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c't 16/2008, S. 45: Elrob
Dr. Hans-Arthur Marsiske
Mehr Autonomie gesucht
Bei der militärischen Elrob scheiterten viele Teilnehmer an den realistischen Aufgaben
Universitäten hatten klar die Nase vorn bei der Leistungsschau für
Militärroboter Elrob Anfang Juli in Hammelburg. Die Industrieteams
schienen dagegen überwiegend auf dem Stand von vor zwei Jahren
stehengeblieben zu sein.
Hervorgegangen aus einem Nato-Workshop zu kurzfristig
realisierbaren Militärrobotern im September 2004, zeigen beim European
Land-robot Trial – kurz: „die Elrob“ – seit 2006 jährlich wechselnd
militärische und zivile Roboter ihre Fähigkeiten im Gelände. Gegenüber
der ersten militärischen Elrob vor zwei Jahren hatte sich in diesem
Jahr die Zielsetzung geändert. „Beim ersten Mal ging es zunächst um
eine Marktsichtung“, sagte der stellvertretende Inspekteur des Heeres,
Generalleutnant Günter Weiler, bei einer Pressekonferenz zur Eröffnung.
„Wir wollten wissen, was es gibt und was möglich ist. Diesmal wollen
wir zielgerichteter vorgehen und haben daher im Vorfeld unseren Bedarf
formuliert und an die Firmen weitergegeben.“ Als Schwerpunkte der
diesjährigen Leistungsschau nannte Weiler „Aufklärung, Sicherung,
Transport und Kampfmittelabwehr“.
Die Latte der Anforderungen lag gegenüber 2006 deutlich höher.
Insbesondere war von vornherein immer wieder betont worden, dass die
verschiedenen Aufgaben ohne zumindest teilautonome Fähigkeiten der
Roboter kaum befriedigend gelöst werden könnten. Dem wissenschaftlichen
Leiter der Elrob Frank E. Schneider von der Forschungsgesellschaft für
Angewandte Naturwissenschaften (FGAN) zufolge war dieser Druck in
Richtung Autonomie auch ein erklärter Wunsch der teilnehmenden Teams.
Dabei blieb die Elrob ihrer Leitlinie treu, realistische
Einsatzszenarien in natürlicher Umgebung zu formulieren. Wie bei einem
echten Einsatz ging es in erster Linie darum, eine Mission zu erfüllen.
Ob die Roboter dafür ferngesteuert wurden oder autonom agierten, war
zunächst einmal egal. Allerdings war es fraglich, inwieweit auf dem
hügeligen und teilweise bewaldeten Übungsgelände der Infanterieschule
Hammelburg die für die Fernsteuerung erforderliche stabile
Funkverbindung gewährleistet werden konnte.
Aufklärungsmissionen und Transporte
Angesichts dieser seit langem bekannten Vorgaben war es erstaunlich,
dass von den 25 teilnehmenden Teams nur die Universitäten
Kaiserslautern und Freiburg komplett autonome Roboter ins Rennen
schickten. „Ravon“ aus Kaiserslautern trat gleich am ersten Tag beim
Aufklärungsparcours an. Er fuhr zwar langsam und teilweise in
Schlangenlinien, erreichte aber sowohl am Tag als auch bei Nacht das
Zielgelände. Das gelang sonst nur dem ferngesteuerten Panzer „Wiesel 2
digital“ der Firma Rheinmetall sowie der fliegenden Aufklärungsdrohne
„AirRobot“.
Beim Aufklärungsparcours ging es darum, ein auf der Landkarte durch
einen Kreis markiertes Gelände zu erkunden, von besonders markierten
Objekten Fotos zu machen, ihre Position zu bestimmen und die Daten an
die Kontrollstation zu übermitteln. Die Teams konnten wählen, ob sie
die Mission aus einer Entfernung von 500, 1000 oder 3000 Metern
durchführen wollten. Die Startposition war unbekannt und musste
zunächst selbst ermittelt werden. Dank GPS war das in der Regel kein
Problem. Das Zeitlimit betrug inklusive Setup 45 Minuten.
Auch das Team der Universität Hannover machte bei diesem Szenario
eine sehr gute Figur. Am Tag erreichte deren Fahrzeug „RTS-Hanna“ aus
1000 Metern Entfernung sicher das Zielgelände, fand jedoch das
Eingangstor nicht. Dennoch gelang es, von außen durch den
Maschendrahtzaun eins der markierten Objekte zu fotografieren. Das
hätten die Hannoveraner sicherlich auch bei Nacht geschafft, hätten sie
sich nicht entschieden, diesmal die 3000-Meter-Distanz zu wagen. Der
teilautonom fahrende Roboter schaffte immerhin 2500 Meter. „An diesem
Punkt ging der Funkkontakt verloren, sodass das Fahrzeug selbstständig
wieder zurückfuhr, um den Kontakt wiederherzustellen“, sagt Teamchef
Bernardo Wagner. „Aus diesem Grund wurden nur 2000 Meter gewertet.“
Für die Fernsteuerung des Kawasaki Mule 3010 ist eine
Übertragungsrate von lediglich 19,2 Kilobit pro Sekunde erforderlich.
„Pro Sekunde werden vier Datenpakete von 30 mal 24 Pixel übertragen“,
erläutert Teammitglied Marko Reimer. „Das genügt dem Operator zumeist,
um sich zu orientieren.“ Für ein schärferes Kamerabild muss das
Fahrzeug, das außerdem über zwei Laserscanner verfügt, gegebenenfalls
etwas länger stehenbleiben. Der Operator bestimmt anhand der
übermittelten Daten den nächsten Wegpunkt als GPS-Koordinate. Möglichen
Hindernissen auf dem Weg dorthin weicht RTS-Hanna selbstständig aus.
Bei den Transportszenarien zeigten Universitätsteams ebenfalls die
besten Leistungen. Nach 20 Kilometern Konvoifahrt, bei der das
Roboterfahrzeug dem Führungsfahrzeug automatisch folgen musste, stieg
Matthias Hentschel von der Universität Hannover mit strahlenden Augen
aus und berichtete begeistert, wie sich RTS-Hanna zeitweise nur auf
zwei Rädern über die holprige Strecke bewegt hätte.
Der hannoversche Roboter orientierte sich an Reflektoren, die am
Heck des Führungsfahrzeugs befestigt waren. „Mucar-3“ von der
Universität der Bundeswehr München wiederum brauchte gar keine
speziellen Markierungen, sondern erkannte die Form des vorausfahrenden
Fahrzeugs. Das klappte auf der unebenen Piste nicht immer. „Ein paar
Mal sprang das System auf einmal aufs Gras oder einen Busch“, sagte
Teammitglied André Müller unmittelbar nach der Fahrt. „Ich kann es noch
nicht erklären. Wahrscheinlich stimmen die Filtereinstellungen nicht
ganz.“ Alles in allem wirkte Müller mit der Leistung aber sehr
zufrieden: „Wir wissen jetzt genauer, woran wir weiter arbeiten
müssen.“
Eine weitere Transportaufgabe lief unter der Bezeichnung „Mule“ und
bestand darin, eine Last von 30 Kilogramm möglichst oft zwischen zwei
Punkten hin- und herzutransportieren. Um hierbei teilnehmen zu können,
hatte sich das Team der Universität Oulu (Finnland) für seinen
sechsrädrigen Roboter „Mörri“ extra noch einen Anhänger beschafft. Es
hatte sich gezeigt, dass die eigene Ladefläche des 90 Zentimeter langen
Fahrzeugs für die vorgesehene Traglast zu klein war. Der bis zu 40 km/h
schnelle, elektrisch betriebene Roboter kam einmal zurück zum
Ausgangspunkt, doch während der nächsten Runde versagte die
Anhängerkupplung. Der Versuch, den Anhänger durch Zurückstoßen wieder
anzukoppeln, schlug fehl. Dann streikte wegen Überhitzung auch der
Motor. Die schwarze Farbe erwies sich angesichts der intensiven
Sonneneinstrahlung als schlechte Wahl. Mörri musste auf seinem eigenen
Anhänger von einem Menschen zurückgebracht werden.
Roboter auf Patrouille
Die Enttäuschung hielt sich bei den Finnen gleichwohl in Grenzen,
denn es gelang ihnen, den Roboter in kürzester Zeit wieder flott zu
machen. „Das modulare Design hat sich bewährt“, sagte Teamleiter Juha
Röning sichtlich zufrieden. So zeigte sich Mörri am letzten Tag der
Leistungsschau beim Szenario „Camp Security“ wieder in Bestform.
Bei dieser Aufgabenstellung ging es darum, mit Hilfe von Robotern,
gesteuert von maximal zwei Operateuren, ein etwa 80 Meter mal 80 Meter
großes Gelände mit mehreren Gebäuden zu bewachen. Die Roboter sollten
Eindringlinge erkennen, ihre Position bestimmen, die Legitimation
überprüfen und sie gegebenenfalls verfolgen. Wiederum war es ein
Universitätsteam, das die Vorgaben der Veranstalter ernst nahm und
einen autonomen Roboter in die Arena schickte. Alexander Kleiner und
seine Mitarbeiter von der Universität Freiburg hatten für das Team der
Firma Telerob einen „Telemax“-Roboter mit zusätzlicher Intelligenz
ausgestattet, die es ihm erlaubt, selbstständig eine
Überwachungsposition anzusteuern und in den Bildern seiner drei
Videokameras Bewegungen zu erkennen. Der autonome Telemax postierte
sich in der Mitte des Geländes, während ein vom Telerob-Mitarbeiter
Andreas Ciossek ferngesteuerter Telemax die versteckteren Winkel
kontrollierte. In einem Video (www.informatik.uni-freiburg.de/~kleiner/videos.html),
das die Perspektive der Roboterkamera zeigt, ist tatsächlich die
Detektion einer Bewegung hinter einem Fenster zu erkennen. Von der
Zuschauertribüne aus war allerdings auch zu sehen, wie zwei Männer das
Gelände überquerten, offenbar ohne vom Roboter wahrgenommen zu werden.
Dem ferngelenkten Mörri aus Finnland hingegen gelang eine hohe
Erkennungsrate. Dafür war nicht nur die große Beweglichkeit des
Roboters verantwortlich, sondern auch der Mensch an der Steuerkonsole.
„Der Operator ist gefahren wie ein Henker“, kommentierte Elrob-Leiter
Schneider die Leistung. Damit benannte er einen interessanten Aspekt
der diesjährigen Elrob: Die herausragenden Leistungen wurden von
Menschen erbracht.
So berichtete ein Mitglied des French Teams, wie beim
Bombenentschärfen, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand,
ein mit dem Zünder verbundener Draht nur vom menschlichen Bediener
erkannt wurde. Bei der nächtlichen Aufklärungsübung erwarb sich vor
allem der Bediener der Wärmebildkamera im Fennek-Spähwagen den Respekt
der Zuschauer. Ihm gelang es, den in mehreren hundert Metern Entfernung
startenden AirRobot mit der Kamera zu verfolgen, obwohl er sich anfangs
nur mit wenigen Pixeln in dem verwaschenen Bild abzeichnete. Und dass
der für solche Aufgaben eigentlich gar nicht konstruierte Telemax es
bei diesem Szenario im dritten Anlauf dann doch noch bis ins Zielgebiet
schaffte und zwei von drei Objekten identifizierte, war ebenfalls ganz
wesentlich der Virtuosität seines Lenkers Ciossek zu verdanken.
Zukunft der Elrob
Damit Roboter den Menschen tatsächlich entlasten, müssten sie
allerdings alles Notwendige ohne Hilfe erkennen können. Wie die
Entwicklung der dafür erforderlichen autonomen Funktionen in Zukunft
noch stärker motiviert werden kann, darüber denken die
Elrob-Veranstalter jetzt nach. „Es wird wohl etwas am
Qualifikationsverfahren für die Elrob geändert werden müssen“, sagt
Schneider. Möglicherweise wird zukünftig die Einreichung ausführlicher
technischer Beschreibungen oder von Videos verlangt.
Die Veranstaltung insgesamt wird von den Organisatoren gleichwohl
als Erfolg gewertet. „Bei der Ausarbeitung der Szenarien war uns klar,
dass die meisten sie nicht schaffen würden“, sagte Schneider. „Wir
haben damit die nicht innovativen Systeme herausgefiltert und wissen
jetzt besser, wo wir stehen.“ Die Universitätsteams sehen das ähnlich.
Sie freuten sich über die einzigartige Möglichkeit, ihre Systeme zu
testen und den damit verbundenen Erkenntnisgewinn. Als Konsequenz
dürfte die Bundeswehrführung zukünftig ein stärkeres Augenmerk auf die
Universitäten haben, die bei der ersten militärischen Elrob vor zwei
Jahren von den Industrieteams noch mit ziemlicher Geringschätzung
bedacht worden waren. Die Elrob bekommt damit eine ähnliche Funktion
wie die Grand Challenges der US-Militärforschungsbehörde Darpa, die
recht erfolgreich das kreative Potenzial der Universitäten angezapft
haben. Die Präsenz internationaler Beobachter aus den USA, Singapur,
Israel und zahlreichen europäischen, gerade auch osteuropäischen
Ländern zeigt, dass sich die Veranstaltung recht schnell etabliert hat.
Mit welchen neuen Regeln auch immer, die nächste militärische Elrob
im Jahr 2010 wird daher auf jeden Fall stattfinden. Das entschied
Heeresamtschef Generalmajor Wolf-Joachim Clauß nach einem Rundgang am
letzten Tag der Veranstaltung. Zuvor wird es aber im kommenden Jahr in
Rynia bei Warschau zunächst wieder eine Elrob mit ziviler Ausrichtung
geben. (anm)
Kommentare:
3sat zur Steuerung von Robotern (Matt Drayton 29.7.2008 9:53)
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