
Führende Raumfahrtwissenschaftler und -unternehmen haben ihre Pläne für eine deutsche und europäische Mond- und Weltraum-Mission konkretisiert. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt prüfe zurzeit die Erkundung des Mondes mit einer um den Erdtrabanten kreisenden Sonde, sagte ein Sprecher am Freitag zum Abschluss des 2. Bremer Kongresses "To Moon and beyond".
"Der Mond ist kein toter Felsbrocken", sagt Hakan Kayal. "Dort passiert etwas." Immer wieder werden auf der Mondoberfläche Lichtblitze beobachtet, die von wenigen Sekunden bis zu mehreren Stunden dauern können. Die Ursache dieses "Transient Lunar Phenomenon" ist bislang ungeklärt. Es könnte sich um Meteoriteneinschläge handeln, aber auch um elektrische Entladungen, thermische Effekte oder anderes. Angesichts der bevorstehenden Rückkehr von Menschen zu unserem kosmischen Nachbarn, so Kayal, sei es wichtig, mehr darüber zu wissen.
Der Wissenschaftler von der Technischen Universität Berlin möchte dafür zwei Satelliten ins All schicken, die den Mond permanent beobachten und die Blitze aufzeichnen sollen. Unter den über 80 Teilnehmern aus 16 Ländern, die sich an den vergangenen drei Tagen in Bremen trafen, um unter dem Tagungstitel "To Moon and beyond" über den Aufbruch ins All zu diskutieren, konnte Kayal damit wie ein Exot erscheinen: Schließlich sollen seine Satelliten den Mond nur von der Erde aus beobachten, nicht hinfliegen. ESA-Astronaut Thomas Reiter, der bei seinem Vortrag faszinierende Videoaufnahmen vom Langzeitaufenthalt auf der Internationalen Raumstation ISS zeigte, erinnerte allerdings zu Recht daran, dass mit dem erdnahen Orbit mehr als die Hälfte des Weges zum Mond bewältigt sind.
Es war die 2. Konferenz, die sich unter diesem Titel mit Missionen zum Mond und weiter beschäftigte. Die auffälligste Veränderung gegenüber der ersten vor 18 Monaten, ebenfalls in Bremen, war neben der Verdreifachung der Teilnehmerzahl die größere Bandbreite und Detailfreudigkeit der Vorträge.
Olga Bannova etwa, Architektin von der University of Houston, sprach darüber, welche Art modularer Bausteine am besten geeignet wäre, um daraus Mondbasen zu bauen. Dabei unterwarf sie sich realistischen Beschränkungen: Die einzelnen Module durften maximal 15 Tonnen wiegen, und mussten in einen Laderaum von 3,75 Meter Durchmesser und 12 Meter Länge passen. Automatische Landegeräte sollen sie mithilfe von Kabeln auf der Mondoberfläche absetzen und dann selbst an einer anderen Stelle landen, um möglichst wenig Staub aufzuwirbeln.
Kazuki Watanabe von der WEL Research Co. in Chiba, Japan, stellte einen ausfahrbaren Turm vor, der am Mondnordpol errichtet werden soll, um mit seinen Solarzellen in 15 Meter Höhe die Energieversorgung einer Forschungsstation auch während der 14-tägigen Mondnacht zu gewährleisten. Naoko Hatanaka von der University of Tokyo beschäftigte sich mit den Möglichkeiten, aus den Rohstoffen auf dem Mond Beton herzustellen und als Strahlenschutz für Mondbasen zu verwenden.
Die Nutzung von Weltraumressourcen war ein Thema vieler Vorträge. M. Grasso vom Politecnico di Milano etwa präsentierte eine Software, mit der sich nicht nur die Sauerstoffproduktion aus Mondstaub, sondern alle Komponenten einer Mondbasis simulieren lässt. Anders lässt sich eine dauerhafte Präsenz von Menschen auf anderen Himmelskörpern nicht realisieren, da waren sich alle Konferenzteilnehmer einig.

Ist es wirklich schon an der Zeit, sich um solche Details zu kümmern? Es scheint so. Cristian Bank von EADS Space Transportation sprach von einer "aufregenden Periode der bemannten Raumfahrt" und entwickelte Vorschläge, wie die vorhandene europäische Raumfahrttechnologie weiter entwickelt werden könnte, um den Weg zum Mond zu bewältigen. Er bescheinigte Europa gute Voraussetzungen, um bei internationalen Missionen eine wichtige Rolle spielen zu können. Es müsse dafür aber noch einiges an Arbeit investiert werden.
Ein wichtiges Datum für die europäischen Raumfahrtaktivitäten ist Ende 2008. Dann treffen sich die Raumfahrtminister der ESA-Mitgliedsstaaten, um über das Programm der nächsten drei Jahre der europäischen Weltraumorganisation zu beschließen. Dabei könnte auch ein Thema wieder auf die Tagesordnung kommen, das seit über zehn Jahren praktisch tabu war: ein eigenes europäisches System für bemannte Missionen.
Bislang sind europäische Astronauten auf Mitflugmöglichkeiten bei den Russen oder Amerikanern angewiesen. Eine Abhängigkeit, die von vielen schmerzlich empfunden wird und die dazu beiträgt, dass Europa nicht wirklich als vollwertiger Raumfahrtpartner anerkannt wird. Bernhard Hufenbach vom ESA-Forschungszentrum ESTEC im niederländischen Noordwijk hält daher die im Jahr 2008 anstehende Entscheidung über das "Crew Space Transportation System" (CSTS) für die wichtigste, um Europa zu einem "global player" zu machen. Bislang beteiligt sich die ESA mit zwei Millionen Euro an der Entwicklung dieses russischen Systems, was zunächst kaum mehr als eine Absichtserklärung ist.
Ernst Messerschmid, Astronaut und Professor für Weltraumsysteme an der Universität Stuttgart, unterstrich diesen Punkt bei der abschließenden Pressekonferenz. Ein eigener, unabhängiger Zugang zur ISS, die mit den Mondplänen alles andere als abgeschrieben sei, sei unabdingbar für Europa.
"Die Zeit ist reif", fasste Manfred Fuchs, Chef der Bremer Raumfahrtfirma OHB Systems, die Konferenz zusammen. Er verwies auf die vielen anderen Länder wie China, Indien oder die USA, die an Missionen zum Mond arbeiteten. "Die anderen können doch nicht alles falsch machen."
Die Orientierung an den anderen könnte allerdings problematisch sein. Apollo-11-Astronaut Buzz Aldrin, der als Stargast geladen war, hatte zu Beginn des Symposiums eine wichtige Frage gestellt, ohne eine Antwort zu erhalten. "Was macht ihr Europäer eigentlich, wenn die USA das Explorationsprogramm wieder einstellen?"