Zweifel an Autoritäten hat es in der islamischen Wissenschaft immer gegeben Hans-Arthur Marsiske 09.12.2001 Ein Gespräch mit der Wissenschaftshistorikerin Sonja Brentjes Wenn Programmierer neue Algorithmen entwickeln, dürfte ihnen in den seltensten Fällen bewusst sein, dass sie damit in gewisser Weise an islamische Traditionen anknüpfen. Denn die nach festen Schemata ablaufenden Rechenverfahren wurden von dem persischen Mathematiker Muhammad Ibn Musa Al Chwarismi (ca. 780-850) in Westeuropa bekannt gemacht und nach ihm benannt. Auch der Begriff Algebra geht auf ihn zurück. Gäbe es also ohne Al Chwarismi keine Computer und kein Internet? Eine solche Aussage hält Sonja Brentjes für maßlos übertrieben. Noch weniger gerechtfertigt erscheint aber die umgekehrte Position, die der islamischen Wissenschaft jegliche Eigenständigkeit abspricht oder den Islam gar als grundsätzlich wissenschaftsfeindlich ansieht. Ein Gespräch mit Sonja Brentjes (50), Wissenschaftshistorikerin und Ko-Organisatorin der Konferenz Gewissheit, Zweifel, Irrtum - Die Produktion von Wissen und ihre Hindernisse in der Praxis vor- und frühmoderner Wissenschaft [1], die am 17. und 18. November 2001 in Frankfurt am Main stattgefunden hatte. Frau Brentjes, auf Ihrer Konferenz ist laut Titel über "vor- und frühmoderne Wissenschaft" diskutiert worden, in den einzelnen Vorträgen ging es aber überwiegend um islamische Wissenschaft. Was verstehen Sie unter "vormodern"? Sonja Brentjes: Das ist ein Begriff, der mir nicht besonders gut gefällt. Er wird aber traditionell benutzt, um Wissenschaften von der Moderne abzugrenzen, also diejenigen Wissenschaften zu bezeichnen, die nicht den Schritt zu Kopernikus, Galilei, Newton gehen, um das mal an ein paar Namen festzumachen. Ich kann Ihre Skepsis nachvollziehen. Setzen Sie damit in der Begrifflichkeit nicht schon eine zielgerichtete Entwicklung von Wissenschaft voraus, die Sie eigentlich erst noch erforschen müssten? Sonja Brentjes: Ich würde nicht ganz so weit gehen. Aber es ist natürlich eine historische Standortbestimmung, die sagt: Wissenschaft ist all das, was sich spätestens seit dem 17. Jahrhundert in Westeuropa entwickelt hat. Alles, was sich nicht vergleichbar mit entwickelt hat, bleibt auf der vorherigen Stufe stehen. Das ist eine retrospektive Definition, die von der Entwicklung in Europa geprägt ist, aber nicht notwendigerweise die Behauptung einer zielgerichteten Entwicklung. Gleichwohl könnte ich mir vorstellen, dass diese Begriffsdefinition die Vernachlässigung der Erforschung vormoderner Wissenschaft, die Sie in Ihrer Konferenzankündigung [2] beklagen, mit befördert hat. Warum soll man frühe Wissenschaft noch erforschen, wenn die spätere Entwicklung alles Positive aufgehoben und alles Negative abgestreift hat? Sonja Brentjes: Ich denke, die Vernachlässigung der Erforschung vormoderner Wissenschaft ist auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen. Das hat sicherlich mit der Tradition katholischer Apologetik zu tun, die dem Islam Rationalität schlechthin abspricht. Das wurzelt schon imMittelalter und macht es dem Westen seitdem schwer, eigenständigeintellektuelle Entwicklungen im Islam anzuerkennen. Sie finden das in ganz unterschiedlichen Positionen, etwa der Behauptung, die intellektuellen Errungenschaften islamischer Gesellschaften seien eigentlich nur griechisches Erbe. In der frühen Neuzeit kommt durch die Konfrontation mit dem Osmanischen Reich eine weitere Komponente hinzu: Die Türken seien zwar ein kriegerisches Volk, heißt es etwa in der zeitgenössischen Literatur, hätten aber, im Unterschied zu anderen asiatischen Völkern, keine Zivilisation. Daher konzentrierten sich die Forschungen zur Wissenschaftsgeschichte vornehmlich auf die arabischen Länder im 9. bis 13. Jahrhundert. Die spätere Zeit wurde zumeist aus der Perspektive eines "Niedergangs der Wissenschaft" betrachtet. Hier liegen die Wurzeln für das Bild des exotischen Orients, das im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Konflikten jetzt wieder von Teilen der Presse hervorgekramt wurde, mit der Herrschaft der Frauen, Eunuchen, freier Sexualität - aber ohne Wissenschaft. Schließlich dürfen wir auch nicht vergessen, wie sich das Fach Wissenschaftsgeschichte islamischer Zivilisationen im universitären Kontext entwickelt hat: Da ging es seit dem 17. Jahrhundert schwerpunktmäßig darum, die in den arabischen Schriften erhaltene griechische Wissenschaft wieder zu entdecken. Die Verständnislinien, die hier geprägt wurden, haben sich noch auf meine eigene Ausbildung vor 30 Jahren ausgewirkt. Das heißt, die islamischen Wissenschaftstexte wurden nur als Quellen für die griechische Antike gelesen? Sonja Brentjes: Ja, und es ist ein wichtiges Verdienst der Forschung, gegen diese dominante Position die Eigenständigkeit islamischer Wissenschaft nachgewiesen zu haben. Im Mittelpunkt Ihrer Konferenz standen die Begriffe "Gewissheit, Zweifel, Irrtum". Können Sie ein Beispiel nennen für die Bedeutung dieser Begriffe im Rahmen vormoderner Wissenschaft? Sonja Brentjes: In einer beliebigen astronomischen Schrift aus dem 9. Jahrhundert oder später werden Sie finden, dass Fragen der Zuverlässigkeit der Parameter, der Notwendigkeit neuer Beobachtungen, neuer Berechnungen und so weiter diskutiert werden. Im Kontext der Astronomie sind diese Begriffe sehr wichtig. Wir möchten anregen, sich einmal über die Begrifflichkeiten als solche zu verständigen. Werden fehlerhafte Angaben, etwa bei Ptolemäus, einfach nur durch neue Beobachtungen korrigiert oder spielen noch andere, kulturelle Faktoren eine Rolle? Werden zum Beispiel griechische, indische oder vorislamische persische Texte von vornherein als zuverlässiger als die jeweils anderen angesehen? Und warum? Die bisherige Forschung unterstellt zumeist, dass die griechischen Texte schlicht besser waren als aus den beiden anderen Kulturkreisen. Aber das halte ich für zu einfach. Das klingt allerdings arg simplifizierend. Sonja Brentjes: Ich habe es jetzt auch bewusst vereinfacht. Die drei Begriffe sind aber auch insofern interessant, als es im arabischen Raum eine ganze Literaturgattung gibt, die "Zweifel an ..." im Titel führt, wobei immer große Autoritäten folgen, also: "Zweifel an Ptolemäus", "Zweifel an Galen", "Zweifel an Aristoteles" und so weiter. Wir wollen untersuchen, wie diese Literaturgattung entsteht und in welchem Zusammenhang sie mit der Widerlegungsliteratur und den apologetischen Schriften steht. Das muss man auch vor dem Hintergrund sehen, dass in westlicher Perspektive der Umbruch zur modernen Wissenschaft häufig mit dem massiven Zweifel an den antiken Autoritäten in Zusammenhang gebracht wird. In der islamischen Wissenschaft hat es diesen Zweifel immer gegeben. Dort ist offenbar eine andere Position zu Kritik und Zweifel entwickelt worden, als wir sie für das mittelalterliche Europa festmachen können. Das mag ein Grund dafür sein, dass es in muslimischen Gesellschaften nicht zu diesem großen Aufstand kommt wie in Westeuropa, sondern zu einer Serie kleinerer Aufstände. Wir sind aufgrund der Geschichte der europäischen Aufklärung gewohnt, Wissenschaft und Religion als Gegner wahrzunehmen. Zeigt die Geschichte des Islam nicht, dass Religion die Wissenschaft auch durchaus fördern kann? Die Entwicklung geografischer Verfahren zur Bestimmung der Richtung, in der Mekka liegt, dient ja erstmal religiösen Bedürfnissen. Sonja Brentjes: Die These von der Religion als Hemmnis der Wissenschaft ist zunächst einmal eine These der Aufklärung, die im späten 19. Jahrhundert von der Wissenschaftsgeschichte wieder aufgegriffen wurde. Sie wird aber von heutigen Historikern nicht mehr in dieser Form vertreten. Nach heutigem Forschungsstand kann man nicht sagen, dass die Religion die Entwicklung der Wissenschaft immer wieder massiv behindert hätte. Insofern sind die Unterschiede zu muslimischen Gesellschaften nicht so groß. Natürlich ist die Bestimmung der Gebetsrichtung nach Mekka in erster Linie ein religiöses Phänomen. Das heißt aber nicht, dass die Vertreter der religiösen Wissenschaften besonders interessiert daran gewesen wären, Präzisionsergebnisse zu bekommen. David A. King, zu dessen 60. Geburtstag wir diese Konferenz veranstaltet haben, hat das in vielen Arbeiten gezeigt. Wichtig waren praktikable Verfahren, die von den Gläubigen akzeptiert werden konnten. Hier spielt also wieder der kulturelle Kontext eine entscheidende Rolle. Selbst heute sind Muslime davon überzeugt, in der Moschee in Richtung Mekka zu beten. Dabei ist das keineswegs der Fall, die meisten Moscheen sind nicht präzise ausgerichtet. Es gab allerdings vereinzelt muslimische Gesellschaften, die an größerer Präzision interessiert waren und entsprechende Forschungen gefördert haben. Zeigt demnach auch das Beispiel der islamischen Geschichte, dass sich die Wissenschaft von der Religion emanzipieren muss? Sonja Brentjes: Das ist schwer zu sagen. Ich würde nicht sagen wollen, dass man zur wirklichen Wissenschaft nur kommt, indem man sich frei macht von kulturellen Faktoren. Das wissenschaftliche Weltbild, mit dem ich aufgewachsen bin, sagt genau das, aber das halte ich für absurd. Die Geschichte zeigt, dass Wissenschaft sich nicht von der Religion lösen muss und die europäische Aufklärung kein Modell ist, dem alle Gesellschaften auf dem Weg in die Moderne unvermeidlich folgen müssen. Das sage ich als Historikerin. Als Privatperson würde ich allerdings sagen, dass die Emanzipation der Wissenschaft von der Religion wünschenswert ist. Das Konfliktpotenzial wird sonst zu groß. Ein Beispiel: Im August war ich auf einer Tagung in Jordanien, die sich mit Religion und Wissenschaft in islamischen Gesellschaften beschäftigte. Ein jordanischer Teilnehmer, mit dem ich mich beim Mittagessen unterhielt, erzählte mir, dass er Genetiker sei und auch jahrelang an der Universität gelehrt hätte. In den letzten Jahren war er jedoch von Vertretern dessen, was bei uns Fundamentalismus genannt wird, wiederholt aufgefordert worden, Genetik auf der Basis des Korans zu lehren. Das hat er abgelehnt und ist darin auch durch den Rektor der Universität unterstützt worden. Aber schließlich hat er aufgegeben und hat die Universität verlassen. Unter diesem Druck könne er keine Wissenschaft betreiben, sagte er. Wissenschaftsgeschichte wird oft in enger Verbindung mit der Mediengeschichte gesehen. Es gibt eine Theorie, die die Entwicklung der Wissenschaft bei den Griechen auf deren Übernahme des phonetischen Alphabets von den Phöniziern zurückführt. Und in der Renaissance spielte die Druckerpresse eine wichtige Rolle. Gab es Vergleichbares in der Geschichte der islamischen Wissenschaft? Sonja Brentjes: In der europäischen Literatur wird das Zurückbleiben der frühneuzeitlichen islamischen Wissenschaft gegenüber der europäischen gelegentlich mit dem Fehlen der Druckerpresse erklärt. Es sind zunächst vereinzelt Druckereien in den islamischen Kulturkreis eingeführt worden, die aber jeweils nur von lokaler Bedeutung waren. Die erste Druckerpresse im Osmanischen Reich entsteht in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts und druckt nicht-religiöse Texte, vornehmlich zur Sprachvermittlung, zum Militär, zur Geografie und zur Geschichte. Wirklich weit verbreitet im Bereich muslimischer Gesellschaften ist der Buchdruck erst im 19. Jahrhundert. Ob der Mangel an diesem Medium die Entwicklung der Wissenschaft nachhaltig gehemmt hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Umgekehrt hat sich aber die starke Ausbreitung gedruckter Texte im 19. Jahrhundert im Bereich der allgemeinen und politischen Aufklärung und Modernisierung eindeutig positiv ausgewirkt. Eine damit verbundene Revolutionierung der Wissenschaften ist dagegen nicht so eindeutig zu erkennen. Wissenschaft ist ohne Schrift schwer vorstellbar. Nun erleben wir aber gegenwärtig mit der Entwicklung bei den digitalen Medien eine Umwälzung, die möglicherweise ähnlich tiefgreifend ist wie die Einführung der Schriftzeichen. Halten Sie es für denkbar, dass sich damit einhergehend auch ein neues, post-wissenschaftliches Denksystem entwickeln könnte? Sonja Brentjes: Ich teile die These, dass Wissenschaft an Schrift gebunden ist, nicht. Angesichts der sehr starken Oralität etwa im indischen Denken bin ich da sehr zurückhaltend. Sicherlich hat die Schrift die Verbreitung wissenschaftlichen Denkens stark gefördert, aber sie war keineswegs die einzige Komponente für dessen Entwicklung. Selbst in der Renaissance waren verschiedene Formen von Mündlichkeit noch sehr wichtig. Auch der gesamte islamische Lehrbetrieb, obwohl er immer wieder schriftlich fixiert wird, ist in all seinen Methoden oral aufgebaut. Die Reproduktion von Wissenschaft erfolgt primär mündlich im direkten Lehrer-Schüler-Verhältnis. Heute bewirken die neuen Medien sicherlich Veränderungen in den Formen, in denen Wissenschaft betrieben wird. Ich hoffe aber nicht, dass wir Wissenschaft loswerden. Ich hoffe, dass sie sich verändert. Geht diese Hoffnung in eine bestimmte Richtung? Sonja Brentjes: An den gegenwärtigen Formen von Wissenschaft stört mich, dass sie extrem abhängig vom Geld ist und wenig Verantwortung übernimmt. Die Professionalisierung wirkt so stark, dass Wissenschaft immer mehr zum Beruf geworden ist. Sie ist kaum noch Berufung. Insofern wünsche ich mir eine stärkere Verantwortungsbereitschaft und Demokratisierung - alles Forderungen von vor 30 Jahren, die ich aber noch nicht eingelöst sehe. Da können die neuen Medien mit ihren Möglichkeiten zur Visualisierung und Veranschaulichung wissenschaftlicher Zusammenhänge sicherlich einiges bewirken. Dagegen wünsche ich mir keine Ablösung der Wissenschaft als dominierendes Denksystem, etwa durch religiöse Systeme. Der große Vorzug von Wissenschaft bei allen Defiziten, die sie hat, ist ihr eigener Anspruch, kritisch zu sein. Das gibt es in keinem anderen System. Links [1] http://www.uni-frankfurt.de/fb13/ign/symposium2001.html [2] http://www.uni-frankfurt.de/fb13/ign/symposium_purpose.html Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/lis/11301/1.html ------------------------------------------------------------------------ Copyright © 1996-2004. All Rights Reserved. Alle Rechte vorbehalten Heise Zeitschriften Verlag, Hannover