Beagle 2 - die Marssonde schweigt
Raumflug: Europas Durchbruch zum Roten Planeten gelang nur teilweise. Die Umlaufbahn wurde perfekt getroffen. Doch was ist mit der Lande-F”hre Beagle 2? Das bange Warten auf ein erstes Signal.
Von Hans-Arthur Marsiske
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Colin Pillinger, britischer Planetologe, gilt als der Vater der Mars-Landef”hre Beagle 2.
Foto:
ap
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Darmstadt -
Unb”ndige Freude und bange Zweifel - bei Europas Raumfahrt-Wissenschaftlern und -Technikern liegt beides eng beieinander an diesem Weihnachtsfest. Die ganze Heilige Nacht hindurch haben sie im Bodenkontrollzentrum der Europ”ischen Raumfahrtagentur ESA in Darmstadt gebannt auf Monitore und Schalttafeln geblickt, um die entscheidende Phase ihrer ersten Mars-Expedition zum Erfolg zu f¸hren. Doch die wird - vorerst - nur ein Teilerfolg. Kurz nach f¸nf Uhr in der Fr¸h verk¸ndet Bodenkontroll-Chef Michael McKay den 200 Journalisten und G”sten: "Es gibt erste Anzeichen f¸r ein erfolgreiches Einschwenken in den Orbit." Will sagen: Die Sonde Mars-Express hat nach 205 Tagen Flug ihre Umlaufbahn um den 157 Millionen Kilometer entfernten Roten Planeten planm”þig gefunden.
Doch nur Stunden sp”ter wird diese Freude getr¸bt: Was ist aus der Beagle 2 geworden, jenem Labor, das sich vor Tagen von der Muttersonde getrennt hat und gegen vier Uhr an diesem Morgen auf dem Mars h”tte aufsetzen sollen?
Als um acht Uhr noch immer nicht das erste Lebenszeichen der Beagle zu h–ren ist - einige Takte des Songs "No Distance Left To Run" von der britischen Popgruppe Blur -, tritt diesmal ESA-Wissenschaftsdirektor David Southwood vor die versammelten Journalisten: Der erste Versuch, Daten der gelandeten Beagle zu empfangen, sei fehlgeschlagen. Zu diesem Zeitpunkt h”tte die ESA gern etwas anderes, Spektakul”res pr”sentiert: n”mlich erste Panoramafotos von der Mars-Oberfl”che, geschossen von einer Kamera an Bord des Landesger”ts.
Dass nichts dergleichen in Darmstadt ankommt, kann verschiedene Gr¸nde haben: Die Batterien der Beagle sind leer, oder die Sendeantenne steht in einer ung¸nstigen Position, oder die niedrige Temperatur hat die Frequenz verschoben, oder - schlimmstenfalls - die Beagle ist beim Aufprall zerschellt, weil die Fallschirme und Airbags nicht funktionierten.
Southwood macht sich und den anderen Mut. "Das ist keineswegs das Ende der Mars-Mission!" Man werde weitere Versuche unternehmen, ein Signal zu bekommen. Auch Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), die sich den Durchbruch Europas zum Mars nicht entgehen lassen wollte, muntert die Wissenschaftler und Techniker in Darmstadt auf: Das Projekt sei erfolgreich, sagt sie - "ob es ein sehr erfolgreiches Projekt wird, zeigen die n”chsten Tage".
Immerhin: Dass die Mars-Express auf einer Entfernung von 157 Millionen Kilometern lediglich sechs Kilometer von der vorgesehenen Bahn abwich, als sie in den Orbit des Mars eintrat, darf als Glanzleistung verbucht werden. Das ist in etwa so, als h”tte Wilhelm Tell bei seinem ber¸hmten Schuss mit der Armbrust in Genf und sein Sohn in Kopenhagen gestanden. Und Tell h”tte mit dieser Pr”zision nicht einen Apfel, sondern eine Mandarine auf dem Kopf seines Filius getroffen.
Ðberdies ist Mars-Express der entscheidende Teil dieser europ”ischen Mission. Zwei Jahre lang soll die Sonde den Mars umkreisen und unter anderem mit einer von deutschen Wissenschaftlern entwickelten Kamera farbige und dreidimensionale Bilder der Marsoberfl”che liefern. Besonders neugierig sind die Forscher auf die Erkenntnisse eines speziellen Radarger”tes, das bis zu f¸nf Kilometer tief in den Boden hineinblicken kann. Mit Hilfe dieses Instruments k–nnten unter der Oberfl”che vermutete Wasservorr”te entdeckt werden, die sich sonst nur durch Bohrungen feststellen lieþen. Der Fund von Wasser w”re auch ein Hinweis auf die M–glichkeit von Leben auf dem Mars.
W”hrenddessen soll die 67 Kilo schwere Beagle 2 Panoramabilder machen und Proben von der Marsoberfl”che nehmen. Das aus Deutschland stammende Bohrger”t kann mehr als einen Meter tief in den Boden eindringen. Die Proben werden in einem Minilabor der Beagle auf Lebensspuren, vor allem Kohlenwasserstoffverbindungen und chemische Spuren fr¸herer Lebensprozesse, analysiert und die Ergbnisse zur Erde gefunkt. Allerdings hat das Landeger”t nur eine Lebensdauer von wenigen Monaten; dann werden die aggressiven Bedingungen auf dem Roten Planeten es so weit angegriffen haben, dass es nicht mehr arbeitsf”hig ist.
Doch was wird aus der Beagle 2, die nach dem Forschungsschiff von Charles Darwin benannt ist? Den "worst case" namens Absturz mag sich in Darmstadt niemand vorstellen. Zu groþ ist die Hoffnung der Europ”er auf den Triumph, als Erste nach den Amerikanern auf dem Mars zu landen. Seit 1962 scheiterten zahllose Versuche mehrerer Raumfahrtnationen, und erst im Jahre 1976 gelang es den USA, eine Sonde auf dem Roten Planeten sanft aufzusetzen.
Auch die Reise der Beagle 2 und ihre Abtrennung von der Muttersonde am 19. Dezember verliefen vollkommen planm”þig. Die letzten 1,5 Millionen Kilometer sollte sie stumm zur¸cklegen; da die Batterie f¸r den Landevorgang gebraucht wurde, arbeitete w”hrend des Freifluges nur die elektronische Uhr. Der Bordcomputer der Beagle 2 sollte erst zwei Stunden vor der Landung aktiviert werden.
Der Kontakt zu Beagle 2 wird nicht direkt, sondern ¸ber die Muttersonde Mars-Express oder den amerikanischen Orbiter Odyssey hergestellt, der seit zwei Jahren den Mars umkreist. Einmal am Tag ¸berfliegt Odyssey den vorgesehenen Beagle-Landeplatz Isidis Planitia und versucht ein Signal aufzunehmen. Dieses w¸rde zun”chst von der US-Raumfahrtbeh–rde NASA analysiert und dann nach Europa weitergeleitet. Ein weiterer Versuch am Freitagabend scheiterte. Zugleich sucht das britische Radioteleskop in Jodrell Bank nach Signalen vom Mars.
"Wir sind noch nicht nerv–s", versichert Lutz Richter vom Deutschen Zentrum f¸r Luft- und Raumfahrt. Es k–nne unter Umst”nden eine ganze Woche dauern, bis ein Signal empfangen werde. Und Beagle-2-Missionsleiter Colin Pillinger aus Groþbritannien verbreitet Optimismus mit einem Vergleich aus dem Fuþball: "Wir sind jetzt in der Nachspielzeit und haben noch keine gelbe Karte."
erschienen am 27. Dez 2003
in Aus aller Welt
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