Wie Airbags in Zukunft noch schneller reagieren

Neuer Sensor spürt Schwingungen der Karosserie - Radar sieht sogar Crash voraus

Von Hans-Arthur Marsiske

München - Wenn's kracht, dann kracht's - und das ist gut so. Jedenfalls wenn der zweite Knall ein bis zwei Hundertstelsekunden nach dem ersten erfolgt. Denn das bedeutet, daß sich der Airbag rechtzeitig aufgeblasen hat, um die Insassen beim Aufprall abzufangen. Unfallopfer erinnern sich an den Airbag-Knall meist nicht. Doch: "Die Lautstärke bei der Aktivierung eines Airbags entspricht ungefähr einem Gewehrschuß", erläutert Hubert Paulus vom Technik-Zentrum des ADAC.

Airbags sind also ein recht aggressives Rettungssystem. Um einen Überblick über vom Airbag verursachte Verletzungen zu gewinnen, hatte der ADAC mit dem Institut für Fahrzeugsicherheit und der Bundesanstalt für Straßenwesen europaweit rund 700 Beispiele analysiert. Dabei entpuppten sich Störungen des Gehörs als häufigste Verletzung. "Zum Glück klingen sie meist nach wenigen Tagen wieder ab", so Paulus. Gefährlich wird es, "wenn ein Beifahrer etwa lässig die Beine aufs Armaturenbrett legt. Dann kann er vom Airbag durchaus durch die Heckscheibe geschleudert werden", warnt Karl-Friedrich Ziegahn. Der Physiker erforscht am Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie bei Karlsruhe die Zusammensetzung von Treibladungen für Airbags. Die Entwicklung geht dabei gegenwärtig vor allem in Richtung von Treibladungen, die flexibel aktiviert werden können. Zudem sollten bei der Verbrennung keinesfalls giftige Gase entstehen. Hybridgasgeneratoren, bei denen das Füllgas aus einer Druckflasche kommt, sind eine Alternative. Aktuell beschäftigen sich Forscher damit, Wasserdampf als Füllgas zu erschließen.

Wichtigstes Steuerungselement für den Airbag sind die Beschleunigungssensoren an Kardanwelle und Stoßstangen, die innerhalb von fünf Millisekunden nach dem Aufprall über die Auslösung entscheiden. Nach etwa zehn Millisekunden beginnt die Entfaltung des Airbags. Innerhalb von etwa 30 Millisekunden ist der Airbag aufgeblasen.

Ein neuartiger, von Siemens VDO Automotiv entwickelter Körperschallsensor (CISS) reagiert noch schneller. Er erkennt Art und Schwere eines Unfalls an hochfrequenten Schwingungen der Karosserie und soll die Zeit zwischen Aufprall und Zündung des Airbags gegenüber heutigen Sensoren noch einmal halbieren. Anfang 2007 soll das neue System in Serie gehen.

Mit Hilfe von Radarsensoren ist es sogar möglich, einen unvermeidbaren Unfall bereits kurz vor dem Zusammenprall zu erkennen. "Die S-Klasse ist bereits mit solchen Systemen ausgestattet", sagt ADAC-Experte Paulus. Airbags werden darüber jedoch nicht gesteuert, sondern lediglich die Sicherheitsgurte gestrafft, die Sitze aufrecht gestellt oder Fenster und Schiebedach geschlossen. Das Schutzsystem wird gewissermaßen scharfgemacht.

Volkswagen arbeitet an einem neuartigen System zum Schutz vor seitlichen Zusammenstößen. Das Forschungsteam zeigte kürzlich, wie ein VW Phaeton innerhalb von drei Hundertstelsekunden seitlich um zehn Zentimeter angehoben werden kann, nachdem das Radar einen bevorstehenden Aufprall erkannt hat. Diese zehn Zentimeter bewirken, daß die Stoßstange nicht auf die Tür, sondern auf den stabileren Bereich darunter trifft, was Risiken für Insassen deutlich mindert. Denn wird die Tür eingedrückt, helfen auch Airbags nicht mehr viel. So aber können sie den Aufprall abfangen.

Aus der Berliner Morgenpost vom 11. April 2006

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