Robotik Leistungsschau selbst gesteuerter Fahrzeuge in schwierigem Gelände

Keiner am Steuer - aber sicher zum Ziel

Beim zweiten Europäischen Wettbewerb "Robotik" im Tessin werden anspruchsvolle Aufgaben bewältigt. Hier zeigt sich, was Forschung und Industrie in Zukunft möglich machen können.

Von Hans-Arthur Marsiske

Eine halbe Stunde ganz allein
unterwegs: der VW der Universität
der Bundeswehr München,
auf dem Dach die Lasertechnik.

Eine halbe Stunde ganz allein unterwegs: der VW der Universität der Bundeswehr München, auf dem Dach die Lasertechnik. Foto: MARSISKE

Etwas ungewohnt ist es schon: das Auto einfach fahren zu lassen, ohne dass jemand am Lenkrad sitzt. Schon nach wenigen Metern ist klar: Der von Wissenschaftlern der Münchner Bundeswehr-Uni präparierte VW Touareg findet dennoch den Weg. Auch aufs Tempo achtet er. Als es bergab geht, bremst das autonome Fahrzeug sachte ab, um nicht zu schnell zu werden.

Während wir die kurvenreiche Strecke fahren, erläutert Felix von Hundelshausen die Technik. Ein rotierender Laserscanner auf dem Autodach erkennt Hindernisse in einer Entfernung bis zu 120 Metern und trägt sie in eine Karte ein. Sie ist auf dem Laptop vor dem Beifahrersitz zu sehen. Mithilfe der Laserdaten erkennt der Computer die Strecke.

Von Hundelshausen ist mit dem Forschungsteam von Prof. Hans-Joachim Wünsche in den Schweizer Kanton Tessin gekommen, um bei der Europäischen Leistungsschau "Robotik" (Elrob) auf einem Übungsgelände der Schweizer Armee die Leistungsfähigkeit des Fahrzeugs zu demonstrieren. Es ist die zweite Veranstaltung dieser Art. Während es bei der ersten Elrob bei der Bundeswehr-Infanterieschule nahe Hammelburg vor einem Jahr um militärische Einsatzszenarien ging, stehen diesmal zivile Aufgaben im Vordergrund. Dieser jährliche Wechsel zwischen ziviler und militärischer Ausrichtung soll auf Wunsch vor allem universitärer Forschungsteams beibehalten werden.

Hervorgegangen ist der European Land-Robot Trial (so der offizielle Titel) aus einem Nato-Workshop 2004 zu kurzfristig realisierbaren Militärrobotern. Die Veranstaltung soll die Entwicklung der europäischen Robotik zeigen und Kontakte zwischen Industrie und Forschern schaffen.

Auf dem Gebirgspass Monte Ceneri geht es um Aufgaben, mit denen Feuerwehr und andere Rettungskräfte konfrontiert sind. Die Veranstalter hatten an verschiedenen Stellen orangefarbene Warntafeln ("ERI-Cards", Emergency Response Intervention Cards) versteckt, mit denen Gefahrguttransporte markiert sind. Sie enthalten codiert Informationen über die Stoffe an Bord und helfen Einsatzkräften bei einem Unfall, die Vorgehensweise zu wählen.

"Das war das schwierigste Gelände, durch das ich mit dem Roboter gefahren bin", sagt Andreas Ciossek von der Telerob GmbH, nachdem er mit dem ferngesteuerten Roboter Telemax ein 100 mal 100 Meter großes Waldstück durchsucht hat. Bei Regen müssen die Roboter mit Matsch, schlüpfrigen Felsen, Steigungen und dichter Vegetation zurechtkommen. Telemax, der für die Suche nach Bomben in Flugzeugen, Bussen oder Eisenbahnwagen und deren Entschärfung konzipiert ist, bewährt sich und findet vier Cards. Das reicht für den Sieg in der Kategorie nicht urbane Umgebung.

In der urbanen Umgebung muss sich Telemax nur dem Roboter der Uni Würzburg geschlagen geben. Zwischen Fahrzeugen und Containern finden die Würzburger dank ausgefeilter Strategie sieben Schilder. Die Teams der Universität Hannover und der Jacobs University Bremen, die in dieser Kategorie die Plätze drei und vier belegen, zeigen sich mit dem Ergebnis aber zufrieden. Im Unterschied zu den meisten anderen Teilnehmern haben ihre Roboter teilweise autonom nach den Cards gesucht.

Teilautonom auf Grundlage von Zielpunkten fährt der Roboter "MoRob 4x4" der Uni Hannover. Die große Stunde für ihn schlägt am letzten Tag, als es darum geht, eine Fünf-Kilometer-Strecke zu bewältigen und viele Warnschilder zu finden. Es ist der weitgehend störungsfreie Lauf des Roboters, der überzeugt und ihm den zweiten Platz einbringt. Die Hannoveraner teilen ihn sich mit der Firma Base 10, die ihr knapp drei Tonnen schweres Fahrzeug Gecko fernlenkt.

Beim zweiten Europäischen Wettbewerb "Robotik" im Tessin werden anspruchsvolle Aufgaben bewältigt. Hier zeigt sich, was Forschung und Industrie in Zukunft möglich machen können.

Sieger in der Autonomous Reconnaissance genannten Kategorie ist die Uni Siegen, deren Roboter als Einziger die Strecke autonom absolviert. Und sie hat es in sich: Die Waldwege sind holprig, haben keine klare Begrenzung. Das Fahrzeug der Bundeswehr-Uni München bewältigt die Strecke in der Rekordzeit von 30 Minuten, findet alle Cards und wäre Sieger gewesen, hätten Teammitglieder nicht den Fehler begangen, mit dem Wagen am Vortag auf der Wettbewerbsstrecke zu fahren. Das ist verboten und führt zur Disqualifikation.

Wünsche nimmt es gelassen. "Elrob"-Leiter Frank E. Schneider von der Forschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaften unterstreicht die Leistung der Münchner: "Das war Weltklasse!" Andere Wettbewerbe warten. Die Fahrt ist noch lange nicht zu Ende.

erschienen am 24. August 2007