[DIE WELT online] [Image] Auch Affen wollen einen fairen Handel Gerechtigkeitsgefühl schon früh in der Evolution von Hans-Arthur Marsiske [Zwei Kapuzineraffen teilen sich gerecht ein Stück Nahrung] Atlanta -  Zwei Kapuzineraffen teilen sich gerecht ein Stück Nahrung Gurken Foto: dpa  sind lecker, aber Weintrauben sind noch leckerer. So sehen es jedenfalls Kapuzineraffen. Wenn ein Artgenosse für den gleichen Preis, den sie für ein Stück Gurke bezahlen, eine Weintraube bekommt, reagieren sie mit Empörung. Sarah Brosnan und Frans de Waal vom Yerkes National Primate Research Center der Emory University in Atlanta (Georgia) wollten untersuchen, ob das Gerechtigkeitsempfinden eine Eigenschaft ist, die ausschließlich Menschen zu Eigen ist, oder ob auch andere kooperierende Lebewesen in der Lage sind, gerechtes und ungerechtes Handeln zu unterscheiden. Zu diesem Zweck brachten sie, wie die beiden Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" berichten, einigen Kapuzineraffen eine einfache geschäftliche Transaktion bei: Gegen eine Art Währungseinheit in Gestalt eines kleinen Granitsteins bekamen sie ein Stück Gurke. In einer vorhergehenden Studie hatten Brosnan und de Waal beobachtet, dass nur Weibchen auf Ungleichheiten bei den Transaktionen reagierten. Zwar war die Anzahl der untersuchten Tiere zu gering, um daraus grundlegende, geschlechtsspezifische Verhaltensweisen abzuleiten. Für die weiteren Experimente stützten sie sich dennoch ausschließlich auf weibliche Kapuzineraffen. Deren Verhalten wurde unter vier verschiedenen Bedingungen untersucht: Wenn zwei Affen gleichzeitig Münzen gegen Gurken tauschten, liefen die Transaktionen am reibungslosesten ab, nur etwa fünf Prozent misslangen. Wenn ein Affe Gurken bekam, der andere aber Trauben, weigerte sich der erste Affe in knapp der Hälfte der Versuche, den Handel zu akzeptieren. Entweder gab er die Münze nicht her, warf sie fort oder nahm die Gurke nicht an. Bekam der zweite Affe eine Traube, ohne selber etwas dafür tun zu müssen, verweigerte der erste die Transaktion sogar in 80 Prozent der Versuche. Etwas entspannter war es in der vierten Situation, bei der der zweite, bevorzugte Affe abwesend war und lediglich dort, wo er in den anderen Versuchen seine "Einkäufe" durchführte, Trauben bereitgelegt wurden. Hier lag die Verweigerungsrate insgesamt wieder bei etwa 50 Prozent und ging im Lauf der Versuche noch weiter zurück. Unter den ersten drei Bedingungen zeigte sich dagegen die umgekehrte Tendenz. Brosnan und de Waal interpretieren ihre Beobachtungen zum Affenhandel dahingehend, dass das Verhalten der Versuchstiere weniger durch die bloße Präsenz einer höherwertigen Belohnung als durch die Beobachtung eines als ungerecht empfundenen Verhaltens beeinflusst wird. Die Forscher vermuten, dass die Kapuzineraffen ähnlich wie Menschen von sozialen Emotionen geleitet werden, die wiederum bestimmte Erwartungen darüber herausbilden, "wie gemeinhin jemand behandelt und wie Ressourcen geteilt werden sollten". Die Versuche, so Brosnan und de Waal, unterstützen die Annahme, dass sich bereits in einer frühen Phase der Evolution der Primaten eine Abneigung gegen Ungerechtigkeit entwickelt hat. Artikel erschienen am 18. Sep 2003 Artikel drucken   © WELT.de 1995 - 2003