Hamburger Abendblatt


Wissenschaft

Was hätte die NASA tun können?


Von Hans-Arthur Marsiske

Ist der Schaden, der zum Absturz der Raumfähre Columbia führte, beim Start aufgetreten? Videobilder zeigen, dass sich ein Stück Isolierung vom Treibstofftank löste und gegen die linke Tragfläche prallte. Techniker stuften den Zwischenfall als geringfügig ein. Das sei möglicherweise ein Fehler gewesen, räumte Ron Dittemore, bei der NASA verantwortlich für das Raumfährenprogramm, ein. Das Abendblatt stellt Fragen, die die Menschen nach dem Unglück bewegen:

Welche Handlungsmöglichkeiten hätte es gegeben, wenn die NASA das Ereignis ernster genommen hätte? Zunächst hätte sie den Start abbrechen können. Bis zu einer Höhe von 3000 Metern kann der Shuttle sich von den Raketen trennen und zum Startplatz zurückkehren, sagt Klaus Berge, Direktor beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Bis 10 000 Meter Höhe gibt es die Möglichkeit, einen Landeplatz in Spanien anzusteuern. Dazu hätten die Techniker am Boden innerhalb kürzester Zeit zu dem Schluss kommen müssen, dass die Raumfähre zu stark beschädigt war, um den Wiedereintritt in die Atmosphäre zu überstehen. Nachdem ein Raumfahrzeug seinen Orbit einmal erreicht hat, kommt es um den Wiedereintritt jedoch nicht herum. Neben dem Start ist das die kritischste Phase eines Raumflugs. Der Shuttle muss extreme Kräfte und Temperaturen von etwa 1600 Grad Celsius aushalten. Die Gase in der Umgebung werden sogar bis zu 3000 Grad heiß, sagt ESA-Astronaut Thomas Reiter.

Hätte die Crew den Hitzeschild inspizieren oder gar reparieren können? Mit dem Roboterarm, der normalerweise in der Ladebucht des Shuttles mitgeführt wird, wäre eine Inspektion möglich gewesen, sagt Berge. Das war aber bei diesem Flug nicht vorgesehen. Frühere Inspektionen, bei denen am Roboterarm eine Kamera befestigt worden war, hätten zu dem Schluss geführt, dass die weichen Schaumteile, die sich gelegentlich vom Tank lösen, den Kacheln des Hitzeschilds nichts anhaben können. Selbst wenn die Astronauten auf diese Weise eine Beschädigung des Hitzeschilds festgestellt hätten, hätten sie nichts tun können. Zum einen hätte es weder Ersatzkacheln noch geeignetes Werkzeug an Bord gegeben. Zum anderen waren die Astronauten nicht auf einen Ausstieg ausder Raumfähre vorbereitet. Normalerweise erfordern Außenbordeinsätze monatelanges Training, bei dem jeder Handgriff geübt wird. Während eines Einsatzes kann ein Astronaut leicht mehrere Kilo Körpergewicht verlieren. Ein improvisierter Reparatureinsatz im All ist daher völlig undenkbar. Raumfähren-Chef Dittemore bestätigte auf Fragen von Journalisten, dass es in der Anfangszeit des Shuttle-Programms Überlegungen gegeben habe, eine solche Reparaturfähigkeit zu entwickeln. Man habe dann aber darauf verzichtet. Die Befürchtung war, dass die Astronauten an den Kachelndes Hitzeschilds womöglich mehr Schaden anrichten als reparieren könnten, so Dittemore.

Hätte die Crew zur ISS fliegen können? Auch das wäre kein Ausweg gewesen. Die Flugbahnen von Raumfähre und Raumstation waren zu unterschiedlich und zu weit entfernt, sodass der Treibstoff nicht gereicht hätte, sagt DLR-Experte Berge. Außerdem hatte die Columbia keinen Andockstutzen, um an die Raumstation anzudocken. Ein Hinüberschweben in Raumanzügen sei nicht möglich. So etwas sieht man nur in Science-Fiction-Filmen. Denkbar, so Berge, sei eine Rettungsaktion mit einem zweiten Shuttle gewesen. Die hätte dann allerdings von vornherein bereitstehen müssen. Sie innerhalb von ein oder zwei Wochen startklarzu machen sei nicht möglich. Die Vorräte an Bord einer Raumfähre reichen jedoch nur für 17 Tage.

erschienen am 4. Feb 2003 in Wissenschaft

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