchen wir einen eigenen Raumgleiter?

Europas Weg ins All

Das neue Jahr beginnt, und "Columbus" ist immer noch am Boden. Ursprünglich sollte das europäische Weltraumlabor bereits am 6. Dezember mit der US-Raumfähre "Atlantis" zur "Internationalen Raumstation" (ISS) transportiert werden. Ein technischer Fehler zwang die amerikanische Weltraumbehörde Nasa jedoch, den Start zu verschieben. Ihre europäischen Partner ließ sie damit das Fehlen eines eigenen bemannten Transportsystems empfindlich spüren. Die europäische Trägerrakete Ariane 5, die wenige Tage vor Weihnachten zu ihrem sechsten erfolgreichen Flug in diesem Jahr aufbrach, mag vielen da wie ein rettender Engel erschienen sein - zumal die Europäische Weltraumorganisation (Esa) auf den im Februar bevorstehenden Jungfernflug des "Automated Transfer Vehicle" (ATV) auf einer Ariane hinweist. Der neue Raumtransporter "Jules Vernes" zur Versorgung der ISS ist neben "Columbus" der zweite große Beitrag Europas zum internationalen Forschungskomplex im Erdorbit.
Mit dem ATV startet vom europäischen Weltraumhafen in Kourou erstmals ein für den bemannten Betrieb ausgelegtes Raumfahrzeug. "Obwohl ,Jules Verne' unbemannt fliegt", sagt der stellvertretende Projektmanager Patrice Amadieu, "erfüllt es alle Sicherheitsanforderungen für den bemannten Betrieb." Die Botschaft der Esa ist klar: Wir können ein eigenes bemanntes System entwickeln, und wir wollen es auch.
Die Entscheidung für oder gegen ein eigenes Raumschiff ist von grundlegender Bedeutung für die Gestaltung des Aufbruchs der Menschheit ins All. Bislang verfügen mit Russland, den USA und China drei Nationen über eigene Transportsysteme, mit denen sie Astronauten in den erdnahen Orbit befördern können. An neuen Systemen für Missionen zu ferneren Zielen wie Mond oder Mars wird gearbeitet. Es könnte einen erneuten Wettlauf ins All geben. Doch die Option, die Erkundung und Besiedlung des Sonnensystems als kooperatives, nachhaltiges Menschheitsprojekt durchzuführen, besteht weiterhin.
Mit der Entscheidung für ein eigenes bemanntes Transportsystem würde Europa zwar Unabhängigkeit signalisieren und zeigen, dass es eine technologische Führungsrolle anstrebt. Der Verzicht auf ein eigenes Raumschiff könnte aber ein viel stärkeres Signal in die Welt senden. Mit dem bewussten Akzeptieren wechselseitiger Abhängigkeiten könnten wir ein Zeichen setzen, dass wir es ernst meinen mit internationaler Kooperation und Arbeitsteilung. Das würde uns möglicherweise nicht für eine technologische Führungsrolle qualifizieren, wohl aber für die viel wichtigere Funktion des geistigen Führers.
Der Autor schreibt über Raumfahrt, künstliche Intelligenz und Robotik
 
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