[Hamburger Abendblatt] [Image] [Image] [Image] [Image] [Image] [Image] [Image] Wissen Alles hängt an diesem Start Ariane-5-ECA: Die letzte Chance für die größte europäische Rakete. Aber der Sonnabend entscheidet auch über das ehrgeizige Raumfahrtprogramm Europas. Von Hans-Arthur Marsiske [Um einen Tag auf Sonnabend verschoben: der Start der Ariane-5-ECA im Weltraumbahnhof Kourou.]Die Um einen Tag auf Sonnabend verschoben: der Start der Ariane-5-ECA im Weltraumbahnhof Kourou. Nerven Foto: ESA liegen blank bei den europäischen Raumfahrttechnikern. Denn diesmal geht¹s ums Ganze: Sollte der für Sonnabend geplante Start der europäischen Trägerrakete Ariane-5-ECA vom südamerikanischen Weltraumbahnhof im Dschungel bei Kourou erneut scheitern, wäre das ein derber Rückschlag für die europäische Raumfahrt. Die erweiterte Version der Ariane-5 (ECA steht für: Evolution Cryotechnique Version A) sollte schon vor gut zwei Jahren in Betrieb gehen. Doch beim Jungfernflug am 12. Dezember 2002 versagte nach drei Minuten in einer Höhe von 70 Kilometern das Kühlsystem im neu konstruierten Haupttriebwerk. Die Rakete kam vom Kurs ab und mußte zusammen mit den zwei Satelliten, die sie transportieren sollte, gesprengt werden. Die über 400 Millionen Euro teuren High-Tech-Geräte wurden in Einzelteile zerfetzt, die im Atlantik versanken. "Wenn es wieder nicht klappt, müssen wir wohl sagen: Wir können es nicht", sagt Horst Holsten, Raumfahrtingenieur bei EADS Space Transportation in Bremen. Der seit dem 31. Januar 2005 pensionierte Raketenexperte war bei der Entwicklung der Ariane von Anfang an dabei und zum Schluß für das gesamte Programm verantwortlich. Diese Konzentration der Verantwortung an einer Stelle ist die vielleicht wichtigste Konsequenz aus den Fehlschlägen der Trägerrakete, von denen der vom 12. Dezember 2002 nur der vorläufig letzte war. Auch der Jungfernflug der Ariane 5 im Jahr 1996 endete bereits in einer riesigen Explosionswolke nicht einmal eine Minute nach dem Abheben. Damals hatte die Europäische Weltraumorganisation ESA die Rakete ganz selbstbewußt schon beim Erstflug mit den teuren "Cluster"-Forschungssatelliten bestückt. Als Grund für das Scheitern wurde damals ein Softwarefehler identifiziert: Obwohl die Ariane 5 mit leistungsfähigerer Hardware ausgestattet war als das Vorgängermodell Ariane 4, war die Software noch auf die alten Werte ausgerichtet. Als eine Pumpe auf einmal Daten übermittelte, die diesen Rahmen sprengten, schaltete der Computer sich ab. Heute gilt dieses Unglück als einer der zehn größten Computerabstürze aller Zeiten. Die tieferen Ursachen für die Schwierigkeiten des europäischen Raketenprogramms liegen aber wohl im Management. Denn bei der ESA galt lange Zeit das Prinzip des "geographical return": Die Auftragsvergabe bei Raumfahrtprojekten orientierte sich in erster Linie daran, wieviel die jeweiligen Mitgliedsstaaten eingezahlt hatten. Das hatte ein Kompetenzwirrwarr zur Folge, bei dem "jeder die Verantwortung an den nächsten weitergeben konnte", wie Holsten zugibt. So konnte es geschehen, daß vor dem Erstflug der Ariane-5-ECA auf den Test einer neuen Düse im Vakuum verzichtet wurde. Zu teuer, zu zeitaufwendig und eigentlich auch nicht erforderlich, hieß es damals - ein fataler Irrtum. Der schwierige Kompromiß zwischen politischen Rücksichtnahmen und technologischen Erfordernissen mag auch dafür verantwortlich sein, daß bei der Entwicklung der Ariane 5 von vornherein zu hohe Risiken eingegangen wurden. Kritiker hatten angemahnt, daß beim Übergang von der ausgereiften und sehr zuverlässigen Ariane 4 zur Ariane 5 zu viel verändert worden war. Im Unterschied dazu entwickeln beispielsweise die Russen ihre Raumfahrtsysteme seit Jahrzehnten immer nur in kleinen Schritten weiter und verfügen heute mit der Sojus über eine der zuverlässigsten Trägerraketen der Welt. Doch nun bleibt den Europäern nichts übrig, als auf dem einmal eingeschlagenen Weg weiter voranzuschreiten. Zwei Jahre intensiver Studien und Tests liegen hinter den Technikern, alles Menschenmögliche wurde getan, um den zweiten Versuch mit der Ariane-5-ECA zum Erfolg - sprich: in die Erdumlaufbahn - zu führen. Wenn der Start am kommenden Sonnabend klappt, könnte Europa beim knapper gewordenen Satellitengeschäft doch noch im Rennen bleiben. Ziel ist es, mit einem Raketenstart bis zu zehn Tonnen Nutzlast, statt wie bisher lediglich sechs Tonnen, in eine geostationäre Umlaufbahn in 36 000 Kilometern Höhe über dem Äquator zu transportieren. Dieser Orbit ist insbesondere für Kommunikationssatelliten, etwa zur Ausstrahlung von Fernsehprogrammen, von Bedeutung. Denn in dieser Höhe brauchen die Satelliten für einen Umlauf um die Erde genau so lange wie die für eine Drehung um sich selbst und scheinen daher über einem Punkt am Boden stillzustehen. Bis die Ariane-5-ECA-Kunden jedoch für solche Flüge gewonnen werden können, muß aber erst einmal das verlorengegangene Vertrauen wieder wettgemacht werden. Für den Start am Sonnabend konnte jedenfalls kein kommerzieller Kunde gewonnen werden. Lediglich ein spanischer Militärsatellit traut sich an Bord - neben einer 3,5 Tonnen schweren Testfracht, die das Verhalten eines echten Satelliten simulieren soll. 60 Sensoren sollen detaillierte Daten über dessen Schwingungen und Vibrationen liefern. Wenn alles gut geht, könnte es nach den Erfolgen der Titan-Sonde "Huygens" und der Mond-Sonde "Smart-1" im All für Europa weiter aufwärts gehen. Über die Folgen eines weiteren Fehlstarts will dagegen im Moment niemand so genau nachdenken. erschienen am 10. Februar 2005 in Wissen [Image] zurück weitere Artikel zum Thema: 1996: Totalschaden beim JUngfernflug vom 10. Februar 2005 (Forschung)