[DIE WELT.de] [Image] Britische Rockmusik vom Mars In der Heiligen Nacht soll der Marsroboter "Beagle 2" auf dem Roten Planeten landen - und Musik funken von Hans-Arthur Marsiske [Marsroboter Beagle 2] Rom -  Zum Mars zu fliegen ist nach wie vor Marsroboter Beagle 2 keine leichte Sache. Mehr als die Hälfte aller Foto: dpa  Missionen, die in den vergangenen 43 Jahren zum Roten Planeten geschickt wurden, scheiterten. Zuletzt musste die Sonde "Nozomi", der erste Versuch Japans, unseren Nachbarplaneten zu erreichen, am 9. Dezember aufgegeben werden. In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die erste europäische Mission zum Roten Planeten "Mars Express" erfolgreich sein wird. Eine schwierige Hürde beim Landeanflug hat die Sonde bereits erfolgreich genommen. Am vergangenen Freitag trennte sich das Mutterschiff vom Landefahrzeug "Beagle 2", das in der Nacht zum ersten Weihnachtstag auf der Marsoberfläche aufsetzen soll. Das Trennungsmanöver war besonders kritisch, da "Beagle 2" über keinen eigenen Antrieb verfügt. Ein Fehler bei der Trennung der beiden Komponenten hätte nachträglich nicht mehr korrigiert werden können. Ganz sanft schob die Muttersonde ihren Passagier von sich, damit er weiter auf dem präzise kalkulierten Kurs fliegt. Dann erst feuerte sie ihre Antriebsraketen, um den eigenen Kurs in Richtung Marsorbit zu ändern. Wenn weiterhin alles gut geht, wird "Beagle 2" am ersten Weihnachtstag gegen 3.45 Uhr in der Tiefebene Isidis Planitia auf den Mars prallen und - geschützt durch mehrere Airbags - einige Male herumspringen. Erst nachdem er zur Ruhe gekommen ist, werden die Airbags abgetrennt und die Solarmodule entfaltet. Ungefähr zur gleichen Zeit wird "Mars Express" selbst noch einmal das Haupttriebwerk zünden, um in eine Umlaufbahn einzuschwenken. Bald darauf kann dann die eigentliche Forschungsarbeit beginnen. In deren Mittelpunkt steht die Suche nach Leben. Dabei geht es sowohl um möglicherweise heute noch existierende Lebensformen als auch um Spuren früheren Lebens. Die Hoffnungen, hierbei fündig zu werden, sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Denn zum einen wurden auf der Erde Mikroorganismen entdeckt, die unter extremen Bedingungen existieren können. Zum anderen konnten im Weltall komplexe Kohlenstoffverbindungen nachgewiesen werden, die wichtige Vorstufen des Lebens sind. Vor allem aber deuten Landschaftsformationen auf dem Mars darauf hin, dass dort vor geologisch relativ kurzer Zeit Wasser geflossen sein könnte. Flüssiges Wasser wiederum gilt als eine der Hauptbedingungen für die Entstehung und Entwicklung von Leben. Der "Mars Express"-Orbiter hat daher ein Instrument an Bord, das geologische Strukturen bis in eine Tiefe von mehreren Kilometern erkennen kann: das "Mars Advanced Radar for Subsurface and Ionosphere Sounding" (Marsis). "Das Gerät", so erklärt Versuchsleiter Giovanni Picardi von der Universität Rom, "ist ein Versuch, eine der schwierigsten Fragen über die Geschichte des Mars zu beantworten: Was ist mit all dem Wasser passiert, das einst Rinnen und Kanäle in die Oberfläche des jungen Planeten gegraben hat?" Die US-Marssonde "Odyssey", die seit zwei Jahren den Planeten umkreist, hatte mit einem Gammastrahlen-Spektrometer insbesondere in höheren Breiten bereits Hinweise auf beachtliche Wassereisvorräte in Oberflächennähe gefunden. Mit seiner 40 Meter langen Antenne soll Marsis diese Ergebnisse jetzt im wörtlichen Sinne "vertiefen". "Marsis wird Radarwellen zur Planetenoberfläche senden", so Picardi. "Viele werden von der Oberfläche reflektiert, einige aber werden sie durchdringen und Echos zurücksenden, wenn sie auf geologische Strukturen wie Sedimentablagerungen, Eis oder flüssiges Wasser treffen." Die Marsoberfläche selbst wird unterdessen von der hoch auflösenden Stereokamera HRSC (High Resolution Stereo Camera) mit bislang unerreichter Detailgenauigkeit erfasst. Wie drei weitere der insgesamt sieben Instrumente an Bord von "Mars Express" war auch diese Kamera bereits Bestandteil der russischen Sonde "Mars "96", die 1996 nach dem Versagen der vierten Raketenstufe zurück ins Meer stürzte. Für Professor Gerhard Neukum, Planetenwissenschaftler an der Freien Universität Berlin und Chefentwickler der Kamera, war das damals ein schwerer Schlag: "Es ist nicht leicht, eine Kamera an Bord eines Raumfahrzeugs zu bekommen", erinnert er sich. "Sie ist das politisch sensibelste Instrument, da sie die Bilder erzeugt, die dann jeder zu sehen bekommt. Daher war es praktisch unmöglich, eine weitere Kamera mit einer US-Sonde zu fliegen." Umso glücklicher ist Neukum, dass sich HRSC nun an Bord der ersten europäischen Marssonde befindet und die erste dreidimensionale Karte des Roten Planeten erstellen soll - mit einer Auflösung von zehn bis 20 Meter, an ausgesuchten Stellen auch bis zu vier Meter und in Farbe. "Wir werden eine völlig neue Welt in 3D enthüllen", sagt er, "die Bilder werden den Mars so zeigen, als wären sie von einem niedrig fliegenden Flugzeug aufgenommen. Und wer weiß, vielleicht bereiten wir damit die Landung von Astronauten vor." Zunächst einmal muss aber der nach dem Forschungsschiff Charles Darwins benannte Roboter "Beagle 2" sicher und unverletzt auf dem Mars landen. Ob das gelungen ist, werden die Techniker im Bodenkontrollzentrum in Darmstadt wissen, wenn sie eine kurze Sequenz aus einem eigens von der britischen Rockgruppe Blur komponierten Stück hören. Anschließend wird "Beagle 2" seine Kameras und Spektrometer anhand eines kreditkartengroßen Bildes des Künstlers Damien Hirst kalibrieren. Die Briten, die bei der Entwicklung von "Beagle 2" federführend waren, wissen eben, was sie der irdischen Öffentlichkeit schuldig sind. Richtig spannend wird es, wenn der Roboter zu graben beginnt. Denn "Beagle 2" ist das erste Landegerät auf dem Mars, das über ein Bohrsystem verfügt. Wie ein Maulwurf arbeitet sich der Bohrer in die Tiefe: Ein Hammermechanismus in einer nach außen abgeschlossenen Hülse bewegt sich hin und her und treibt das Gerät durch die Massenträgheit voran - bis zu 2,60 Meter tief. "Die Schlagenergie würde sogar bis in fünf Meter Tiefe reichen - vorausgesetzt, dass unsere Vorstellungen von der Beschaffenheit des Marsbodens zutreffen", sagt der Chefkonstrukteur des Bohrgeräts, Lutz Richter vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Bei Tiefen über einem Meter wächst aber das Risiko, den Maulwurf nicht mehr an die Oberfläche ziehen zu können. Wir werden uns daher vorsichtig in immer größere Tiefen vortasten." Aber auch ein Meter Bohrtiefe könnte schon ausreichen, um für eine Sensation zu sorgen. Während organische Materie an der Marsoberfläche rasch durch die ultraviolette Strahlung der Sonne zersetzt wird, könnten schon eine Armlänge darunter Bedingungen herrschen, die einfachen Mikroorganismen das Überleben ermöglichen - oder Spuren ihrer früheren Existenz bis heute erhalten haben. Ganz unbegründet ist die Zuversicht der Forscher daher nicht: Die neun Töne aus dem Blur-Stück, mit denen "Beagle 2" nach der erfolgreichen Landung auch seine Datenübermittlungen ankündigen wird, könnten ein neues Zeitalter der Wissenschaft einläuten. In wenigen Tagen oder Wochen werden wir dies genauer wissen. Artikel erschienen am 24. Dez 2003 Artikel drucken   © WELT.de 1995 - 2003