Wissenschaft
Eine Begegnung mit dem Mann vom Mond
Buzz Aldrin: Der Apollo-11-Pilot betrat 1969 als zweiter Mensch den
Mond - jetzt war er zu Besuch in Deutschland. Ein kurzes Gespräch
über den Blick vom Mond, Ideen für Mars-Missionen und die Grenzen
unseres Entdeckungsdranges.
Von Hans-Arthur Marsiske
Während der gesamten Apollo-11-Mission war Buzz Aldrin cool geblieben.
Stets lag seine Pulsfrequenz knapp unter normal, selbst während der
kritischen Phase der Landung auf dem Mond. Nur einmal sprang sie steil
in die Höhe: Das war, als sich auf einmal Präsident Nixon in
der Leitung meldete und mit den Astronauten auf der Mondoberfläche
sprechen wollte.
"Auftritte in der Öffentlichkeit haben mich damals nervös
gemacht", sagt Aldrin, der gemeinsam mit Neil Armstrong und Michael Collins
vor 35 Jahren die erste bemannte Mondlandung durchführte und jetzt
das Space Center Bremen besuchte. "Mit physischen Belastungen konnte ich
dagegen besser umgehen." Heute kann den 74-Jährigen die Öffentlichkeit
nicht mehr schrecken. Geduldig posiert er für die Fotografen mit Darstellern
in Star-Trek-Kostümen.
Die Betreiber des Bremer Erlebnisparks erhoffen sich von dem Weltraumveteranen,
dass er ihnen nach einem grandiosen Fehlstart doch noch zu einer stabilen
Fluglage verhilft. Im Jahr 1959 schrieb er seine Doktorarbeit über
Andocktechniken im Weltraum. Und in den 80er-Jahren entwickelte er die
Idee der Mars-Pendler. In seinem gemeinsam mit dem Science-Fiction-Autor
John Barnes verfassten Roman "Begegnung mit Tiber" machte er die Idee auch
einem breiten Publikum bekannt.
Die Mars-Pendler ähneln vom Prinzip her einem Paternoster: Zwei
oder drei Raumschiffe für jeweils etwa 50 Personen werden auf eine
Umlaufbahn um die Sonne gebracht, auf der sie regelmäßig an
Erde und Mars vorbei kommen. Außer für gelegentliche Kurskorrekturen
wäre kein Treibstoff erforderlich, kleinere Raumfähren würden
die Passagiere von und zu den Planetenoberflächen transportieren.
Auf diese Weise könnte eine sehr effektive, permanente Verbindung
zwischen Erde und Mars eingerichtet werden.
Wenn Aldrin über seine Idee spricht, klingt das eher nüchtern.
Es gebe Diskussionen darüber, welche Rolle die Mars-Pendler in einer
Transportinfrastruktur zwischen Erde und Mars spielen könnten, sagt
er mit überraschend wenig Begeisterung. Spricht da einfach nur ein
Mann, der seine Ideen nicht in mediengerechte Häppchen verpacken mag?
Schwingt da vielleicht auch etwas Enttäuschung mit über die Entwicklung
der Raumfahrt nach den Mondlandungen? Oder ist es eine allgemeine Abgeklärtheit
nach der Überwindung der Alkoholprobleme, mit denen Aldrin nach der
Rückkehr zur Erde zu kämpfen hatte?
Fragen über Fragen. Aber knapp zehn Minuten sind nicht viel Zeit.
Aldrin hat zudem den Ruf, kein ganz einfacher Interviewpartner zu sein.
Einem Reporter soll er ein blaues Auge geschlagen haben, als dieser wissen
wollte, ob die Mondlandung in einem Studio gefilmt worden sei. Und mit
der Frage, "was für ein Gefühl" es sei, auf dem Mond zu stehen,
konnte man ihn regelmäßig zur Verzweiflung treiben. Er hatte
einfach keine Worte dafür. Schließlich war er wegen seiner Fähigkeiten
als Pilot und seiner Kaltblütigkeit für die Mission ausgewählt
worden. Poetische Qualitäten wurden und werden von Raumfahrern nicht
erwartet.
Er hätte es sich leicht machen können und antworten, was
alle hören wollten: Dass die Erde vom Mond aus so schön und verletzlich
aussehe, dass man keine Kriege, keine Grenzen erkennen könne. Aber
das ist nicht die Art von Buzz Aldrin. Er akzeptiert seine Rolle als öffentliche
Person, spielt sie sehr professionell, aber er biedert sich nicht an.
Also bleiben wir lieber auf vertrautem Terrain und sprechen über
das neue, von Präsident Bush verkündete Raumfahrtprogramm, das
eine Rückkehr zum Mond und eine bemannte Mission zum Mars vorsieht.
Aldrin befürwortet das, sieht aber Probleme bei der politischen Umsetzung
eines Programms, das weit über die Amtszeit eines Präsidenten
hinausgeht. Er schlägt vor, Meilensteine im Vier-Jahres-Zyklus zu
setzen: zunächst die Fertigstellung der Internationalen Raumstation,
dann die Ausmusterung des Space Shuttle und Einführung eines neuen
Transportsystems, als nächstes die Rückkehr zum Mond und so weiter.
Nach neun Amtsperioden, also nach etwa 36 Jahren, könnte es auf
diese Weise eine permanent bemannte Station auf dem Mars geben. Denn so
viel ist klar: Ein einmaliger Flug zum Mars in Apollo-Manier, bei dem Fahnen
aufgestellt und Fußabdrücke fotografiert werden, macht keinen
Sinn. Eine bemannte Marsmission, so Aldrin, müsse die dauerhafte Besiedelung
des Weltraums einleiten.
Und wie geht es danach weiter? Fliegen wir zu anderen Sternsystemen,
wie er es in seinem Roman ausgemalt hat, in Raumschiffen mit gewaltigen
Sonnensegeln, die durch Hochenergielaser vorangetrieben werden? Aldrin
zweifelt daran. Für eine so ungeheure Anstrengung brauche es einen
sehr zwingenden Grund, etwa die drohende Zerstörung der Erde.
"Ich gehe davon aus, dass es unmöglich ist, sich schneller als
das Licht fortzubewegen", sagt er. Das beschränke unseren Aktionsradius
auf etwa 100 Lichtjahre, einen winzigen Ausschnitt des Universums. Filme
wie "Star Trek" hätten der realen Raumfahrt eher geschadet als genützt,
indem sie mit Überlichtantrieben die tatsächlichen Dimensionen
des Alls ignorierten und die Erwartungen in fantastische Höhen trieben.
Dann kommt etwas Überraschendes: "Wir können nicht alle diese
Welten erreichen. Und wenn wir das nicht können, warum sollten wir
uns dann für die in der Nähe interessieren? Warum bleiben wir
nicht einfach zu Hause?"
Wie bitte, das sagt ein Mann, der auf dem Mond gestanden hat? Herr
Aldrin, das müssen Sie mir näher . . .
Das Interview ist zu Ende. Buzz Aldrin lacht und zuckt mit den Schultern.
In seinen Augen blitzt etwas auf. Wahrscheinlich ist er ein viel ausgebuffterer
Medienprofi, als wir alle denken.
erschienen am 16. Juni 2004 in Wissenschaft
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Lexikon: das Apollo-Programm vom 16. Juni 2004 (Forschung)