<Erkennungsmelodie: PETER GUNN>

THE SOUND OF THINGS TO COME
Wie der Computer die Musik verändert
(Erstveröffentlichung: Spiegel Online, 1. Juli 1997)

Techno ist die Befreiung der Musik vom Körper. Das mag zunächst widersinnig klingen, weil gerade diese Musik vor allem körperlich erfahren wird. "Es war manchmal ziemlich ätzend, Techno-Tracks von A bis Z durchzuhören und dann nochmals und nochmals", schreibt Manuela Keller in einer musikalischen Techno-Analyse. "Deshalb habe ich es häufig vorgezogen, meine Studien beim Tanzen voranzutreiben."
Für die Rezeption ist das richtig. Bei der Produktion von Techno jedoch (womit jegliche Musik gemeint ist, bei der der Computer eine zentrale Rolle spielt) ist so wenig Körpereinsatz erforderlich wie bei keiner anderen Musik. Selbst jemand, der vom Hals abwärts querschnittsgelähmt ist, kann am Computer komplizierte Klanggebilde komponieren, sofern er nur in der Lage ist, den Cursor über Augenbewegungen oder Gedankenkraft zu steuern.
Und wer, wie ich, mehrere Instrumente ein bisschen, aber keins richtig beherrscht (außer vielleicht Schlagzeug und Percussion), lässt sich schnell begeistern von der Möglichkeit, musikalische Ideen ohne den Umweg über langwieriges und mühseliges Training an Klavier oder Gitarre umzusetzen. Natürlich vervollkommnet sich auch der Umgang mit Musiksoftware mit der Zeit. Was ich in knapp zwei Monaten Beschäftigung mit dem Programm "ReBirth RB-338" zustandegebracht habe, mag Techno-Profis nur ein müdes Lächeln entlocken. Aber vergleichen Sie das mal mit dem, was ein Klavierschüler nach den ersten zwei Monaten Unterricht zu bieten hat!
Der Computer wird die Musik (und natürlich nicht nur sie) revolutionieren. Was wir bisher in dieser Richtung erlebt haben, sind nur die ersten Anfänge. Darüber, wie es weitergehen könnte, habe ich in den folgenden Texten spekuliert. Dabei sind die Gedanken der klanglichen Umsetzung zumeist uneinholbar vorausgeeilt. So schnell lässt sich die Trägheit des Körpers und der daran gebundenen musikalischen Fantasie dann wohl doch nicht überwinden.

1.Techno-Ästhetik – Der Mix macht's

Gibt es zum gemeinsamen Musizieren einen besseren Einstieg als einen Blues? Die als Bluesschema bekannte, sich wiederholende, zwölftaktige Harmonienfolge kennt praktisch jeder Musiker: vier Takte Tonika, zwei Takte Subdominante, zwei Takte Tonika, ein Takt Dominante, ein Takt Subdominante, zwei Takte Tonika – ein wunderbarer Rahmen, um sich ohne große Vorbereitungen musikalisch kennenzulernen. Man einigt sich kurz auf Tempo und Tonart und spielt drauf los. Wenn es gut klappt, schmiert sich das musikalische Räderwerk von Durchgang zu Durchgang selbst, es beginnt zu grooven und zu funkeln. Wenn nicht, sollte man vielleicht doch erst einmal miteinander reden.
Bei der Begegnung mit dem Computer führt ein Blues dagegen nicht besonders weit: Wer versucht, traditionelle Formen des Musizierens auf den Rechner zu übertragen, kommt um Enttäuschungen kaum herum – es sei denn, es geht um die Produktion industrieller Massenware, bei der die Zeit- und Kostenersparnis mehr zählt als klangliche Vielfalt. Der Hörgenuss jedoch bleibt immer hinter dem mit traditionellen Instrumenten erzielbaren zurück. So fehlt einem am Computer programmierten Blues die Unmittelbarkeit des Ausdrucks, der den Reiz dieser Musik ausmacht.

<BORING BLUES>

Computermusik hat ihre eigene Ästhetik. In der traditionellen Musikanalyse machen Melodik, Rhythmik, Harmonik und Form das Wesen eines Musikstücks aus. In der Rockmusik dreht sich alles um den Sound. Der Computer dagegen entwickelt seine Stärke – vorläufig – vor allem beim Mischen: Die zentrale ästhetische Kategorie von Techno ist der Mix.
Bei der spontanen Entwicklung von Melodien und Rhythmen sind Tastatur und Maus traditionellen Musikinstrumenten noch hoffnungslos unterlegen. Auch die Gestaltung und Bearbeitung von Klängen erweist sich als recht schwierig. Beim Mischen vorgefertigter oder von außen eingespeister Sounds und Phrasen jedoch kann ein Discjockey mit dem Rechner sogar live auf das Publikum reagieren, wenn ihm ausreichend Soundsamples zur Verfügung stehen und er sich in den Dateien sicher zurechtfindet. Die Digitalisierung hat den DJ zum Musiker gemacht, indem sie die Größe der Bausteine, mit denen er operieren kann, verkleinert und zugleich die Möglichkeiten, sie zu kombinieren, vervielfältigt hat.
Einfache Software zum Soundsampling ist bereits für 30 Mark zu haben. Mit "New Beat Machine" lassen sich bis zu 20 Soundschleifen von zwei, vier oder acht Sekunden Länge beliebig kombinieren. Die Kunst besteht darin, Sounds zu finden, die gut zueinander passen und durch wechselnde Kombinationen Klangcharakter und Dynamik zu verändern.
Sounds sind vielfältig verfügbar: Eine CD-Rom mit 2000 Soundsamples kostet ebenfalls nur 30 Mark. Nur: Wie orientiere ich mich in dem Datendschungel? Dateinamen wie "guitar005" oder "lied1" sind nicht sehr hilfreich bei der Suche nach zueinander passenden Klängen. Hier bleibt kaum etwas anderes übrig, als nach dem Zufallsprinzip hier und da eine Datei anzuklicken, sich auf das eigene Gedächtnis zu verlassen und darauf zu hoffen, dass man mit der Zeit ein eigenes Ordnungsprinzip entwickelt.
Aber selbst wenn die Datennavigation perfekt klappt: Irgendwann ist es unbefriedigend, nur mit fremden Sounds zu arbeiten. Irgend etwas hakt immer. Perfekt passen die Klänge nie zueinander, und die Möglichkeiten der Feinbearbeitung sind begrenzt. Insbesondere wenn die eigene musikalische Phantasie durch traditionelle Musikinstrumente geprägt wurde, wird bald der Wunsch immer dringender, selber Sounds zu produzieren. Auch hierfür gibt es Software-Lösungen.


2.Musik als Kommunikation – Der Computer überwindet Grenzen

Musik bietet einen einzigartigen Zugang zu fremden Menschen, Kulturen und Lebensformen. Viele Menschen versuchen, mit Walen, Wölfen und anderen Lebewesen zu kommunizieren, indem sie sich in deren Klangwelten einfühlen. Die Überschreitung der eigenen, durch die kulturelle Tradition gesetzten Grenzen ist allerdings nicht leicht. Kann der Computer dabei helfen?

Musikwissenschaftler, die sich zu Beginn dieses Jahrhunderts mit der Musik außereuropäischer Völker beschäftigten, stießen auf eine ungeheure Vielfalt von Rhythmen und Melodien, die sich mit Hilfe der europäischen Notenschrift nur unvollkommen aufzeichnen ließen. Von einheitlichen Takteinteilungen konnte keine Rede sein: Es gab 5/4, 7/4, 15/4, 21/8 und andere, ähnlich "schräge" Takte, die auch noch ständig wechselten. "Beim Anhören solcher Gesänge oder Musikstücke", schrieb der Wiener Musikhistoriker Robert Lach im Jahr 1924, "hat der Europäer häufig den Eindruck völligster rhythmischer Willkür oder Anarchie und er ist daher leicht geneigt, solche ataktische Musik für rhythmisch amorph zu halten. Aber die Wiederholung der Gesänge oder Musikstücke durch den exotischen Musiker, die peinliche Exaktheit und Genauigkeit, mit der jedes scheinbar noch so willkürliche und zufällige Detail genau an derselben Stelle in genau der gleichen Ausführung wiederkehrt, belehrt ihn bald, dass man es hier durchaus nicht mit musikalisch amorphen und rhythmisch anarchischen Gebilden zu tun hat, sondern dass man statt von einer rhythmischen Ataxie oder Arhythmik hier viel besser von einer Polyrhythmik spräche."

Einige Jahrzehnte später wurde bei Buckelwalen Ähnliches beobachtet: Auch die Meeressäuger wiederholen ihre Gesänge, die eine halbe Stunde und länger dauern können, exakt bis ins Detail. Manchmal unterbrechen sie ein Lied, um später an genau der gleichen Stelle fortzufahren. Was Wale sich auf akustischem Weg mitzuteilen haben, weiß bislang niemand. Es scheint aber nicht eben wenig zu sein: Der Weltraumforscher Carl Sagan verglich den Informationsgehalt von Buckelwal-Gesängen sogar mit dem von mündlich überlieferten, menschlichen Mythen wie "Ilias" und "Odyssee".

Musik ist Kommunikation, bei Tieren wie beim Menschen: Beim Tanz am Lagerfeuer weisen die Alten die Jungen in die Rhythmen der Jagd ein. Gemeinsam gesungene Lieder koordinieren die Erntearbeit. Fahrende Sänger künden von Heldentaten. Das Verständnis der Botschaften wird indessen durch die eigene musikalische Prägung häufig eher erschwert als erleichtert.

Auch das Synthesizer-Programm "ReBirth" wirkt zunächst nicht wie eine Überschreitung der europäischen Musiktradition, sondern wie deren Zuspitzung: Rhythmische Grundlage ist ein in Sechzehntel-Noten unterteilter Vier-Viertel-Takt. Melodien können über zwei Klaviertastaturen eingegeben werden, die jeweils drei Oktaven umfassen. Jedem Sechzehntel wird dabei ein bestimmter Ton oder eine Pause zugeordnet, ähnlich wie beim Komponieren mit Hilfe der Notenschrift. Am Rechner jedoch kann die jeweilige Tonfolge ständig in Echtzeit wiedergegeben und entsprechende Korrekturen sofort vorgenommen werden. Mehrere Regler ermöglichen zudem die Gestaltung der Klangfarbe.

Vieles, was sich auf traditionellen Instrumenten relativ leicht spielen lässt, ist mit dieser Software nur recht umständlich zu realisieren: Triolen etwa oder differenzierte Akzentuierungen sind nahezu unmöglich. Zugleich ermöglicht das Programm aber auch Rhythmen, Melodien und Klänge, die auf gewöhnlichen Instrumenten "unspielbar" wären und einem traditionell geschulten Musiker daher kaum einfallen würden. Solche Begrenzungen der Vorstellungskraft lassen sich außerdem mit Hilfe eines Zufallsgenerators überwinden, der Klangvorgaben produziert, die der Musiker dann fast wie ein Bildhauer weiter bearbeiten kann: Er kann hier einen Ton wegnehmen, dort einen Akzent hinzufügen, bis er mit dem Gesamtergebnis zufrieden ist – oder sie als ein "Computersolo" unverändert stehenlassen. Insofern überschreitet das Programm möglicherweise noch nicht die europäische Tradition, treibt sie aber auf jeden Fall an ihre Grenzen. Dahinter lockt das Abenteuer.

<SO LONG, PETER GUNN> (Musikdatei leider verschollen)


3.Zurück zu den Wurzeln – Feel the Rhythm

Musiksoftware für den PC bietet mehr oder weniger vielfältige Möglichkeiten zur Gestaltung von Sounds. Doch ihre Stärken liegen vor allem im Rhythmus. Mitreißende Beats lassen sich leichter programmieren als psychedelische Klangteppiche. Dafür sind zum Teil gewiss technische Gründe verantwortlich. Es könnte aber auch damit zusammenhängen, da· Wesen und Ursprung der Musik im Rhythmus liegen.

Rhythmen bestimmen unser Leben: Sieben bis acht Mal pro Sekunde schwingen die Alpha-Wellen des Gehirns. Unermüdlich schlägt das Herz, darüber legt sich der Takt der Atemzüge und der Körperbewegungen. Phasen der Ruhe und der Aktivität wechseln einander ab. Wir nehmen Nahrung und Flüssigkeit zu uns und scheiden sie wieder aus. Im Rhythmus des Mondes auf seiner Bahn um die Erde schüttet unser Körper Hormone aus. Alle elf Jahre erreicht die Aktivität der Sonne einen Höhepunkt.

Das Gefühl für die langsameren Rhythmen ist uns jedoch weitgehend verlorengegangen. Unsere Kultur ist nicht mehr auf sie eingestellt. Wir wissen, wann die kürzeste Nacht des Jahres ist, aber wir spüren es nicht. Als Ideal gelten lineare, möglichst aufwärts gerichtete Entwicklungen. Zyklen werden dagegen als Störung empfunden, die Menstruation der Frauen ebenso wie der Wechsel der Jahreszeiten, der den Gleichlauf der industriellen Produktion behindert. Der Arbeitnehmer, der auf seine Mittagspause verzichtet und sich statt dessen eine Pizza an den Schreibtisch bringen lässt, belastet seine Gesundheit, kann aber auf das Wohlwollen seiner Vorgesetzten zählen.

Techno-Musik mit ihren hämmernden, präzisen Beats mag zunächst wie die Zuspitzung dieser Entwicklung wirken. Tatsächlich liegt darin auch die Möglichkeit der Befreiung: Techno-Power kann nicht nur zum Beschleunigen eingesetzt werden, sondern auch zum Bremsen. Hierin liegt die eigentliche Herausforderung: Die Programmierung schneller, gerader Rhythmen am Computer gelingt relativ rasch und wird bald langweilig. Schwieriger und faszinierender ist es dagegen, sich von eintaktigen Themen zu immer größeren Strukturen vorzuarbeiten und so mit Technomusik die Langsamkeit zu erkunden.
Techno macht Tempo, aber nicht notwendig ein schnelles. Der Computer kann uns helfen, das Gefühl für die großen, langen Zyklen des Lebens wiederzugewinnen und ein neues, gesünderes Verhältnis zur Natur zu entwickeln. Ob wir diese Hilfe in Anspruch nehmen wollen, ist eine andere Frage.

<SOFT WAVE>


4.Musik als Zeichensystem – Der Code der Zukunft

Techno sei "Musik von Analphabeten für Analphabeten", hat der Hamburger Musikverleger Hans Sikorski einmal gesagt. Damit hat er insofern recht, als das Zeichensystem dieser Musik nicht schriftlich fixierbar ist und auch keine Notenschrift erfordert. Aber natürlich irrt, wer damit ausdrücken will, Techno sei etwas für Ungebildete, ohne besonderen kulturellen Wert, keine wirkliche Musik.

Die europäische Musikgeschichte der vergangenen Jahrhunderte ist wesentlich durch die Notenschrift geprägt. Wie in der allgemeinen Geschichtsschreibung ist diese Zeit der schriftlichen Überlieferung in der Regel stark überrepräsentiert, wird häufig sogar als eigentlich "geschichtliche" Zeit im Unterschied zur "Vorgeschichte" wahrgenommen. Mit der multimedialen Speicherung und Übermittlung von Informationen ist jedoch eine grundlegend neue historische Epoche eröffnet worden, die in mancher Hinsicht an frühere, mündliche Traditionen anknüpft und damit zugleich die Bedeutung der schriftlichen Überlieferung relativiert.

Es war eine große Tat, als die Menschen mit Hilfe von Schriftzeichen erstmals ihr Wissen einem externen Speicher anvertrauten. Sie setzte eine folgenreiche Entwicklung in Gang: Die von nun an stetig wachsende Informationsmenge in den externen Datenspeichern machte Kategorisierungen erforderlich, um den Überblick zu behalten. Wir begannen, das Wissen in Fachgebiete wie Physik, Psychologie und Musikästhetik – oder: Heavy Metal, Techno, Hip Hop – einzuteilen. Ohne Schrift gäbe es keine Wissenschaft, kein logisch-rationales Denken.

Das heißt aber auch: Dinge, die bis dahin organisch zusammengehörten, wurden auseinandergerissen. Im Unterschied zu analytisch ausgerichteten Schriftkulturen herrscht in mündlichen Kulturen ein integrierender Denkansatz vor – "sowohl/als auch" statt "entweder/oder". Fahrende Sänger sind Lehrer, Historiker und Unterhaltungskünstler in einer Person. Sie rezitieren kein Werk, das in einer schriftlichen Referenzfassung vorliegt, sondern schaffen es in jeder Aufführung gemeinsam mit dem Publikum neu. Musik, Poesie, Tanz und Kult bilden eine Einheit, die durch den zunehmenden Gebrauch von Schriftzeichen gelockert oder gar zerstört wird.

Gegenwärtig erleben wir die Anfänge eines neuen Zeichensystems. Ähnlich den ersten Schriftzeichen sind auch die ersten multimedialen Zeichen gegenständliche Abbildungen der bezeichneten Gegenstände: Der Computermonitor wird aufgeteilt wie das Bedienungsfeld eines Mischpults oder Synthesizers, die dann per Mausklick statt durch direkte Berührung der Regler bedient werden. Mit großer Sicherheit werden sich daraus aber schon bald abstraktere Darstellungen entwickeln.

Möglicherweise werden wir schon in wenigen Jahrzehnten mit multimedialen Zeichen operieren, die mit den heutigen Benutzeroberflächen so wenig Ähnlichkeit haben wie die arabischen Ziffern mit den ersten Zählsteinen, die die Menge der zu zählenden Objekte anfangs ebenfalls eins zu eins wiedergaben. Dieses neue Zeichensystem wird nicht nur die Musik, sondern auch die übrigen Künste, die Wahrnehmung und das Denken der Menschen grundlegend verändern.

Viele wertvolle Fertigkeiten und liebgewonnene Genüsse werden an den Rand gedrängt werden oder ganz verloren gehen, wie auch die Gedächtniskunst mit der zunehmenden Verbreitung der Schriftzeichen an Bedeutung verloren hat. Aber wir dürfen mit reichhaltiger und vielfältiger Entschädigung für diese bedauernswerten Verluste rechnen.

<TOPSET IST GROOVY>


5. Schöne neue Welt

Zukünftige Historiker werden vielleicht vom 20. und 21. Jahrhundert als der Zeit der "Großen Umprogrammierung" sprechen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Menschen ihre Gehirnaktivität grundlegend neu ausrichteten.

Die Tübinger Ägyptologin Emma Brunner-Traut hat die aufregende Hypothese eines Präferenzwechsels bei den Gehirnhälften formuliert, der zumindest zeitlich mit der Entwicklung des phonetischen Alphabets im antiken Griechenland im Zusammenhang steht. Er lässt sich an verschiedenen Stellen beobachten: bei der darstellenden Kunst im Wechsel zur perspektivischen Darstellung, bei der Musik im Ausrichten auf einen Grundton.

Lesen, Schreiben und Rechnen, die Grundqualifikationen unserer Kultur, beanspruchen vor allem Funktionen der (bei Rechtshändern) linken Gehirnhälfte und haben im Lauf der Jahrhunderte musisches Empfinden, Intuition und Emotion zurückgedrängt. Dieses Verhältnis scheint sich mit der Etablierung multimedialer Kommunikation wieder umzukehren. Multimedia fasst die Vielfalt der menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten wieder zu einer Einheit zusammen. Es ist eine Rückkehr zur Mündlichkeit, aber auf einem ungleich höheren Niveau. Brunner-Traut drückt es folgendermaßen aus: "Wer die Treppe in einem Wohnhaus hochsteigt, geht abwechselnd links und rechts – aber ständig aufwärts."

Wie werden diese fantastischen Kommunikationsmöglichkeiten zukünftige Generationen prägen? Wird es eines Tages technisch vermittelte Telepathie geben? Werden die Rhythmen des Internet die Menschen zur Harmonie zusammenführen, wie einst die Trommeln bei Dorffesten?

Ich bin überzeugt, dass die Digitalisierung uns eine faszinierende, kulturelle Blütezeit bescheren kann. Aber natürlich ist das kein technischer Automatismus. Wir müssen es wollen.

<PCF 1>