Per Anhalter in die Galaxis
Am 7. Februar startet das Forschungsmodul „Columbus“ auf einem Spaceshuttle zur Raumstation ISS. Europa will damit an die Tradition seiner großen Entdecker anknüpfen.
Der
Stolz der europäischen Raumfahrt heißt „Columbus“ und soll am 7.
Februar von Cape Canaveral auf Entdeckungsreise gehen. Es ist eine
knapp sieben Meter lange und gut vier Meter durchmessende Röhre, die
als Forschungsmodul an der „Internationalen Raumstation“ ISS
Experimente in der Mikrogravitation ermöglichen soll. Seinen Namen
verdankt das Weltraumlabor den ursprünglichen Terminplanungen. Denn als
zu Beginn der Achtzigerjahre die ersten Studien zu einer europäischen
Beteiligung an einer damals noch US-amerikanischen Raumstation
erarbeitet wurden, ging man von einer Realisierung im Jahr 1992 aus.
Das wären genau 500 Jahre nach der berühmten Expedition von Christoph
Kolumbus gewesen. Damals hatte der italienische Seefahrer auf der Suche
nach einem Seeweg nach Indien einen bis dahin in Europa gänzlich
unbekannten Kontinent entdeckt. Der Terminplan ließ sich nicht
einhalten, doch der Name ist geblieben. Dass sich die Weltraumagenturen
Esa (Europa) und Nasa (USA) weiterhin in der Tradition der
Entdeckungsreisen des 15.und 16. Jahrhunderts sehen, verraten auch die
Embleme, die die Astronauten auf ihren Overalls tragen. So verbindet
das Logo der Shuttle-Mission STS-122, die das Forschungsmodul zur
„Internationalen Raumstation“ ISS bringen soll, mit drei kühn
geschwungenen Linien Kolumbus' Flaggschiff „Santa Maria“ mit der
Raumfähre „Atlantis“. Auf dem Logo des Labors selbst symbolisiert eine
weiße Linie über der hellblauen Erdkugel zugleich den Ost-West-Kurs der
„Santa Maria“ und die West-Ost-Flugbahn der „Atlantis“.
Der Kapitän der Santa Maria stand für Mut und Entdeckergeist. „Heute
befinden wir uns in einer ähnlichen Situation wie die Menschheit im
16.Jahrhundert, in der Zeit der großen Entdecker Kolumbus, Cortés oder
Magellan“, schreiben Berndt Feuerbacher und Ernst Messerschmid in ihrem
Buch „Vom All in den Alltag“ (Motorbuch Verlag). „Wir haben die großen
unerforschten Weiten des Alls vor uns, und wie damals erfordert der
Vorstoß ins Unbekannte wagemutige Mannschaften und mindestens ebenso
kühne Investoren.“
Was die Investoren damals lockte, war die Aussicht, das Monopol der
islamischen Händler zu brechen, die den Landweg nach Asien
kontrollierten. Portugiesische Seefahrer versuchten bereits seit
Jahrzehnten, diese Aufgabe durch die Umsegelung Afrikas zu lösen und
kamen auf diesem Weg letztlich auch schneller ans Ziel. Sie forschten
gewissermaßen stärker anwendungsorientiert. Kolumbus dagegen
ermöglichte mit seinem konsequenten Westkurs den 30 Jahre später durch
Magellan erbrachten empirischen Beweis der Kugelgestalt der Erde. Diese
Grundlagenforschung mit der unerwarteten Entdeckung eines neuen
Kontinents und der Erschließung des transatlantischen Handels war
langfristig aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht erfolgreicher und
verhalf Europa zu beispiellosem Wohlstand.
Einer, der im Atlantikhandel sehr gut verdiente, war der Baron Heinrich Carl von Schimmelmann. Er lebte von 1724 bis 1782 und galt als der reichste Mann Europas. Die Erinnerung an den erfolgreichen Unternehmer fand jedoch nicht den Weg ins All. Sie versteckt sich in Gestalt einer kleinen Bronzebüste auf einer dreieckigen Verkehrsinsel im unauffälligen Hamburger Stadtteil Wandsbek. Eine Texttafel neben dem Denkmal würdigt ihn als „Begründer der wirtschaftlichen Stärke Wandsbeks“ und erläutert, er sei „auch durch den sogenannten Dreieckshandel (Kattun und Gewehre, Sklaven, Zuckerrohr und Baumwolle) zwischen Europa, Afrika und Amerika“ zu seinem Reichtum gekommen. Dieses Geschäftsmodell hat seinen Namen von dem dreieckigen Kurs über den Atlantik, dem europäische Handelsschiffe mehr als zwei Jahrhunderte lang folgten. Im Falle Schimmelmanns bildete die Handelsroute zugleich eine in sich geschlossene, globale Produktionskette: Seine 14 Schiffe transportierten von Europa Kattungewebe, Gewehre und Alkohol zur Westküste Afrikas. Dort nahmen sie Sklaven an Bord und brachten sie in die Karibik, wo sie entweder auf Schimmelmanns Plantagen arbeiteten oder verkauft wurden. Für die Rückreise nach Europa luden die Schiffe Baumwolle und Rohzucker, die wiederum in Schimmelmanns eigenen Manufakturen zu Kattun und Branntwein für den Afrikatransport verarbeitet wurden.
Schimmelmanns Geschäftsbücher, die der Historiker Christian Degn akribisch durchgesehen hat („Die Schimmelmanns im atlantischen Dreieckshandel“, Wachholtz Verlag), verzeichnen bereits fürs erste Jahr nach dem Erwerb der Plantagen, als dort noch viele Aufbauarbeiten ausgeführt werden mussten, eine Rendite von über zehn Prozent. Das war mehr als das Doppelte von dem, was Gutsbetriebe in Europa einbrachten. Viermal fuhr allein das Sklavenschiff „Fredensborg“ zwischen 1778 und 1789 das Dreieck und verschleppte dabei 1552 Afrikaner auf die Jungferninseln. Ein auf die Brust gebranntes S in einem Herzen kennzeichnete sie als Eigentum der Handelskompanie. Ungefähr jeder Sechste starb noch während der Überfahrt. Auf den Plantagen wurden Fluchtversuche mit dem Abhacken eines Beins bestraft. Inventarlisten verzeichnen auffallend viele Sklaven „mit einem Holzbein“.
Seit der Enthüllung des Schimmelmann-Denkmals im September 2006 hat es immer wieder Proteste provoziert. Mehrmals wurde es mit roter Farbe bespritzt. Der Ärger entzündet sich zum einen an der hanseatischen Diskretion, mit der hier die gewalttätigen Wurzeln der wirtschaftlichen Stärke Wandsbeks abgehandelt werden. Er hat aber auch damit zu tun, dass dieses Denkmal am falschen Ort errichtet wurde. Denn bei Schimmelmann geht es nicht um Regionalgeschichte. Der erfolgreiche Unternehmer, der die Sklavengeschäfte im Namen des dänischen Königs durchführte, steht für ein Geschäftsmodell, von dem ganz Europa profitierte. Die Erinnerung daran ist im unscheinbaren Puvogelgarten in Hamburg-Wandsbek völlig deplatziert. Sie gehört dorthin, wo sie zukünftigem Handeln eine Orientierung geben kann: auf die Raumstation.
Wer unter dem Namen Kolumbus auf Entdeckungsreise ins All geht, darf nicht vergessen, dass die europäischen Seefahrer in früheren Jahrhunderten nicht nur als Entdecker, sondern auch als Eroberer die Meere besegelten. Soll sich das jetzt im Sonnensystem fortsetzen? Die Logos der „Columbus“-Mission geben darauf keine Antwort. Dabei ist die Frage alles andere als theoretisch. Viele Wissenschaftler haben die begründete Hoffnung, auf dem Mars Leben zu finden. Wie gehen wir mit diesem Leben um, wenn sich, wie derzeit nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa, Russland und China geplant, ab etwa 2030 Menschen dort niederlassen? Einer der wenigen, die sich klar dazu geäußert haben, ist der britische Mikrobiologe Charles Cockell. Die Ehrfurcht vor dem Leben, schreibt er in seinem Buch „Space on Earth“ (Macmillan Science), hindere uns nicht daran, irdische Pflanzen und Tiere zu töten, wenn es für uns von Nutzen ist. Was aber, wenn sich eine außerirdische Lebensform, die wir zunächst als nahrhafte, wohlschmeckende Pflanze wahrgenommen haben, als empfindsames, intelligentes Wesen entpuppt? Um interplanetaren Mord möglichst zu verhindern, statt ihn später zu bedauern, fordert Cockell: „Wir sollten von der höchsten moralischen Relevanz ausgehen und jedes außerirdische Leben als intelligent ansehen, bis das Gegenteil bewiesen ist.“ Er verweist auf die historisch überreichlich belegte menschliche Neigung, unvertraute Lebensformen, Kulturen und Völker zu zerstören, und gibt zu bedenken: „Wenn wir bei den Entdeckungsreisen der Vergangenheit einem Prinzip ,höchster moralischer Relevanz' gefolgt wären, hätten viel Leid und Zerstörung vermieden werden können.“
Ein europäisches Weltraumlabor mit dem Namen Columbus ist nicht vollständig ohne ein Mahnmal für die Opfer der europäischen Expansion. Wir sollten die Schimmelmann-Büste mit einem der nächsten Transporter hinaufschicken. Auf der Erde könnte damit ein unfruchtbarer Streit beendet werden. Und im Orbit wäre der Bronzebaron für die ISS-Besatzung eine ständige Erinnerung daran, dass die von Kolumbus begründete Tradition nicht so schön und ungebrochen ist, wie es die Logos der bevorstehenden Weltraummission suggerieren. Ein so massiges und sperriges Objekt würde die Astronauten behindern und bei der Arbeit stören? Genau das soll es!
Kommentar schreiben













