Aldrin Abendblatt-Gespräch mit dem zweiten Mann auf dem Mond

Der Mars ist ein attraktiver Ort

Damit die Menschheit überlebt, müssen wir die Planeten besiedeln. Davon ist "Buzz" Aldrin überzeugt. Der Apollo-11-Pilot über die Zukunft der Raumfahrt.

So winkte Edwin Aldrin am 20.3.2007 bei der Einweihung
des Grand-Canyon-„Skywalks“.

So winkte Edwin Aldrin am 20.3.2007 bei der Einweihung des Grand-Canyon-„Skywalks“. Foto: AP

ABENDBLATT: Rechnen Sie damit, die Rückkehr von Menschen zum Mond selbst noch zu erleben?

ALDRIN: Meine Frau tut sehr viel, um mich noch eine Weile am Leben zu halten. Aber im Jahr 2020 werden von den 24 Personen, die zum Mond geflogen sind, nicht mehr viele übrig sein. Das Treffen zum 50. Jahrestag der Mondlandung 2019 wird ziemlich traurig werden, mit vielen Krücken und Rollstühlen. Es gibt auch schon Vorschläge, die Landung auf 2025 zu verschieben, um die finanziellen Lasten zu verringern. Das würde allerdings auch die zeitliche Lücke zwischen der Ausmusterung des Spaceshuttles und der Verfügbarkeit des neuen Transportsystems Orion vergrößern. Es sei denn, es gelingt bis dahin, im Rahmen des COTS-(Commercial Orbital Transportation System)-Programms eine privatwirtschaftliche Alternative zu entwickeln. Die Nasa hat im vergangenen Jahr zwei US-Firmen, SpaceX und Rocketplane-Kistler, Geld für eine erste Entwicklungsphase gegeben. Ich bezweifle aber, dass beide Unternehmen in der Lage sind, ein komplettes Transportsystem zu entwickeln. Hier bieten sich interessante Kooperationsmöglichkeiten für Europa.

ABENDBLATT: Haben Sie den Eindruck, dass sich seit dem Absturz der Raumfähre "Columbia" am 1.2.2003 einiges geändert hat? Immerhin hat Präsident George W. Bush ein Jahr später die Space-Exploration-Initiative verkündet.

ALDRIN: Wir haben jetzt einen neuen Plan, der die Kräfte fokussiert und einige politische Unterstützung erhält. Die Herausforderung besteht darin, diesen Plan in die nächsten Amtsperioden der künftigen Präsidenten hinüberzuretten. Ich sehe es als meine Aufgabe, die Errungenschaften des Apollo-Programms mit den neuen Plänen zu verbinden. Eine ganze Generation hat bemannte Raumfahrt in den letzten Jahren nur im Zusammenhang mit dem Spaceshuttle erlebt. Doch diese Missionen konnten die Menschen nicht so begeistern wie die Bilder des Hubble-Space-Teleskops, des Cassini-Orbiters beim Saturn oder der Exploration-Rover auf dem Mars.

ABENDBLATT: Befürchten Sie, die Exploration-Initiative könnte scheitern?

ALDRIN: Ja, diese Sorge habe ich durchaus. Es ist sehr aufwendig, auf dem Mond bemannte Stationen zu unterhalten. Daher könnte es sinnvoll sein, nach der Erkundung durch Menschen die weiteren Arbeiten durch Roboter ausführen zu lassen. Die führenden Leute bei der Nasa gehen dagegen von kontinuierlich wachsenden Einwohnerzahlen auf dem Mond und dem Mars aus.

ABENDBLATT: Auf der Bremer Konferenz wurde mehrmals der Gedanke geäußert, dass die Besiedelung des Mars aufgrund der dort vorhandenen Ressourcen einfacher sein könnte.

ALDRIN: Auf keinen Fall sollten wir ein paar Mal dorthin fliegen und dann wieder damit aufhören. Es muss eine kontinuierliche Evolution sein. Daher sehe ich auch keinen Grund zur Eile. Wir könnten zunächst erdnahe Asteroiden besuchen, mit den dort gewonnenen Erfahrungen zu den Marsmonden Phobos und Deimos fliegen und von dort aus Erkundungen der Marsoberfläche vornehmen.

ABENDBLATT: Das heißt, wir würden die Marsmonde als natürliche Raumstationen nutzen?

ALDRIN: Genau. Wir wissen allerdings noch wenig über ihre Beschaffenheit. Wir wissen auch nicht, wie Astronauten mehrjährige Schwerelosigkeit verkraften können. Ich denke, dass man mit geeignetem Training dem entgegenwirken kann. Aber wir sollten auch künstliche Gravitation in Erwägung ziehen. Eine interessante Maschine, die ich in Südkalifornien gesehen habe, kombiniert beides: Es ist eine Art Karussell für zwei Personen, das durch einen Menschen auf einem Fahrradtrainer in Bewegung gesetzt wird. Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass für den Betrieb keine Energie erforderlich ist.

Damit die Menschheit überlebt, müssen wir die Planeten besiedeln. Davon ist "Buzz" Aldrin überzeugt. Der Apollo-11-Pilot über die Zukunft der Raumfahrt.

ABENDBLATT: Nach dem Absturz der "Columbia" hat die Nasa beschlossen, den Transport von Astronauten und Fracht zu trennen. Sie sind damit nicht einverstanden?

ALDRIN: Die Trennung von Passagieren und Fracht ist sicherlich sinnvoll. Die Nasa will aber nicht nur unterschiedliche Raumschiffe, sondern auch separate Trägerraketen, die "Ares I" und die "Ares V", dafür entwickeln. Nun mag man bei Trägerraketen für unbemannte Missionen gewisse Abstriche hinsichtlich der Zuverlässigkeit machen können. Ich habe aber Zweifel, ob diese Ersparnisse die Entwicklung eines eigenen Trägersystems wirklich aufwiegen können.

ABENDBLATT: Sie haben gemeinsam mit John Barnes den Science-Fiction-Roman "Begegnung mit Tiber" geschrieben, in dem es um interstellare Raumfahrt geht. Werden wir eines Tages unser Sonnensystem verlassen?

ALDRIN: Die Barriere, die wir auf dem Weg zum nächsten bewohnbaren Planetensystem überwinden müssen, ist sehr groß. Um das Überleben der Menschheit zu sichern, reicht es zunächst aus, unsere nähere Umgebung im Sonnensystem zu besiedeln. Der Mars ist sicherlich der attraktivste Ort dafür. Dann können wir darüber nachdenken, wie wir dem Erlöschen der Sonne in mehreren Milliarden Jahren entkommen wollen.

ABENDBLATT: Haben Sie es je bedauert, bei der ersten Mondlandemission dabei gewesen zu sein?

ALDRIN: Ich habe natürlich davor und danach immer wieder darüber nachgedacht. Was ich an Depressionen und Alkoholismus durchgemacht habe, wäre bei einer der späteren, komplizierteren Missionen kaum anders gewesen. Aber die Unterbrechung des bisherigen Lebens und die anschließende Anpassung an ein unstrukturiertes Leben waren bei der ersten Mission sehr viel gravierender. Wir bekamen eine ungeheure Aufmerksamkeit. Der kann man ausweichen, so wie Neil es ganz bewusst getan hat und dabei produktiv geblieben ist. Wenn ich mich zurückziehen würde, würden mir die Anregungen durch andere Menschen fehlen. Ich hätte viel mehr im Nebel verschwinden können. Aber ich habe mich Schritt für Schritt daran gewöhnt, unter Leute zu gehen. Meine Frau hat mir dabei sehr geholfen.

Hans-Arthur Marsiske

erschienen am 26. März 2007