Wofür starben die Astronauten?

Kommentar

Von Hans-Arthur Marsiske

Ein Start oder eine Landung der Raumfähre waren in den letzten Jahren zwar immer eine Meldung in den Nachrichten wert. Doch was während der Raumflüge passierte, interessierte kaum. Der Absturz der Columbia hat jetzt sehr drastisch und schmerzhaft gezeigt, wie riskant Raumfahrt immer noch ist. Nur, wofür wird dieses Risiko eingegangen?

Die Besatzung hat in 16 Flugtagen 59 Experimente durchgeführt. Das Verhalten unterschiedlicher Lebewesen in der Mikrogravitation wurde beobachtet, Proteinkristalle wurden gezüchtet, Verbrennungsvorgänge studiert. 21 Experimente waren kommerzieller Natur, die US Air Force startete ein Kommunikationsexperiment. Auch Schulen aus Australien, China, Israel, Japan, Liechtenstein und den USA waren beteiligt.

Für alle, die etwas davon verstehen, ist das faszinierende Grundlagenforschung. Es gibt die Gelegenheit, die Schwerkraft zu kontrollieren und ihren Einfluss auf biologische, chemische oder physikalische Prozesse zu untersuchen.

Raumfahrt ist also nützlich. Sie könnte sich sogar wirtschaftlich lohnen, wenn die Mikrogravitationsforschung eines Tages zu Medikamenten oder schadstoffärmeren Motoren führt. Aber sie ist nicht aufregend, außer vielleicht für beteiligte Forscher. Das ist politisch so gewollt.

Wer Raumfahrt mit kommerziellem oder wissenschaftlichem Nutzen begründet, will eigentlich nicht in den Weltraum. Nicht das All mit seiner Vielfalt und seinen grenzenlosen Möglichkeiten lockt, sondern was auf der Erde dabei herausspringt - Profite oder "Führungspositionen im wissenschaftlich-technologischen Wettbewerb". Wer so denkt, wagt sich gerade so weit hinaus, wie es unbedingt notwendig ist.

Natürlich hat der unendliche Raum über uns auch etwas Beängstigendes. Aber es hat wenig Sinn, angesichts dessen den Kopf in den Sand der vertrauten und einigermaßen überschaubaren Erde zu stecken. Der Kosmos mit seinen Verheißungen und Gefahren bleibt trotzdem dort und bleibt auch in unseren Köpfen.

Wir wollen in den Weltraum, aber nicht, weil es nützlich ist. Wir wollen die Erdkugel mit eigenen Augen sehen, wollen uns schwerelos fühlen, im Funkschatten hinter dem Mond die größtmögliche Einsamkeit erfahren, Marsstaub unter den Füßen spüren, an die Grenzen unserer Möglichkeiten gehen und dabei vielleicht auch unser Leben aufs Spiel setzen. Wir wollen das All mit allen Sinnen erleben, es nicht nur durch das Schlüsselloch disziplinierter, wissenschaftlicher Forschung oder betriebswirtschaftlicher Kalkulation betrachten. Die Wissenschaft muss zwar den Weg bahnen, aber sie kann nicht der alleinige Zweck der Raumfahrt sein.

Der Tod der sieben Astronauten auf der Columbia bringt auf schmerzhafte Weise in Erinnerung, wie halbherzig die Raumfahrt in den letzten Jahren betrieben worden ist. Wir sollten endlich mehr Entschlossenheit zeigen und uns wieder große Ziele setzen. Wir sollten Menschen zum Mars schicken und auch wieder zum Mond zurückkehren.

erschienen am 25. Februar 2003